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Ai Weiwei bei Markus Lanz: „In China lacht man über europäische Staaten, in denen Corona wiederkommt“

Ai Weiwei bei Markus Lanz : „In China lacht man über europäische Staaten, in denen Corona wiederkommt“

Gegenwartskünstler Ai Weiwei vergleicht bei Markus Lanz den Umgang mit dem Coronavirus in China und Europa. Die Gäste debattieren, ob neue Regelungen in Deutschland eher „Flickenteppich“ oder „maßgeschneidert“ sind.

Darum ging es

Markus Lanz sprach am Abend mit dem ZDF-Auslandskorrespondenten Elmar Theveßen über die TV-Debatte der US-Präsidentschaftskandidaten in Cleveland. Vor allem aber ging es erneut um Corona - diesmal mit einer ungewöhnlichen Perspektive. Der chinesische Künstler Ai Weiwei hörte geduldig den Argumenten zu Corona-Maßnahmen in Deutschland zu und gab einen Einblick, wie die in seiner Heimat beurteilt werden.

Die Gäste

  • Peter Tschentscher, Hamburgs Erster Bürgermeister (SPD)
  • Elmar Theveßen, ZDF-Amerikakorrespondent
  • Christiane Hoffmann, Spiegel-Journalistin
  • Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe
  • Ai Weiwei, Künstler

Der Talkverlauf

Vor der ersten TV-Debatte zwischen Joe Biden und US-Präsident Donald Trump gab Elmar Theveßen aus Ohio kurz einen Stimmungsbericht zu den USA vor der Wahl. „In den letzten Tagen sagen tatsächlich immer mehr Republikaner, die immer republikanisch gewählt haben, auch öffentlich: Ich wähle diesmal Joe Biden - weil Donald Trump eine Gefahr fürs Land ist“, so der ZDF-Korrespondent. „Und dafür nehmen sie in Kauf, dass Joe Biden schlicht und ergreifend nicht mehr der Jüngste ist.“

Für Christine Hoffmann spielt das Alter der Beteiligten durchaus eine Rolle: Sie sieht Symbolik in dem „Duell zweier alter Männer“: „Ich habe Angst, dass das für die Erschöpfung der USA steht. Dass die Aufbruchskraft auch im tieferen Sinne fehlt.“ Sie hält die USA für „ein erschöpftes Land.“

Hamburgs Erster Bürgermeister berichtet anschließend vom Treffen der Länderchefs mit der Kanzlerin zu den Corona-Maßnahmen und sagt, es sei dabei insgesamt „ganz harmonisch“ zugegangen. „Alle haben die Überzeugung gewonnen, dass wir in einer stabilen, aber problematischen Situation sind“, so Peter Tschentscher. Man sei sehr einig darüber gewesen, dass es wichtig sei, jetzt Grenzen zu setzen und dort zu regulieren, wo wieder Infektionen auftreten. Es müsse frühzeitig eingeschritten werden, „bevor große Verdopplungen kommen“.

Lanz fragt sich, ob es wirklich sinnvoll sei mit hohen Zahlen zu warnen, wie es die Kanzlerin getan habe als sie von möglichen 19.000 Infektionen täglich zu Weihnachten sprach. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hält für sinnvoll, dass vor allem im privaten Bereich Treffen wieder auf kleinere Gruppen beschränkt werden. „Unser Verhalten verändert sich, wir können nur sehr kurz in die Zukunft schauen“, sagt der Experte vom Hamburger Tropeninstitut. „Keiner weiß, ob es 19.000 oder 1.000 Infektionen sind.“ Denn wenn die Zahlen weiter stiegen, würden natürlich Gegenmaßnahmen ergriffen. Zudem kämen ständig neue Hilfsmittel wie etwa Schnelltests hinzu. Die könnten der Gesellschaft künftig helfen, beispielsweise Veranstaltungen in der Philharmonie oder Oper wieder zu öffnen.

Tschentscher stimmt ihm zu und appelliert mit Blick auf die Situation in Frankreich oder Spanien: „Wir sind noch in einer Lage, in der wir gut reagieren können in Deutschland und sollte es jetzt auch tun.“ Vor allem die jüngeren Menschen, unter denen es jetzt mehr Infektionen gebe, bitte die Regierung daher: „Haltet euch an die Regelungen, tragt die Masken.“ Die Einschränkungen seien vergleichsweise gering, die Auflagen seien vertretbar und machbar, die müsse man einfach akzeptieren. „Es ist ein Dienst an der Allgemeinheit, dass man sich selber jetzt auch beschränkt.“ Wenn im Nahverkehr und in den Läden auf mehr Abstand und Masken geachtet würde, sei schon viel erreicht.

Als Lanz die neuen Maßnahmen als bundesdeutschen „Flickenteppich“ kritisiert, widerspricht ihm Journalistin Hoffmann: „Ich würde das Wort ‚maßgeschneidert’ benutzen, und das ist das Gegenteil vom Flickenteppich.“ Es sei richtig, unterschiedliche Situationen unterschiedlich zu behandeln, genau darauf ziele das Ampelkonzept ab.

Ai Weiwei vergleicht den Umgang mit der Pandemie in Deutschland mit der Lage in China: „Ich habe den Eindruck dass in Deutschland sehr vorsichtig vorgegangen wird, das zeugt von einem demokratischen Prozess. So funktioniert es in China eben nicht“, sagt der Menschenrechtler und international wichtigste Gegenwartskünstler Chinas. Dort spielten die unterschiedlichen Kräfte eben nicht zusammen, es gebe keine Transparenz, und die Öffentlichkeit bekomme kein Gehör und werde nicht konsultiert.

Ausschnitte aus Weiweis Film „Coronation“ zeigen, wie hart aber auch wie erfolgreich in China vorgegangen wurde, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Teils beklemmende Bilder aus Wuhan und anderen Regionen Chinas illustrieren den Stillstand in der Stadt, die perfekte Überwachung der Menschen in hochtechnisierten Kontrollräumen und verstörende Szenen aus Krankenhäusern.

Eindrücklich vermittelt der Künstler, der inzwischen in Cambridge lebt, die effiziente Kontrolle, aber auch, welchen Preis die Menschen in der abgeriegelten Stadt zahlen mussten. „Das totalitäre Regime funktioniert eher wie das Militär“, erklärt der berühmte Gast. „Man nimmt das Ziel ins Visier und versucht es mit welchen Mitteln auch immer zu bekämpfen. Da werden Opfer gebracht, auch menschliche Opfer.“

Die Gesellschaft funktioniere nun einmal sehr anders als in Europa, auch das erkläre die Effizienz bei der Pandemie-Bekämpfung in China. Jahrzehntelang sei das Land in der Entwicklung hinterhergehinkt, heute sei China sehr viel aggressiver und arroganter. „Corona gibt China nun einen Vorwand so aufzutreten, dass man das eigene System für den demokratischen Systemen überlegener hält“, sagt Weiwei. Dort mache man sich lustig über demokratische Staaten: „In China lacht man über europäische Staaten, in denen die Corona-Welle zurückkommt.“