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Biografie von Ex-"Spiegel"-Chef Stefan Aust: Skandale im Zeitraffer

Skandale im Zeitraffer : Ex-“Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust schreibt Buch

Eine echte Autobiografie ist Stefan Austs Buch „Zeitreise“ nicht. Weniger erzählt es das Leben, sondern die Großtaten des Autors. Aust war halt immer zur richtigen Zeit am rechten Ort.

Dunkle Wolken über dem „Spiegel“. Die Auflagenzahl im Sinkflug, die Laune im Keller. Und der Chefredakteur hört die Säge nicht, die an seinem Stuhl kratzt. Wer 1994 die Säge sehr wohl hört und offenbar als einziger ahnt, was sich da zusammenbraut, ist Stefan Aust, Chef von „Spiegel TV“.

Er berichtet, was da passiert: Der Konkurrent „Focus“ läuft immer besser; „Spiegel“-Gründer und Übervater Rudolf Augstein lässt die Zügel schleifen, kommt nur noch selten ins Haus; die aktuelle Doppelspitze arbeitet mehr gegen- als miteinander. „Spiegel“-Dämmerung.

Der eine Chefredakteur, Werner Kaden, geht; der andere, Hans Werner Kilz, probiert es solo. „Dabei wurden die Titel immer langweiliger, und die Auflage sank entsprechend ab“, stichelt Aust. Die Gründe suche man beim Aufstieg des privaten Fernsehens und beim Konkurrenten „Focus“ – nicht im Haus selbst, in dessen Korridoren man Passivität und Defätismus wittern könne.

Augstein rückt von seinem Kronprinzen ab, denkt über Alternativen nach, vertraut seiner engsten Mitarbeiterin Irma Nelles an: „Stefan Aust wird es können. Einer, der die Kinder von Ulrike Meinhof vor einem Palästinenserlager gerettet hat, wird auch den Spiegel in den Griff kriegen.“

Die Lage eskaliert, die Mitarbeiter (denen die Hälfte des Unternehmens gehört) sammeln Unterschriften für den Verbleib von Kilz. Augstein droht damit, alles hinzuschmeißen. Am Ende bekommt Aust den Job – und bleibt 13 Jahre an der Spitze.

Aust entscheidet sich, Dieter Wild als Stellvertreter zu behalten. Der Grund ist bizarr: Beide Herren pflegen vor der Morgenkonferenz zu reiten. „Wenn man morgens bei frischer Luft im Galopp über den Platz fegte, konnte einen in der Konferenz so schnell nichts mehr aus dem Sattel werfen. Und wenn doch, dann stieg man eben wieder auf.“ Das verband wohl beide Herren.

Wild starb 2019. Aust ist gerade 75 Jahre alt geworden, beste Zeit für eine Bilanz, die der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur, Herausgeber und Chefredakteur der „Welt“ nun auf üppigen 655 Seiten aufgeschrieben und unter dem Titel „Zeitreise“ herausgebracht hat.

Ein bisweilen ermüdender, oft aber auch spannender Werkstattbericht

Es steht zwar „Autobiografie“ drauf, man erfährt jedoch abgesehen von einigen Details aus der Kindheit herzlich wenig wirklich persönliches über den am 1. Juli 1946 in Stade geborenen Bauernsohn. 14 Seiten umfasst das Personenverzeichnis am Ende des Buchs, kaum ein Zeitgenosse ist Aust einer näheren Beschreibung wert.

Distanziert und im Telegrammstil berichtet er etwa, wie er die 22-jährige Katrin wiedertraf, man gemeinsam ausritt. „Von da an blieben wir zusammen und zogen später ins Haus meines Großvaters (...). Dort kamen unsere beiden Töchter Antonia, 1990, und Emilie, 1997, zur Welt. Und geheiratet wurde zwischendurch auch. Die Ehe hält bis heute.“ Das war’s.

Austs „Zeitreise“ ist also keine echte Autobiografie und auch kein süffiger Schlüsselroman, wie ihn sein Kollege Hellmuth Karasek etwa einst über „Das Magazin“ schrieb. Aust ist ohnehin kein begnadeter Stilist. „Beim »Spiegel« gab es bessere Schreiber als mich selbst“, räumt er einmal ein.

