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Musiker im Interview: Steven Wilson bringt pure Lebensfreude auf die Bühne

Musiker im Interview : Steven Wilson bringt pure Lebensfreude auf die Bühne

„Da steckt Abba drin“, sagt Steven Wilson über einen seiner neuen Songs. Der britische Musiker stürmt die Charts immer wieder mit intelligenter Popmusik, am 17. Juli stellt er auf dem KunstRasen sein Album „To The Bone“ vor.

Vor ein paar Tagen spielte Wilson im legendären Konzerthaus Olympia, wo schon Künstler wie Edith Piaf, France Gall und Gilbert Bécaud aufgetreten sind. Seine Show begann er mit dem Kurzfilm „Truth“, gefolgt vom Titelsong des neuen Albums. Aus seiner Zeit mit Porcupine Tree hat er unter anderem die Nummern „Sleep together“ und „Don’t Hate Me“ im Repertoire. GA-Autor Steffen Rüth traf den Musiker, der auch immer wieder mit Aviv Geffen als Duo Blackfield aktiv ist, zum Interview in Berlin.

GA: Mr. Wilson, Sie haben sich für „To The Bone“ von Peter Gabriel, Kate Bush und der Band Talk Talk inspirieren lassen. Was schätzen Sie an diesen Kollegen?

Steven Wilson: Ich mag die Eleganz und die zeitlose Würde von Alben wie Talk Talks „Spirit of Eden“ oder Peter Gabriels „So“. Auch Radiohead ist für mich eine große Band, vielleicht die größte überhaupt. Die hätten nach „OK Computer“ sogar die nächsten U 2 werden können.

GA: Und warum ist es es Ihrer Meinung nach nicht dazu gekommen?

Wilson: Die Kollegen von Radiohead sind dem großen Druck und den Erwartungen einfach ausgewichen und haben sehr klug etwas ganz Anderes gemacht.

GA: Ihre eigenen Alben landen in Deutschland und auch anderswo regelmäßig weit vorne. Wie gehen Sie mit dem Erfolg um?

Wilson: Ich begegne ihm mit gemischten Gefühlen. Ich würde unter dem Druck leiden, wenn ich nach einem Hit oder einem extrem erfolgreichen Album nachlegen und den Erfolg bestätigen müsste.

GA: Nervt dieser Automatismus der Musikbranche?

Wilson: Ich finde, so sollte Kunst nicht funktionieren. Klar, als ich aufwuchs, war eines meiner größten Idole Prince. Ein toller Sänger und Songschreiber, exzentrisch, sehr gut gekleidet. Ich habe ihn geliebt. Und ein kleiner Teil von mir will so was auch: Popstar sein.

GA: Zielt Ihr Song „Permanating“ nicht zwangsläufig auf einen vorderen Platz in den Charts ab?

Wilson: „Permanating“ ist ohne Zweifel der poppigste Song, den ich jemals aufgenommen habe. Da steckt Abba drin, Daft Punk, die Beatles, das ist die pure Lebensfreude. Aber ich orientiere mich eben eher am glorreichen Pop der Siebziger Jahre, nicht am farblosen Pop von heute.

GA: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Popmusik?

Wilson: Die kreativste Phase in der Pop- und Rockmusik waren für mich die zweieinhalb Jahrzehnte zwischen „St. Pepper’s“ von den Beatles und dem Aufkommen des Grunge. Seit Mitte der Neunziger ist nicht mehr viel Aufregendes passiert.

GA: Wollten Sie mit „To The Bone“ eine Routine durchbrechen?

Wilson: Ja, vor allem durch zwei Dinge. Ich habe weniger mit Band gearbeitet, sondern so gut wie alle Instrumente selbst eingespielt. Das hat mich 18 Monate gekostet, war aber sehr aufregend. Ich bin besessen von Musik, ich habe keine Kinder, kaum Freizeit. Ich bin ein Getriebener der Musik, und das vollkommen freiwillig. Ich weiß sowieso nicht, was ich abseits von der Musik mit mir anstellen soll. Im Studio bin ich am besten aufgehoben.

GA: Und die zweite Änderung?

Wilson: Mit Paul Stacey ist erstmals ein Co-Produzent dabei. Ich habe es endlich geschafft, ein wenig Kontrolle abzugeben. Das ist eine Sache, die mir traditionell eher schwer fällt.

GA: Sie sind 50 Jahre alt. Gehört man mit dem Alter als Rockmusiker noch zu den jungen Leuten?

