1. News
  2. Kultur & Medien
  3. Überregional

Kölner Architekt: Der Gott des Betons - Gottfried Böhm gestorben

Kölner Architekt : Der Gott des Betons - Gottfried Böhm gestorben

Kirchen wie Gebirge, Rathäuser wie Burgen - aber alles aus Beton: Das war das Markenzeichen des Kölner Architekten Gottfried Böhm, der in der Nachkriegszeit gefragt war wie kaum ein anderer. Nun starb er im Alter von 101 Jahren.

Ungläubiges Staunen macht sich noch heute breit: überall Beton, Schrägen, ein raffiniertes Faltdach, hermetisch geschlossene Blöcke, in die wenige kleine Fensterschlitze eingeschnitten sind. Ein sich auftürmendes Gebirge aus grauem Beton. Heinrich Klotz, Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums, fasste diese steinerne Überwältigungsgeste in Worte: Er bemerkte, dass der Wallfahrtsdom von Neviges „sich wie ein riesenhafter Gottesfelsen aus dem Boden der Stadt herauskristallisiert... so als müsse dazu aufgefordert werden, das ganze Städtchen aus Rücksicht auf die Kirche neu zu bauen“.

Gottfried Böhm, der Architekt, hat für seinen 1968 eröffneten Bau viel Spott einstecken müssen – der Volksmund nannte den Dom „Affenfelsen“ –, für Architekturfans zählt der Koloss von Neviges jedoch zu den Meisterwerken des Brutalismus. Womit Böhm wenig anfangen konnte. „Ich möchte doch nicht als brutaler Mensch gelten“, sagte er in einem Interview zum 100. Geburtstag. Nun ist er, einer der fleißigsten Kirchenbaumeister seiner Generation, im Alter von 101 Jahren gestorben.

Rund 70 Sakralbauten hat der Kölner Baumeister geschaffen. Mit mehr als 6000 Sitzplätzen ist „Maria, Königin des Friedens“ von Neviges im Erzbistum Köln nach dem Kölner Dom die größte katholische Kirche. Beim Wettbewerb lag Böhm nur auf Platz zwei. Das letzte Wort aber hatte der damalige Erzbischof Joseph Kardinal Frings. Die Legende besagt, dass der fast blinde Kirchenmann die Modelle der Wettbewerbsteilnehmer ertastet habe und Böhms Relief am spannendsten fand. Als Einziger hatte Böhm einen zum neuen Gotteshaus ansteigenden Pilgerweg zusammen mit weiteren Bauten wie Pilgerhaus und Kindergarten vorgesehen, um die Wirkung des Doms noch zu verstärken. Das überzeugte Frings.

Böhms kleinster und intimster Kirchenraum ist sicherlich die achteckige Kapelle, die er in Köln auf den Ruinen der Kirche Sankt Kolumba errichtete. Ein wunderbarer, spärlich beleuchteter Bau, der von Peter Zumthors Architektur des Kolumba Museums völlig eingebaut wurde. Ein Akt, der die Intimität noch verstärkt. Böhm hat das nicht gefallen.

Gottfried Böhm wuchs in Köln auf

Böhms jüngster Sakralbau, die zusammen mit dem jüngsten Sohn Paul geplante Kölner Großmoschee, hat nichts mehr mit der wuchtigen Hermetik des Felsendoms in Neviges gemein, aber die große Geste und der Hang zu einer alles andere verdrängenden Monumentalität vereinigt beide Bauten. Gottfried Böhm, Sohn des Architekten Dominikus Böhm, wurde in Offenbach geboren, wuchs aber in Köln auf. Bald trat er in die Fußstapfen des Vaters, der als Kirchenbaumeister sehr erfolgreich war (etwa St. Paulus, Bonn-Beuel). Doch Böhm, der als erster deutscher Architekt 1986 den „Nobelpreis für Architektur“, den Pritzker-Preis, erhielt, war nicht nur für seine Kirchenbauten bekannt. Sein bedeutendster Profanbau ist das als „Bensberger Akropolis“ oder „Beamtenbunker“ geschmähte Rathaus von Bensberg (1963-69). Wie in Neviges türmen sich auch hier Betonmassen in die Höhe. Anders als der Kirchenbau reagiert aber das Verwaltungsgebäude auf die Umgebung, die Reste der mittelalterlichen Burganlage. In Farbe und Silhouette gibt es eine Annäherung, in den Details spielt der Beton seine Brutalität und ästhetische Unnachgiebigkeit aus. Sicherlich ein Merkmal dieser Zeit.

Eine kleine Pointe am Rande: Barbara Schock-Werner, ehemalige Kölner Dombaumeisterin, war damals Studentin, sah Böhm als „Gott“ und empfand das Bensberger Rathaus als einen „Höhepunkt der Architektur“. Heute ist sie etwas kritischer: „Das Bizarre ist, dass die mittelalterlichen Teile besser erhalten sind als die Betonteile“, sagte sie.

Böhm war auch in Bonn und der Region aktiv

Böhm hat auch in Bonn und der Region etliche Spuren – und sanierungsbedürftige Bauten – hinterlassen: Der Ausbau der Godesburg (Hotel, Restaurant) war 1959 eines seiner ersten profanen Objekte. Am Altstadtcenter in Bad Godesberg war er beteiligt. Einige Kirchen hat er in der Region gebaut.

Mag man über einiges auch den Kopf schütteln, Böhm wird als kühner Visionär in Erinnerung bleiben – ein Blick in sein zeichnerisches Oeuvre verrät den Form- und Raumtüftler, den waghalsigen Träumer. Was er von seinem Vater gelernt habe, wurde Böhm vom Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ gefragt: „Ehrlichkeit. Das zu leben, was man architektonisch machen will.“

Arbeiten in Bonn und der Region: Gottfried Böhms zentrale Werke sind der Wallfahrstdom in Neviges, die WDR-Arkaden und das Rathaus in Bensberg. Auch in der Bonner Region hat er Spuren hinterlassen. Er baute St. Mariä Heimsuchung in Alfter-Impekoven, ferner zeichnet er für den Ausbau der Godesburg in Bad Godesberg verantwortlich, war am dortigen Altstadtcenter beteiligt. Auch ein Wohnhaus nach seinen Entwürfen steht in Bad Godesberg.