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Leonard Cohen: Album "Thanks For The Dance" ist ein würdiges Vermächtnis

Neues Album von Leonard Cohen : So klingt „Thanks For The Dance“

Leonard Cohens posthumes Album „Thanks For The Dance“ ist das Werk des 2016 gestorbenen Sängers – und seines Sohnes Adam, der Songskizzen zur Vollendung gebracht hat. Dazu hat er namhafte Musiker eingeladen.

Erst der Höhenflug, dann der Absturz. Im Januar 2014 hatte Leonard Cohen (79) die letzte Station seiner weltweit erfolgreichen Abschiedstournee beendet und überlegte in seinem Haus in Los Angeles, vielleicht auf entspannte Art live weiterzuarbeiten, zum Beispiel in einem Casino in Las Vegas. Dann teilten ihm die Ärzte mit, er leide am myelodysplastischen Syndrom, einer Erkrankung des Knochenmarks. Er würde daran sterben, müsse aber keine Schmerzen befürchten, vertraute er seinem langjährigen Freund Eric Lerner an. Doch die Schmerzen kamen. In seinem Buch „Matters Of Vital Interest“ (2018) über seine Freundschaft mit Cohen erinnerte sich Lerner an die Diagnose des Musikers: „My bones are turning to dust.“ Am 7. November 2016 starb Cohen in Los Angeles. Die letzten Wochen, wusste Lerner zu berichten, seien die Hölle für Cohen gewesen. Er öffnete die Tür nicht einmal mehr für seine Kinder Lorca und Adam. Er wollte ihnen sein Leiden nicht zumuten.

Musikalische Skizzen

Das posthume Album „Thanks For The Dance“, das am Freitag, drei Jahre nach Cohens Tod, erscheint, hat der Sohn zu Ende gebracht. Adam Cohen war bereits maßgeblich an der Entstehung von „You Want It Darker“ (2016) beteiligt. Sieben Monate nach dem Tod des Vaters zog er sich in eine umgebaute Garage in seinem Hinterhof in Los Angeles zurück, um übrig gebliebene musikalische Skizzen, oftmals nur Gesang, in eine würdige Form zu bringen. Darum hatte ihn der Vater gebeten.

Adam Cohen hat Musiker wie den spanischen Saitenvirtuosen Javier Mas sowie Beck, Daniel Lanois, Zac Rae, Bryce Dessner, Richard Reed Parry, Damien Rice, Jennifer Warnes und Leslie Feist dafür gewonnen, ihre Kunst in das Album einzubringen. Der Berliner Chor Cantus Domus und der Shaar Hashomayim Choir aus Montréal waren ebenfalls an der Entstehung des Albums beteiligt. Einige der neun Songs spiegeln die Situation des todkranken Künstlers. „I can’t leave my house or answer the phone“, heißt es in dem lebensbilanzierenden Stück „The Goal“, das von einem einsam klingenden Klavier eingeleitet wird. Wie im Leben gönnt sich Cohen auch in seiner Musik keine sichtlich schwachen Momente, keine larmoyanten Aussetzer.

Im minimalistischen, aber intensiven Sprechgesangduktus konfrontiert sein Bariton den Hörer mit letzten Worten: „No one to follow, nothing to teach / Except that the goal falls short of the reach.“ Das Ziel zu verfehlen, ist Teil des Menschseins. Der Poet Cohen greift auf Zeilen aus seinem Werk zurück. „I can make the hills / The system is shot / I’m living on pills / for which I thank G-d“, hat er für sein „Book Of Longing“ gedichtet. Die Worte kehren nun in dem Lied „The Hills“ wieder, das ein Chor mit anschwellender Emotion unterstützt. Selbstironisch kokettiert der Sänger (wie zuvor in „Happens To The Heart“) mit den Grenzen seiner kreativen Kraft, beschwört dann aber die helfende Hand der Inspiration. Hymnisch feiern das schwebende Frauenstimmen. Danach ein Bild vom Ende. Ich sinke wie ein Stein, singt Cohen. Den Niedergang verwandelt er in pure Schönheit.

Der Erotomane meldet sich auch auf diesem Album zu Wort. Latinotemperamentvoll und begleitet von anfeuernden Kastagnetten erinnert er sich an „The Night Of Santiago“. Sein halbes Leben habe es bereits vergessen, stellt das lyrische Ich fest. Doch an das sexuelle Abenteuer von Santiago erinnert es sich noch heute. Verlustgefühle illustriert Javier Mas’ harfenhaftes Gitarrenspiel in „Moving On“. Von Existenz-Apparatschiks handelt der Song „Puppets“ mit Chor und schicksalhaften Paukenschlägen. Deutsche und Juden gehören zum Personal des Liedes, politische Führer („Puppet presidents command“) und am Ende alle Menschen, die wie Marionetten funktionieren: „Puppet me and puppet you“.

Adam Cohens Arbeit hätte dem Vater gefallen. Der dreht sich mit dem Titellied „Thanks For The Dance“ noch einmal elegant im Kreis: „It was hell, it was swell, it was fun.“ Ein tänzelnder Abschiedsgruß mit verführerischem Chor und Jahrmarktkapelle: „One, two, three, one, two, three, one.“

Leonard Cohen: Thanks For The Dance. Sony Music.