Wilson: Es ist witzig – irgendwie schon. Vor allem gehört man zu den Leuten, die nicht so banal sind. Roger Waters, Neil Young, ich, wir hängen uns wirklich rein, um auch mal die Routinen zu durchbrechen. Die konservativste Altersgruppe im Pop sind mittlerweile die Leute zwischen 20 und 30, dabei waren das früher die Revoluzzer. Doch jetzt? Ed Sheeran, meine Güte. Ein netter Junge, aber keinen Funken Charisma. Was ist bloß falschgelaufen?

GA: Wird Musik jetzt dank Donald Trump und Brexit wieder bissiger, drängender, mutiger?

Wilson: Ich weiß nicht. Die Jugend definiert sich über Schuhe und Videospiele. Sie mögen Musik, aber eher im Hintergrund. Musik als Mittel des Protests scheint keine Bedeutung mehr zu haben. Hip-Hop zum Beispiel war mal sehr wütend und sozial relevant. Aber selbst dieses Genre ist so vorhersehbar geworden. Kanye West hat sogar Trump unterstützt, warum auch immer.

GA: Ihr vorheriges Album war ein Konzeptwerk über eine Frau, die unentdeckt tot in ihrer Wohnung lag. Was ist jetzt der rote Faden?

Wilson: Ein durchgängiges Konzept gibt es nicht. Der rote Faden ist so ein bisschen die Zeit, in der wir leben. Mir ist aufgefallen, dass gleich mehrere Songs das Thema Terrorismus aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

GA: Wie kommt es dazu?

Wilson: Der Terror ist sehr nah an meine eigene Welt gerückt – Bataclan, Manchester, der Pulse-Nachtclub in Orlando. Mir macht das Angst, aber ich will nicht, dass es mir Angst macht.

GA: „People Who Eat Darkness“ handelt vom Terroristen von nebenan, „Detonation“ von verblendeten Extremisten. Lassen sich diese beiden Gruppen auseinanderhalten?

Wilson: Das wird immer schwieriger. Es ist ja schon ein Klischee, wenn die Nachbarn befragt werden und sagen „Er war immer freundlich und unauffällig“. Und dann geht er halt los, voller Hass und Abscheu gegen Schwarze, Weiße, Schwule, Mexikaner, die Polizei, vollkommen egal. Terroristen rechtfertigen ihre kranke Sicht mit ihrem kranken Fundamentalismus. Das sind keine Gläubigen, sondern Hassende.

GA: Lehnen Sie den Glauben ab?

Wilson: Ich war nie religiös. Die Religion ist eine Erfindung der Menschheit, um die Angst vor dem Sterben halbwegs erträglich zu machen. Wir stehen ständig unter Druck, das perfekte Leben, den perfekten Beruf, den perfekten Partner zu finden – weil uns die Zeit davon läuft und wir irgendwann tot sein werden. Gott, oder wie immer er heißt, soll den Menschen einen Ausweg aus dem ewigen Hamsterrad aufzeigen. Theoretisch keine schlechte Idee, in der Praxis führt Religion jedoch zu viel zu viel Hass, Wut und Abgrenzung.

GA: Progressive Rock steht im Ruf, Musik für eher verschrobene Zeitgenossen zu sein. Zu Recht?

Wilson: Progressive Rock ist tatsächlich so weit weg vom Mainstream, dass diese Musik für viele für immer unsichtbar bleibt. Ich persönlich benutze das Wort grundsätzlich nicht in Bezug auf mein eigenes Schaffen. Höchstens die Hälfte meiner Alben fällt in diese Kategorie. Ich sehe mich auch im Ambient, Metal, Pop. Generell fühle ich mich keinem speziellen Genre zugehörig, sondern allen. Zum Glück gibt es noch ausreichend Leute, die so etwas zu schätzen wissen.

GA: Wer ist Ihr Publikum?

Wilson: Es ist eine Minderheit, aber keine verschwindende. Es gibt noch genügend Menschen, die sich einfach mal eine Stunde hinsetzen und ein Album hören.

GA: Gibt es nationale oder regionale Unterschiede?

Wilson: Ja, erstaunlich starke sogar. In England und Nordamerika sind die Fans über 40, in Lateinamerika hingegen unter 30. Dort laufe ich öfter im Radio.

GA: Und bei uns?

Wilson: In Mitteleuropa kommen alle zu den Konzerten – gesetzte Musikliebhaber, die mit Bands wie Pink Floyd aufgewachsen sind, und Jugendliche, die meine Musik inspirierend finden.