Polizeiruf 110 Überrascht von den eigenen Gefühlen

Der Rostocker Polizeiruf mit aktuellem Team rüttelt sich nur langsam ein – aber es wird. Die neueste Folge ist kein Krimimeisterwerk, aber überraschend – und das hat nicht einmal allzu viel mit dem Fall zu tun, sondern viel mehr mit den Figuren, die sich nur sehr schwer in Schubladen packen lassen.

 Maria (Dela Dabulamanzi) und Melly Böwe (Lina Beckmann) stellen Spekulationen über die Einbrecher an, Szene aus „Polizeiruf 110: Diebe“.

Maria (Dela Dabulamanzi) und Melly Böwe (Lina Beckmann) stellen Spekulationen über die Einbrecher an, Szene aus „Polizeiruf 110: Diebe“.

Foto: dpa/Christine Schroeder

Gut – wenn die kurz vor Schluss Tom Waits über die Tonspur jagen, wird es schwierig mit der Suche nach möglichen Haaren in der Krimisuppe. Aber gut, vergessen wir Tom Waits mal eben (als wäre das überhaupt möglich) und konzentrieren uns aufs Wesentliche. Auf Elternschaft – Dachthema in diesem Rostocker Polizeiruf.

Da wird nämlich die Vater-Tochter-Geschichte zwischen König (Anneke Kim Sarnau) und Papa Günther (Wolfgang Michael) weitererzählt. Ob’s das braucht, sei dahingestellt. Immerhin macht es Spaß, Michael beim Spiel zu beobachten – man weiß nämlich nicht so recht, ob man ihn jetzt mögen soll, den Papa, oder ob man ihn ganz doof finden soll. Das ist insofern spannend, als dass sich der Zuschauer so ganz wunderbar in Königs Konfussein hineinversetzen kann.

Weniger konfus, eher im Dauerkaterzustand torkelt Meira Durand als Mascha durch den Film. Gar nicht so leicht, ihr für ihren Auftritt ein Kompliment zu machen – aber den Junkie nimmt man ihr voll und ganz ab. Auch die wahre Liebe, die sie für ihre Tochter (Mathilde Graf) empfindet. Der Zuschauer torkelt ebenso wie sie zwischen Hoffnung und purer Resignation. Reflektiert wird das ganz wunderbar von den beiden Ermittlerinnen – Melly Böwe (Lina Beckmann) als leicht naive Welt-, zumindest aber Junkieretterin und König, ohnehin desillusioniert vom Leben, als brutale Realistin.

Schwierige Komplimente

Noch ein schwieriges Kompliment: Monika Oschek schafft es als Alina Schopp, so viel Unsympathisches in ihren Charakter zu legen, dass man glatt froh ist, dass sie die ganz Böse ist und nicht ihr Mann (Robin Sondermann), der zwar kalt, aber auch blass bleibt.

Dieser Polizeiruf schafft es, auf Bukow (Charly Hübner) zu verzichten, der längst ausgestiegen ist, aber lange wie ein guter Geist, über den neuen Rostocker Polizeiruf-Geschichten wachte. Und siehe da: Es geht auch ohne (Buch: Elke Schuch, Regie: Andreas Herzog). Und es kommt ein solider Krimi dabei heraus, streckenweise vorhersehbar, streckenweise aber insofern überraschend, als dass man als Zuschauer vor allem von seinen eigenen Sym- und Antipathien überrascht ist. Ja, und Tom Waits halt.

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