Interview mit Schauspieler Lars Eidinger „Ich kann nicht sagen, wer ich bin“

Interview | Düsseldorf · Der Schauspieler Lars Eidinger, unter anderem bekannt aus „Babylon Berlin“, spricht im Interview über verschiedene Stimmen im Kopf, seine Arbeit als DJ und die Bedeutung von Kunst.

 „Limitierung ist der Tod“: Lars Eidinger auf dem Roten Teppich.

„Limitierung ist der Tod“: Lars Eidinger auf dem Roten Teppich.

Foto: AP/Joel C Ryan

Das Hotel Hyatt am Potsdamer Platz in Berlin. Lars Eidinger sieht super aus: schwarzes Sakko auf blanker Haut, weite Hose, schwere Schuhe. Er friert ein bisschen, aber ansonsten ist er gut aufgelegt. Und das mit Grund: Sein neuer Film „Sterben“ ist etwas Besonderes, und der Höhepunkt der Drei-Stunden-Produktion ist eine etwa 20-minütige Szene, in der Eidinger und seine Film-Mutter Corinna Harfouch einen der heftigsten Dialoge der jüngeren deutschen Kinogeschichte führen. Ein Stück Kuchen wird dabei schwer zu Schaden kommen. Eidinger spielt in „Sterben“ den Dirigenten Tom, der auf Krankheiten der Eltern, Beziehungsfragen und andere Herausforderungen des mittleren Alters mit Kälte reagiert. Mit ihm sprach Philipp Holstein.

Corinna Harfouch hat mal gesagt, Spielen sei für sie Leben. Sehen Sie das genauso?

Lars Eidinger: Ja. Das ist ein schöner Gedanke. Ich teile das und würde es noch erweitern: Für mich ist Kunst Leben. Damit ist gemeint, dass man sich in der Kunst und im Spiel mit dem Leben auseinandersetzt oder überhaupt ein Bewusstsein oder Verständnis dafür erlangt, was es meint, zu leben.

Meinen Sie damit das Leben der Figur, die Sie spielen oder Ihr eigenes?

Eidinger: Das gilt allgemein. Ich stelle mich natürlich dem Drehbuch oder dem Regisseur oder der Regisseurin zur Verfügung. Aber trotzdem bin ich in erster Linie auf der Suche nach mir selbst. Kunst bedeutet für mich, die Zuschauenden auf diese Suche mitzunehmen, allerdings nicht auf die Suche nach mir selbst, sondern nach sich selbst. Kunst als Spiegel, der in den Spiegel sieht.

Bei Tom in „Sterben“ hatte ich das Gefühl, dass Ihnen diese Figur liegt. Dass Sie sogar Kleidung tragen, von der ich annehmen würde, Sie könnten sie auch privat anziehen.

Eidinger: Da täuscht man sich. Ich würde das jetzt erst mal als Kompliment nehmen.

So ist es gemeint.

Eidinger: Ja, aber der Tom hat mit mir nur auf den ersten Blick eine vermeintliche Ähnlichkeit. In dem Moment, da ich ihn spiele, werde ich natürlich ein Teil davon. Und ich versuche auch immer, eine Figur möglichst an mich ranzulassen und die Anteile in mir zu finden, die diese Figur ausmachen. Also nichts Angeschafftes oder Fremdes. Ich versuche tatsächlich, den Tom in mir zu finden. Aber was Kostümierungen angeht: Es gibt oft die Situation, dass man zu einer Anprobe kommt, und dann heißt es: Die Hose ist gut, die du privat trägst, die können wir doch vielleicht auch für den Film benutzen. Da bin ich total dagegen.

Warum?

Eidinger: Das kommt für mich nicht infrage. Das ist mir zu privat. Ich kann sie danach auch nicht mehr privat tragen. Die ist dann ein Kostüm und unmittelbar mit der Figur verbunden. Ich kann auch gar keine Figur in meinen eigenen Schuhen spielen. Ich brauche diese Distanz, um mich zu nähern.

Wie trennen Sie Alltag und Beruf? Wie legen Sie Rollen ab, vor allem solche, die Sie jahrelang spielen?

