Der erste Blockbuster im Kino : Christopher Nolans brillanter Thriller „Tenet“

Wohl kein andere Film wurde im Corona-Kino-Sommer sehnsüchtiger erwartet als Christopher Nolan „Tenet“. Mit der komplexen Agenten-Story ist ihm ein Meisterwek gelungen

Große Blockbuster-Produktionen werden normalerweise weltweit am gleichen Tag in die Multiplexe eingespeist, um Piraterie und die geschäftsschädigende Verbreitung von Spoilern  einzudämmen. Aber auch die großen Studios müssen im Zuge der Pandemie improvisieren. Ein gleichzeitiger Zugriff auf Lichtspielhäuser in den USA, Südamerika, Europa und Asien wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Nun wagt „Warner“ den kommerziell riskanten Move und startet Christopher Nolans „Tenet“ am kommenden Mittwoch in Europa und zahlreichen anderen Ländern. In den USA hingegen wird der mit Spannung erwartete Film erst ab dem 3.September zunächst nur in einzelnen Regionen zu sehen sein, in denen die Kinos wieder geöffnet sind.

Christopher Nolan ist nicht nur einer der wichtigsten Filmemacher unserer Zeit, sondern auch ein aufrichtiger Verfechter des Kinos als kulturellem Erlebnisraum. Dass „Tenet“ sich als erste große Hollywood-Produktion in der Corona-Krise auf den Weltmarkt traut, darf durchaus auch als Bekenntnis eines Regisseurs verstanden werden, dessen neues Werk für die angeschlagenen Kinobranche das notwendige Überlebenselexier sein könnte. Sollte „Tenet“ mit seiner gewagten Vermarktungsstrategie erfolgreich sein, werden vielleicht auch andere Studios neue Pandemiepläne schmieden.

Der wunderbare John David Washington spielt den Agenten

Da passt es nur zu gut, dass Kinoretter Nolan einen echten Weltenretter ins Zentrum seines philosphisch-physikalisch aufgeladenen Spionagethrillers stellt. Einfach nur „Der Protagonist“ wird der Mann genannt, was ihm die geheimdienstliche Anonymität, aber auch die Zugehörigkeit zur Fiktion zusichert. Der wunderbare John David Washington („BlacKkKlansman“ – Sohn von Denzel Washington) spielt diesen Agenten nicht als coolen Hund à la Bond, sondern als zugänglichen Menschen, der seinem eigenen Wertekanon folgt.

Nach dem Einsatz bei einer Geiselnahme in der Kiewer Philharmonie wird der Protagonist von einer Organisation namens Tenet angeheuert. Dort ist man einem besorgniserregendem Phänomen auf der Spur. Gegenstände, die sich vor und zurück durch Raum und Zeit bewegen können, landen aus der Zukunft in unserer Gegenwart.

Trümmer der zerstörten Gegenwart

Inversion nennt sich das physikalische Verfahren, das eine Kugel auf die Zielscheibe und wieder zurück in die Pistole fliegen lässt. Die Wissenschaftler sind sich sicher: Bei all den inversierten Gegenständen, die in einem riesige Magazin bis zur Decke hoch lagern, handelt es sich um die Trümmer unserer zerstörten Gegenwart. Die geheime Organisation hat sich nun zum Ziel gesetzt, diese Zukunft zu verhindern. Die Spur führt zu dem russischen Oligarchen und Waffenhändler Sator (Kenneth Branagh), der neben dem Plutoniumhandel auch im Inversionsgeschäft Fuß gefasst hat. Es fehlt ihm nicht viel und er hat den Schlüssel zur totalen Zerstörung in der Hand.

„Tenet“ ist zuallererst ein äußerst spannender, komplex konstruierter Agentenfilm, der eine große Liebe für das Genre und ein hohes Maß an kinetischer Energie ausstrahlt. Schon die Eröffnungssequenz, in der Terroristen eine ausverkaufte Philharmonie stürmen und rivalisierende Sondereinsatzkommandos intervenieren, ist ein atemberaubendes Actiongemälde. Alles ist hier pure Bewegung. Die rasante Choreographie und der messerscharfe Schnitt greifen perfekt ineinander und fordern die Wahrnehmungsfähigkeiten des Publikums heraus.

Danach sitzt man hellwach und mit geschärften Sinnen im Kinosessel und ist eingestimmt auf ein Kinoerlebnis, das seine Zuschauer herausfordert. Für Nolan war Popcornkino und intellektueller Diskurs nie ein Widerspruch. Und das Thema Zeit zieht sich als Leitmotiv durch sein Werk (siehe Kasten). In „Tenet“ dreht Nolan die Schraube noch ein Stück weiter. Allen Gerüchten zum Trotz ist „Tenet“ kein Zeitreisefilm. Vielmehr finden hier Gegenwart und Zukunft gleichzeitig statt und versuchen einander gegenseitig zu manipulieren. Das reicht bis zu einer finalen Schlacht, in der sich verschiedene Truppenverbände gleichzeitig vorwärts und rückwärts durch Zeit und Raum bewegen, um den Moment der totalen Zerstörung auszutricksen.

„Man muss es nicht verstehen“

„Es ist ein Paradox“ sagt der Wissenschaftler und Kampfgefährte Neil (Robert Pattinson) einmal lächelnd, „man muss es nicht verstehen“. Wer im Zeitstrahlgeschehen von „Terminator“ schon ausgestiegen ist, sollte vor dem Kinobesuch von „Tenet“ besser einen doppelten Espresso trinken. Aber hier wie dort geht es letztlich um den Kampf gegen eine vorherbestimmte Zukunft. Und damit bringt Nolan, genauso wie er in „The Dark Knight“ das Lebensgefühl nach dem 9/11 in Film fasste, nun den Seelenzustand der Generation Klimakatastrophe auf den Punkt.

Das Gefühl der Unausweichlichkeit, mit der die Menschheit in den eigenen Untergang hineintreibt, ist prägend für diese Ära. Auch wenn das Wort Klimawandel im Film nur einmal beiläufig fällt, wird der Kampf gegen eine determinierte Zukunft zur treibenden Kraft für den Protagonisten und seine Gefährten. Aber auch hier wird Nolan nicht zum Prediger, sondern bleibt Seismograph, der die Zeichen der Zeit genau erkennt und im Entertainment-Format eines Blockbusters emotional zugänglich macht - und das kann immer noch keiner so gut wie er.