GA-Krimikritik: Der Tatort aus Kiel Wie Selbstgebasteltes

Der neue Borowski-Tatort ist einer, auf den man sich einlassen muss. Tut man’s, macht er große Freude. Nicht alles ist perfekt, aber gut genug, um doch noch einmal zu überlegen, ob es so gut ist, dass Axel Milberg bald den Borowski an den Nagel hängt, findet GA-Krimikritiker Daniel Schauff.

Das Kieler-Kommissaren-Team Mila Sahin (Almila Bagriacik und Klaus Borowski (Axel Milberg) in einer Szene aus „Tatort: Borowski und der Wiedergänger“.

Das Kieler-Kommissaren-Team Mila Sahin (Almila Bagriacik und Klaus Borowski (Axel Milberg) in einer Szene aus „Tatort: Borowski und der Wiedergänger“.

Foto: dpa/Olga Samuels

Es würde schon verflixt schwerfallen, diesen Tatort nicht zu loben. Nicht etwa, weil er nur revolutionär gewesen wäre. Nicht, weil Borowski (Axel Milberg) endlich wieder zur Topform aufläuft, nicht, weil der Fall so genial gestrickt gewesen wäre. Aber das Gesamtbild, bei dem haben sich die Beteiligten offenbar eine Menge Mühe gegeben. Und das muss goutiert werden, weil man’s dem Ergebnis nämlich ansieht. Und dann ist es wie bei der Mama, die vom Sohnemann das erste Selbstgebastelte geschenkt bekommt: Perfekt muss das nun wirklich nicht sein, um die Freude der Beschenkten durch die Zimmerdecke schießen zu lassen.

So nun – da begeht Greta Eixner (Cordelia Wege) also eine Art perfektes Verbrechen. So perfekt, dass sie sich auf dem Sofa mit Hausfreund und -mädchen Witek (Greg Stosch) in völliger Sicherheit wiegt, als der Tatort-Abspann kurz glauben lässt, der Film sei bereits zu Ende. Blick auf die Uhr. Nein – der Tatort hat immer rund 90 Minuten, selbst bei Murot, dann sicher auch bei Borowski, also muss noch was kommen.

Dann kommt was, Borowski nämlich, der natürlich weiß, dass Greta sich in falscher Sicherheit wiegt. Und zack: Festnahme. Endlich wieder Tatort normal.

Obwohl – nicht ganz, weil – anders als so oft – spielen die Ermittelnden zwar ein bisschen mehr als Nebenrollen, aber eben auch nicht die Hauptrollen. Sie fungieren ein bisschen als Tanzpartner für die Zirkusfiguren, mit denen sie sich abgeben müssen. Greta ist da noch die am wenigsten überzeichnete, ihre Familie gleicht derweil einem Kuriositätenkabinett, das leider nicht ganz so fein gezeichnet ist und deshalb leider mitunter in Klischees verfällt. Der Vorteil: Umso stärker wirkt der reduzierte Kommissar, der immer stark war, so oft aber zum Kauz gemacht wurde von seinen eigenen Krimifolgen.

Stark – und so viel stärker als sonst – auch die Figur der Mila Sahin (Almila Bagriacik). Sarkastisch darf sie auch diesmal sein, nicht aber so frustriert, wie sie die Figurenzeichner im Drehbuchstall des NDR (diesmal: Sascha Arango) gern zeigen wollten.

Beim letzten, schwerst daneben gegangenen Kieler Tatort, der Borowski und Sahin nach Wacken reisen ließ, war man als Zuschauer ja schon soweit, Borowski gern in die Riege der Ex-Tatort-Stars ziehen zu lassen. Jetzt wünscht man sich, er bliebe noch ein bisschen länger, vielleicht als Konkurrent für den ab und zu zeitweise überdrehten Murot. Schön wär’s, aber der Tatort ist kein Wunschkonzert. Diesmal allerdings hat – bis auf gelegentliche schiefe Töne – die Musik gestimmt (Regie: Andreas Kleinert).

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