Eidinger: Eigentlich lege ich die gar nicht ab. Es gibt ein tolles Kunstwerk von Erwin Wurm. Da hat er Menschen gebeten, alles anzuziehen, was sie an Kleidung besitzen. Dadurch entstanden große, fast monströse Figurinen. Und so fühlt sich das bei mir auch an. Rollen trage ich weiter mit mir rum. Die machen mich aber auch zu einer komplexen, vielschichtigeren Persönlichkeit. Es gibt bei „Peer Gynt“ am Ende das Bild mit der Zwiebel. Peer Gynt nimmt ja wie ein Schauspieler all diese Rollen an, um zu fragen, wer er ist, und um bei sich selbst anzukommen. Und dann gibt es diesen Monolog, da schält er eine Zwiebel und belegt jede Schicht mit einer gesellschaftlichen Rolle: Das bin ich als Knopfgießer, als Mutter, als Philosoph und so weiter. Und am Ende erschrickt er, weil diese Zwiebel keinen Kern hat. Weil darin nichts ist, und das, was die Persönlichkeit ausmacht, nur diese Schichten sind. Es gibt ein treffendes Zitat von Bertolt Brecht, der sagt: „Die Situationen sind die Mütter der Menschen.“ So verstehe ich das. Deshalb bin ich auch so irritiert, wenn Leute fragen: Wie ist der denn? Wie soll ich das beantworten? Ich kann ja auch nicht sagen, wer ich bin. Im besten Fall bin ich alles und nichts.

Haben Sie nicht Sorge, dass auch Ihr Kern verloren geht?

Eidinger: Nein. Es hat ja etwas Erlösendes, Tröstliches zu wissen, es gibt ihn gar nicht. Was es nicht gibt, kann auch nicht verloren gehen.

Das ist desillusionierend.

Eidinger: Es ist so, wie wenn ich jetzt frage: Was ist denn der Tod? Das ist eine Frage, die uns komplett überfordert. Und wenn man so will, liefert ein Stoff wie „Hamlet“ die Antwort. Er stellt die essenziellste Frage: Sein oder nicht Sein? Und dann lautet für mich die Antwort: Der Rest ist Stille. Und eben nicht, wie es in der Übersetzung von Schlegel/Tieck heißt: Der Rest ist Schweigen. Schweigen meint einen Ort, wo Menschen anwesend sind, die nichts sagen. Stille herrscht auch an einem Ort, ohne dass da jemand anwesend ist. Es ist eine falsche Übersetzung von „The rest is silence“, weil es klingt wie „Mehr ist dazu nicht zu sagen“. So ist es aber nicht gemeint. Und für mich ist die Erkenntnis tröstlich, dass der Tod Stille heißt oder Nichts. Weil er sich der Logik des Lebens entzieht und das Gegenteil meint. Das ist die Versöhnung damit, dass da kein Kern drin ist. Man verlangt ja auch oft in der Fiktion nach einer Logik, mit der das Leben gar nicht aufwartet. Man will in einem Film immer wissen: Warum? Aber darauf gibt es ja im Leben auch keine Antwort.

Sie spielen selbst viele Rollen: Sie sind auch Fotograf, DJ... Wie kriegen Sie das unter einen Hut?

Eidinger: Gar nicht. Ich weigere mich, diesen Hut zu tragen. Ich habe früh verstanden, dass man Kinder nicht fragen soll, was sie werden wollen. Denn das ist der Eintritt in die Leistungsgesellschaft, jemanden über seinen Beruf zu definieren. Ich kann verstehen, dass die Leute mich vor allem als Schauspieler sehen, aber aus meinem Selbstverständnis heraus bin ich nicht Lars Eidinger, der Schauspieler. Wenn ich Platten auflege, bin ich DJ. Und wenn ich fotografiere, Fotograf. Es erlaubt mir ein großes Maß an Freiheit, alles zuzulassen. Limitierung ist der Tod.

Was hat Sie zuletzt euphorisiert?

Eidinger: Ich habe mit DJ Hell in Bochum aufgelegt. Ich bin seit 25 Jahren wahnsinniger Verehrer. Er ist ein großes Vorbild. Ich wusste, er ist nach mir dran. Und als ich mein erstes Stück gespielt habe, hat er sich hinter mich gesetzt und blieb zweieinhalb Stunden dort sitzen. Es war so, als wenn der Fahrprüfer hinten ins Auto steigt. Am nächsten Tag hat er mir die erlösende Textnachricht geschrieben: „Große Verneigung von DJ zu DJ.“

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort
Salman Rushdies Antwort auf den Hass
„Knife“: Das Buch über die Messerattacke Salman Rushdies Antwort auf den Hass