GA-Krimikritik: Der Tatort aus Berlin Seltsamer Folklorefilter

Der neue Berliner Tatort krankt ein bisschen an dem Folklorefilter, den man ihm aufsetzt. Das ist schade, weil der Berliner Tatort so viel sehenswerter geworden ist, findet GA-Krimikritiker Daniel Schauff.

 Susanne Bonard (Corinna Harfouch) und Robert Karow (Mark Waschke) beim Fest in der Pagode in einer Szene aus dem «Tatort: Am Tag der wandernden Seelen»

Susanne Bonard (Corinna Harfouch) und Robert Karow (Mark Waschke) beim Fest in der Pagode in einer Szene aus dem «Tatort: Am Tag der wandernden Seelen»

Foto: dpa/Gordon Mühle

Der Berliner Tatort mit Mark Waschke als Robert Karow war angetreten, Grenzen zu sprengen. Das Grundkonzept des Hauptstadtkrimis war zumeist nur mittelgut umgesetzt, und Karow und Rubin (Meret Becker) hatten irgendwann den Status eines kaputten Ehepaars erreicht. Und weil das im Grunde oft nur das heimische Wohnzimmer in ein kaputtes Berlin verfrachtete, wurde es irgendwann vor allem nervtötend, den beiden beim Kaputtsein zuzusehen.

Dann kam die Harfouch – und wenn die kommt, wird es oft besser. So auch in Berlin. Das war plötzlich nicht mehr ganz so kaputt, Karow hatte sich zumindest fingerbreit aus dem Sumpf erhoben und der erste Fall der beiden war ein Sternstündchen am Sonntagabend in der ARD. Nun also der zweite, der sein Grenzgängergen wieder ausreizen will. Dumm nur, dass er sich mit der durchaus ordentlich nahegehenden Brutalität ganz hinten anstellen muss, nachdem München und Halle – okay, das war ein Polizeiruf – das Aushaltbare in Fernsehsesselumgebung schon aus- und fast überreizt hatten.

Es geht also wieder um Videos, die Brutales zeigen. Es geht um versteckte Welten, in denen Menschen wie Sklaven gehalten werden, nur um die krankesten Fantasien ihrer Meister befriedigen zu können. Karow schaut sich all das an, das ganze Leid, die ganze Unmenschlichkeit, gebannt auf VHS-Bänder. Auch Bonard (Corinna Harfouch) leidet, legt sich vor den Augen der überneugierigen Nachbarinnen auf den Rasen, der eigentlich ein Grab ist. Das sind starke Szenen.

All diese Szenen aber schickt der Berliner Tatort durch einen traumtänzerbunten Folklorefilter, der vielleicht zeigen soll, wie präsent Vietnam in Teilen der Republik ist. Das hätte man deutlich sachlicher, interessanter gestalten und damit auch verhindern können, dass man sich als Zuschauer teils in eine Reisdoku der öffentlich-rechtlichen Drittprogramme versetzt fühlt. Leider verliert Berlin damit ungemein an Kraft, eben die, die München und Halle – und, auf andere Weise, auch zuletzt Köln hatten. Das ist auch schade, weil Bonard und Karow ein richtig gutes Gespann sind. Ein kurzlebiges, das hat Corinna Harfouch ja schon deutlich gemacht, aber eins, dem man gern zusieht. Und sich hinterher nicht ganz so kaputt fühlt.