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Buchtipp: „Sonst war nichts“: Steffen Brücks faszinierender Alltag

Buchtipp: „Sonst war nichts“

Steffen Brücks faszinierender Alltag

Ein Buch und ziemlich viele gelbe Merkzettel und ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto und was das alles miteinander zu tun hat. FOTO: Wolfgang Kaes

Bonn 168 Geschichten über die manchmal unerträgliche Bedeutung des Moments: Steffen Brücks „Sonst war nichts“ ist ein zutiefst berührender Roman in Miniaturen.

Neben meinem Schreibtisch in der Journal-Redaktion hängt ein großes, gerahmtes Foto an der Wand. Es ist schon ziemlich alt, so um die 30 Jahre. Die Patina des vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos passt sehr schön zu dem im Lauf der Zeit nachgedunkelten Holzrahmen mit der Goldkante.

Die Kollegen der Siegburger Lokalredaktion haben es ihrem damaligen Chef geschenkt, bevor der sie verließ, um im Bonner Mutterhaus des General-Anzeigers einen neuen Schreibtisch zu beziehen. Sie hatten sich zu diesem Zweck im Siegburger Stadt­museum versammelt und sich auf der Treppe des Foyers niedergelassen – Redakteure, Volontäre, freie Mitarbeiter, vornehmlich Studenten, die sich nebenher mit dem  Schreiben etwas dazuverdienten und für später dazulernten.

Das alte Foto übt bis heute auf Besucher der Journal-Redaktion eine bemerkenswerte Anziehungskraft aus. Manche trauen sich, danach zu fragen, und dann berichte ich unaufgefordert und nicht ohne Stolz, was aus den jungen Leuten auf dem Foto so alles geworden ist.

Zum Beispiel aus dem jungen Mann ganz unten rechts: Steffen Brück ging nach dem Examen an der Bonner Uni nach Berlin, wurde Kulturredakteur beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, auch rbb genannt, außerdem schreibt er regelmäßig für taz und Titanic und organisiert in Kreuzberg die Lesebühne „Menschen auf Stühlen“.

Der Autor verehrt Max Goldt und Eckhard Henscheid

Ich erinnere mich an einen klugen und belesenen und angenehm feinsinnigen jungen Mann, der Max Goldt und Eckhard Henscheid verehrte. Wir kannten uns nur zwei, drei Jahre, eine kurze Zeit, gemessen an der Zeit, die seither vergangen ist.

Dieser Tage erhielt ich Post aus Niederstetten. Das liegt in Franken und hat 4834 Einwohner, sagt Wikipedia. Der dort ansässige Buchverleger Günther Emig schrieb: „Liebe Rezensentinnen und Rezensenten, Ihrer Aufmerksamkeit anempfehlen möchten wir Steffen Brücks beiliegenden Miniatur-Roman ...“

Steffen? Unser Steffen?

Nun bin ich weder eine Rezensentin noch ein Rezensent, auch wenn der Buchverleger das offenbar denkt. Ich kann das nämlich gar nicht: Literatur geistvoll rezensieren. Ich werde es nach 40 Berufsjahren wohl auch nicht mehr lernen, zumal es mir auf diesem Feld an Ehrgeiz mangelt.

Wunderbares Buch! Toller Film! Leckerer Blanc de Noir!

Zwar liebe und schätze ich kulturelle Erzeugnisse. Aber schon bei der Reflexion des Konsumierten im alltäglichen Gespräch geht mir schnell der Text aus: „Wunderbares Buch!“ / „Toller Film!“ / Oder einfach: „Lecker!“ – über einen Blanc de Noir von der Ahr, über den andere vielleicht Bücher schreiben könnten.

So. Ich lasse den Buchverlegerbrief zurück auf den Schreibtisch sinken, schaue hinauf zu dem Foto an der Wand, zu dem jungen Mann ganz unten rechts, sehe ihm in die viel zu ernsten Augen und sage laut und mit fester Stimme: „Steffen, ich bin sehr gespannt.“ Und denke leise: Wenn es nicht gut ist, schreibe ich gar nichts.

Aber was mache ich, wenn es gut ist? Ich stecke den wattierten Umschlag aus dem fränkischen Niederstetten in meine Reportertasche und fahre ins Wochenende und finde während der Fahrt keine Antwort.

Samstag auf dem Balkon. Es ist gar kein „Miniatur-Roman“, wie der Verleger in seinem Anschreiben behauptet. Es ist vielmehr ein ausgewachsener, 208 Seiten dicker Roman in Miniaturen. Und es ist richtig gut.

Geschichten übers Kind-Sein, Vater-Verlieren, Erwachsenwerden

Es ist eine in Episoden erzählte Lebensgeschichte. Es ist deine Lebensgeschichte, Steffen, mach mir doch nichts vor. Von 0 bis Anfang 50. Über das Kind-Sein und über das Vater-Verlieren und über das Erwachsenwerden und über das Vater-Werden. Über das Lieben, über das Versagen und über den Schmerz, den beides erzeugt. So alltäglich, so scheinbar banal wie jedes andere normale Leben, so aufregend, so unfassbar spektakulär wie jedes andere normale Leben.

Auf der schneeweißen Klappe schreibt der Kölner Indie-Pop-Musiker PeterLicht (ja, liebe Lehrende, ohne Leertaste zwischen Peter und Licht; das darf der, weil es ein Künstlername ist) über Steffens Buch: „Zum Schreien komisch und zum Weinen traurig. Eine Geschichte von der manchmal unerträglichen Bedeutung des Moments ...“

Ich beschließe zu Beginn der Lektüre, jene Stellen, die mich ganz besonders berühren, mit gelben Merkzetteln zu versehen, damit ich sie später, wenn ich für den General-Anzeiger über das Buch schreibe, schneller wiederfinde zwischen all den vielleicht weniger berührenden Stellen.

Das war im Interesse der arbeitsökonomischen Effizienz keine gute Idee, wie sich bald herausstellte und wie das Foto demonstriert. Aber: Das Foto erzählt nun alles über die Qualität des Buches. Besser als ich es jemals könnte.

Steffen Brück: Sonst war nichts. Roman in Miniaturen. Edition Hammer + Veilchen in Günther Emigs Literatur-Betrieb, 208 S., 12 Euro