Der Polizeiruf aus Halle Dünnes Eis

Das Eis, auf dem der neue Hallenser Polizeiruf tanzt, ist dünn. Der Fall verlangt dem Zuschauer einiges ab. Der Film schafft es, den Zuschauer 90 Minuten lang mit zum Tanz auf dem dünnen Eis zu nehmen. Das ist großartig, findet GA-Krimikritiker Daniel Schauff.

 Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (l, Peter Schneider) treffen während der Ermittlungen in der Schule auf Monika Hollig (Susanne Böwe) in einer Szene aus „Polizeiruf 110: Der Dicke liebt“.

Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (l, Peter Schneider) treffen während der Ermittlungen in der Schule auf Monika Hollig (Susanne Böwe) in einer Szene aus „Polizeiruf 110: Der Dicke liebt“.

Foto: dpa/Felix Abraham

Peter Kurth muss einfach nur sitzen – besonders gern in Bodennähe, so scheint es. Das reicht schon, um den Zuschauer mitzureißen. Peter Kurth ist ein ganz großer Schauspieler. Gut für uns, dass es den Polizeiruf aus Halle gibt und wir Peter Kurth beim Spielen – beim Sitzen – beobachten dürfen.

Kurths Ermittlertypus ist gewiss nicht neu. Länger im Dienst, dem Alkohol zugetan, abgebrüht, mit fragwürdigen Kontakten ins Milieu ... Neu oder zumindest selten aber ist sein Konterpart, Peter Schneider als Michael Lehmann. Während sich andere derart gestrickte Ermittler gern mit jungen, modernen, politisch korrekten Kollegen herumärgern müssen, trifft Koitzsch auf einen ebenso frustrierten, langgedienten Partner. Unterschied: Lehmann geht anders mit dem Frust um. Er changiert zwischen tiefer Trauer und harter Wut, ihm fehlt das Schild, das dafür sorgt, dass am Kollegen Koitzsch fast alles abprallt. Nur diesmal will es nicht prallen. Dafür ist der Fall, in dem die Hallenser Ermittler ermitteln müssen, viel zu hart.

Ein Kind ist tot, ganz offenbar missbraucht. Wie – selbst das wird beschrieben und kriecht dem Zuschauer tief ins Mark. Der Polizeiruf bewegt sich da auf hauchdünnem Eis, bricht einmal kurz ein, als Lehmann in die Wohnung eines Tatverdächtigen dringt, ihn befragt, und sein Gegenüber mit unnötig barschem Vokabular glaubhaft schildert, dass er es nicht war – obwohl er es vermutlich gern gewesen wäre.

Ansonsten tänzelt der Krimi auf besagtem dünnen Eis, spielt mit den Grenzen des Aushalbaren beim Zuschauer. Der ist nebenbei damit beschäftigt, den Lehrer Krein (Sascha Nathan) einzuordnen. Gelingen will das nicht. Kann es auch nicht, weil der Film keine Lösung hat, weil die Figur des Lehrers ambivalent ist, undurchschaubar. Nathan liefert als Krein eine atemberaubend gute Leistung ab und hält die schauspielerische Waage, deren eine Seite so schwer wiegt, weil Kurth sie bespielt.

Wie schon im ersten Polizeiruf-Film aus Halle geben die Macher der Kulisse eine weitere tragende Rolle. Statt die Grenzen zwischen Historie und Gegenwart zu perforieren, bleibt „Der Dicke liebt“ 90 Minuten lang im Hier und Jetzt, dabei fängt er vor allem die Tristesse von Bauruinen und Plattenbausiedlungen ein, verzichtet aber darauf, sie zu kommentieren (Kamera: Nikolai von Graevenitz).

Thomas Stuber (Buch und Regie) hat auch den ersten Fall des Hallenser Tatort inszeniert. Mit dem zweiten ist ihm ein neuer, großartiger Krimi gelungen, der dem Zuschauer einiges abverlangt – und das bis zur letzten Filmminute. Preisverdächtig.

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