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Bonner Virologe Streeck bei „Markus Lanz“: „In NRW wurde nicht auf Studien gedrängt“

Bonner Virologe Streeck bei „Markus Lanz“ : „In NRW wurde nicht auf Studien gedrängt“

Auch diese Talkshow kann das Unbehagen von Moderator Markus Lanz mit den Ungewissheiten der Pandemie nicht auflösen. Aber er freut sich an der Diskussion zwischen den Wissenschaftlern Karl Lauterbach und Hendrik Streeck.

Einmal mehr ging es bei „Markus Lanz“ am Mittwochabend um das Coronavirus. Zu Beginn steht aber ein aktueller Vorwurf gegen einen Gast im Mittelpunkt.

Die Gäste:

  • Karl Lauterbach, Epidemiologe
  • Hendrik Streeck, Virologe
  • Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker
  • Cerstin Gammelin, Journalistin

Darum ging’s:

Mit Karl Lauterbach und Hendrik Streeck scheinen verschiedene Enden des Spektrums zwischen Vorsicht und Beschwichtigen in der Pandemie in die Sendung eingeladen. Die Wissenschaftler hauen sich aber eher freundschaftlich Studien um die Ohren – und punkten mit unterschiedlichen Graden an Konkretheit.

Der Talkverlauf:

Zu Beginn der Sendung frohlockt Moderator Markus Lanz über einen Zufall: Kurz vor Beginn der Sendung erfuhr er von einem Artikel in der Zeitschrift „Capital“, der von einer Strafanzeige gegen einen seiner Gäste berichtet. Der Virologe Hendrik Streeck soll demnach seine Studie begonnen haben, ehe eine Zustimmung der Ethikkommission vorlag.

Der Epidemiologe Karl Lauterbach soll erklären, was die Ethikkommission mit medizinischen Studien zu tun hat. Zu den konkreten Vorwürfen gegen Streeck will Lauterbach nichts sagen, weil auch er erst kurz vor der Sendung davon hörte. Grundsätzlich brauche man ein Ethik-Votum, ehe man eine Studie beginne. Diese Regelung sei mit der Deklaration von Helsinki eingeführt worden, um Menschenversuche ohne Zustimmung der Beteiligten zu verhindern, wie sie unter dem Nazi-Regime stattfanden.

Auf die Vorwürfe gegen ihn angesprochen, hüllt sich Streeck zunächst in Unwissen. Er habe davon auch erst kurz vor der Sendung erfahren. Dann geht er zu einem Angriff über: Streeck klagt darüber, dass er kaum noch zum Arbeiten komme vor lauter Anfragen von Presse und Privatleuten. Dabei hebt er jene hervor, die nach dem Informationsfreiheitsgesetz beantwortet werden müssen. Doch damit ist er nicht vom Haken. Schließlich sagt er, die Studie habe „berufsrechtliche Beratung durch die Ethikkommission“ erfordert, und diese „wurde schriftlich fixiert“.

Später in der Sendung reagiert Streeck auf eine Bemerkung der Journalistin Cerstin Gammelin über den Druck von Politik auf die Wissenschaft in manchen Bundesländern. „In NRW wurde nicht auf Studien gedrängt“, sagt Streeck. „Es war nicht, dass Laschet diese Studie wollte, sondern dass ich gesagt habe, ich würde gern diese Studie durchführen.“ Streeck beharrt darauf, dass er die Heinsberg-Studie selbst konzipiert und dem Ministerium für Arbeit, Soziales und Gesundheit vorgeschlagen habe und „im Folgenden mit Herrn Laschet mal darüber gesprochen“ habe.

Gammelin findet es wichtig, Virologen und anderen Wissenschaftlern nicht das Feld zu überlassen, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen politische Schlüsse und Handlungsanweisungen zu ziehen. Der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven beobachtet hingegen, dass Virologen ohnehin weniger gewiss auftreten als Politiker – „weil sie Wissenschaftler sind und wissen, dass es morgen schon wieder neue Erkenntnisse gibt“.

Das hält Lanz aber nicht davon ab, die Wissenschaftler in der Talkrunde immer wieder nach Gewissheiten ebenso wie nach politischen Schlüssen zu fragen. So fragt Streeck an Lauterbach gewandt, wie lange das denn gehen soll, keine Infektionen mehr zuzulassen. Doch Lauterbach bleibt gelassen. Einen Stopp der Covid-19-Infektionen hält er für illusorisch, das sei nicht das Ziel. Bleibt die Frage, was dann.

Streeck spricht zwar davon, dass er sich einen „Kompass“ wünscht, bleibt aber vage. Lauterbach liefert konkrete Überlegungen. Schulen etwa bräuchten eine gute Vorbereitung für den Herbst, etwa mit ausgedünnten Klassen, einem breiter auf den Tag verteilten Plan, Förderung für die schwachen Schüler und so weiter. Seiner Ansicht nach muss jede Maßnahme danach beurteilt werden, wie viel sie bringt und wieviel sie kostet. Würde man etwa Großveranstaltungen unterlassen und damit Superspreader-Events vermeiden, bedeute das einen hohen Preis, aber auch einen hohen Gewinn.

Obendrein führt Lauterbach vor, dass man dies nicht schwarz und weiß betrachten muss. Für ihn bedeutet die Gefahr von Corona-Infektionen etwa nicht automatisch, Kinos zu schließen. Dort könne man das Publikum ausdünnen und die Aufenthaltszeit verkürzen, indem vorher keine Werbefilme gezeigt würden – und mit Zuschüssen an Kinobetreiber gewährleisten, dass der Betrieb trotzdem weiterläuft. Dann ist die Sendung zu Ende, ehe noch einmal jemand aufrollen kann, wo die Grenze zwischen Wissenschaft und Politik denn nun verlaufen soll.

Dieser Beitrag ist zuerst bei RP Online erschienen.