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An Corona: Bonner Künstler Ernemann Sander gestorben

An Corona : Bonner Künstler Ernemann Sander gestorben

Der Bonner Bildhauer Ernemann Sander ist 95-jährig an Corona gestorben. Der offene Blick des Künstlers spiegelte die Ehrfurcht vor der Schöpfung, die Liebe zu den Menschen und Tieren.

Man möchte meinen, dass diesem Plastiker mit seinem offenen Blick für die Schöpfung kein Lebewesen zu gering war.“ In diesem Satz des Bonner Kunsthistorikers Hans M. Schmidt, 1979 bis 2000 Referent für Kunst des 20. Jahrhunderts und später Abteilungsdirektor der Sammlungen am Rheinischen Landesmuseum,  steckt eine destillierte Beschreibung von Ernemann Sanders Werk: Dazu gehören der offene Blick des Bildhauers, die Ehrfurcht vor der Schöpfung, die Liebe zu den Menschen und Tieren. Sander hat sogar Fröschen ein plastisches Denkmal gesetzt. 

Bei den menschlichen Figuren konstatierte Schmidt die fließenden Grenzen zwischen realistisch, allegorisch und symbolisch, biblisch und mythologisch: „Sander liebt wie auch im täglichen Umgang die Lebendigkeit des Erzählerischen.“

Spuren des Werks in Bonn und in der Region

Schmidt ist auch die große Qualität des zeichnerischen Werks nicht entgangen: „Sander ist aus einem ganzheitlichen Sehen und in sicherem Umgang mit der Linie ein bedeutender Zeichner, dessen Blätter mehr sind als Fingerübungen oder vorbereitende Studien.“ Schmidt, der ein profunder Kenner von Sanders Werk ist, sagte diese Sätze bei einer Ausstellungseröffnung im Brückenhofmuseum, Königswinter-Oberdollendorf. Anlässlich von Sanders 95. Geburtstag Ende April dieses Jahres zitierten wir sie  in dieser Zeitung.

Nun kam von Schmidt die Mitteilung, dass Ernemann Sander am 21. Dezember in einem Bad Godesberger Altenheim gestorben sei. Von der Familie des Bildhauers erfuhr diese Zeitung, dass Sander infolge einer Corona-Erkrankung verstorben ist.

Unübersehbar sind die Spuren, die Sander in der Region hinterlassen hat. In  Bonn, Bad Honnef oder Königswinter sind seine Bronzefiguren zu sehen: die Drei Grazien am Dreieck im Bonner Zentrum, nicht weit davon entfernt die Martinreliefs an der Stiftsmauer, der Pelikan am Rheinufer in Niederdollendorf, in Königswinter dann der Eselsbrunnen, in Beuel der Wäscherinnenbrunnen, in Oberdollendorf der Caesarius, ganz in der Nähe die Schutzmantelmadonna im Kloster Heisterbach oder das Aennchenrelief in Bad Godesberg. Sander  hat auch in Fulda und Bremen, in Worms und Jena Werke hinterlassen. Wobei das nur die realisierten Arbeiten des Bildhauers sind. In seinem umfassenden zeichnerischen Œuvre stecken unzählige Skizzen, Planungen für Werke wie den nicht vollendeten „Europabrunnen“, den Sander auf den Bonner Kaiserplatz stellen wollte. 

Kunst als Lebenselixier

„Die Kunst ist sein Lebenselixier“, schrieb die Kunstkritikerin Angelika Storm-Rusche zum 90. des Künstlers im General-Anzeiger, „bereits mit drei Jahren hat er gekritzelt, mit vier gezeichnet wie Alberto Giacometti, mit fünf hat er begonnen zu modellieren und mit 16, Kunst zu studieren. Und so ging es weiter, sein Leben lang – mit der Ausnahme einiger Kriegs- und Nachkriegsjahre.“ Sander wurde 1925 in Leipzig geboren, studierte ab 1941 bei dem Tierzeichner Walther Klemm in Weimar. Er musste zum Kriegsdienst, war in Gefangenschaft, begann in Jena seine Künstlerkarriere. Anfang der 1950er Jahre ging er in den Westen, siedelte sich 1955 in Bonn an, war zeitweilig Vorsitzender der Künstlergruppe Bonn. Sein Atelier hatte er seit 1964 in Königswinter-Oberdollendorf. Stilistisch möchte man seine Prägung  im Dunstkreis des französischen Bildhauers Aristide Maillol verorten, wobei die Bandbreite der klassischen Themen der Bildhauerei enorm ist: Er hat sinnliche, insbesondere weibliche Aktfiguren ebenso geschaffen wie rührende Tierplastiken und Figurengruppen, markante Porträts und  Reliefs.

Ein Unzeitgemäßer

Wie einige Meister seiner Generation war Sander „ein Unzeitgemäßer“, wie Schmidt scharfsinnig bemerkte: NS-Kunst und der sozialistische Realismus der DDR haben ihn nicht tangiert; als er im Westen seine zweite Karriere begann, war das Informel der Stil der Zeit. Aber nicht der von Sander. So blieb er zeitlebens Realist, Schmidt verortet ihn in der Nähe von Gerhard Marcks oder Hans Wimmer.

Die vielen Spuren, die Sander in der Region hinterlassen hat, werden ihn in der Erinnerung der Bonner verankern.