Nein, Austs Buch ist ein bisweilen ermüdender, oft aber auch spannender, ausführlicher Werkstatt- und Tätigkeitsbericht, der alle großen Geschichten des Journalisten Aust aus sechs Jahrzehnten rekapituliert und alle prägenden Themen dieser Zeitspanne in Deutschland noch einmal besichtigt. Seine Arbeits-Biografie ist zugleich auch eine Chronique scandaleuse der Bundesrepublik. Er war immer zur richtigen Zeit am rechten Ort, und es gelingt ihm wiederholt, die Ereignisse in ihrer Dramatik toll zu erzählen.

Dass Aust dabei stets im besten Licht erscheint, muss man wohl als charakteristische déformation professionelle in diesem Metier abtun, auch wenn es mitunter doch gewaltig nervt. Die „Spiegel“-Eingangsszene etwa ist ein Grenzfall: Zeigt sie doch ausführlich den Über-Aust als gut informierten Beobachter und Akteur, souverän und wissend, der von oben herab auf die Misere des „Spiegel“ blickt. 2008 dann gerät er selbst beim Hamburger Magazin unter die Räder. Der Bericht darüber fällt weniger pointiert aus.

Schon früh zeichnet sich Austs Werdegang ab. Seit der achten Klasse arbeitet er in der Schülerzeitung mit. „Ein großer Scheiber war ich nie“, gesteht er abermals, daher managt er die Zeitung wie später dann das linke Blatt „konkret“, dessen Chefredakteur Klaus Rainer Röhl er über dessen Bruder Wolfgang Röhl kennengelernt hatte. Er arbeitete wie ebenfalls der spätere Publizist Henryk M. Broder auch in der Schülerzeitung.

Klaus Rainer Röhls Frau und „konkret“-Kolumnistin war Ulrike Meinhof, später Galionsfigur der linksterroristischen Rote Armee Fraktion (RAF). Aust folgt Meinhof journalistisch auf ihrem Weg in die Radikalisierung, folgt ihr, als sie abtaucht, entführt und befreit in einer aberwitzigen Aktion Meinhofs Zwillinge aus einem Palästinenserlager und bringt sie zu ihrem Vater.

Politkrimi: Die Studentenrevolte sowie Anfang und Ende der RAF

Aust begleitet Meinhof durch die heiße Phase des Terrorismus, beschriebt ihre Verhaftung und Agonie in Stammheim, den Selbstmord. 1985 erscheint sein immer wieder aktualisiertes Buch „Der Baader-Meinhof-Komplex“, das brillante, unübertroffene Handbuch zur RAF.

Aust recherchiert weiter, schreibt über die zweite und dritte Generation. Das Thema erfährt eine Aktualisierung nach der Sichtung der Stasi-Archive: Da erst erfährt man, wie der Terror im Westen von der DDR aus gefördert wurde.

Die Passagen über die Studentenrevolte – Aust kannte alle Prot­agonisten von Rudi Dutschke bis Peter Schneider –, über den Todesschuss auf Benno Ohnesorg 1967 und die Schüsse auf Dutschke 1968, die Anfänge und das Ende der RAF bis hin zu dem tragischen Einsatz von Bad Kleinen, zählen zu den ganz starken Episoden von Austs „Zeitreise“. Das liest sich wie ein Politkrimi.

In seinem Werkstattbericht kommt Aust vom Hölzchen aufs Stöckchen: Bernsteinzimmer und Barschel-Affäre, Franz Josef Strauß und die Stasi, Carlos und die Hitler-Tagebücher, 9/11, Obamas Lausch­angriff und der NSU (um nur einige Themen zu nennen).

Kollegen-Bashing gibt es auch: Klaus Bednarz (Monitor) sei ihm zu sehr „Staatsanwalt“, Franz Alt (Report) wirke wie ein „Pfarrer“, und der Spiegel-Kollege Hans Leyendecker, Ikone des Enthüllungsjournalismus, hat laut Aust seine Unschuld in Bad Kleinen verloren.

Und wie die Öffentlich-Rechtlichen die Berichterstattung über den Mauerfall vergeigten, während der schlaue Aust den Georg Mascolo mit dem „Spiegel-TV“-Kameramann Rainer März zum Brandenburger Tor schickte, ist eine höchst lesenswerte Journalistenschnurre.

Wer die Polit-Skandale der letzten 50 Jahre im Zeitraffer, mit subjektivem Einschlag und einer enormen Faktendichte nachlesen möchte, sich vielleicht auch für die Pressegeschichte der Zeit interessiert, ist mit dem Buch des Insiders Aust bestens bedient.

Stefan Aust: Zeitreise. Piper, 655 S., 26 Euro