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Albumkritik „The Kiss“ von Peter Materna: Nach Lockdown: Comeback mit einem Kuss

Albumkritik „The Kiss“ von Peter Materna : Nach Lockdown: Comeback mit einem Kuss

Peter Maternas neues Album „The Kiss“ ist ein Trioprojekt mit Lisa Wulff und Silvan Strauss. Unbedingt hörenswert und jetzt zu haben.

Der Intendant des Jazzfests Bonn, Peter Materna, war während des Lockdowns fleißig. Nicht nur als Organisator des Festivals und Umplaner, dem es gelungen ist, fast alle für 2020 geplanten Konzerte in dieses und ins nächste Jahr zu bugsieren. Er ist auch musikalisch, als Saxofonist, einen Schritt weitergegangen. Nach einem Soloprojekt, bei dem er im Leoninum den Klang der Saxofone, des Kirchenraums selbst sowie den Resonanzraum des geöffneten Fazioli Flügels F308 aufgezeichnet hat, ist er im Mai 2020 ins Studio gegangen, um das Album „The Kiss“ aufzunehmen. Ein starkes Trio-Projekt, in dem neben einem vielseitigen Materna die fantasievolle und immer wieder überraschende Lisa Wulff am Kontrabass und E-Bass sowie der fulminante Silvan Strauss am Schlagzeug brillieren.

Gleich im ersten Stück, der Titelnummer „The Kiss“, erlebt man die drei als homogenes Ensemble, das das tänzerische Thema entwickelt, um dann Materna den ersten Ausbruch zu erlauben. Der Saxofonist nutzt die Freiheiten zu schnellen Improvisationsläufen, kehrt aber immer wieder zum quasi hingetupften Thema zurück. Leichtfüßig geht es mit „Dancing-A“ quasi aufs Tanzparkett, bevor der rhythmisch anspruchsvolle „A-Blues“ insbesondere Schlagzeug und Bass stärker ins Spiel bringt. Strauss lässt erste Kostproben seines variantenreichen Spiels aufblitzen, Wulff gibt sich sehr funky.

Ziemlich funky

Und Materna reagiert und interagiert. „Wish You Were Here“ ist auch eines der Stücke des Albums, in dem die Ensembleleistung sehr stark ist und man sich wunderbar die Bälle zuspielt. Auf das eher verhaltene, fast melancholische Stück „Hymne“, das eine unglaubliche Spannung aufbaut, die Maternas drängendes, wütendes, dann wieder sehr zartes, verlöschendes Tenorspiel eher intensiviert als irgendwann wirklich auflöst, folgen zwei Stücke, die ein ganz anderes Temperament haben: „Oxygen 1“ und „Oxygen 2“ sind weniger strukturiert, dafür unbändig und wild. Vor dem groovenden Hintergrund, den Strauss und Wulff herrlich cool ausbreiten, arbeitet sich Materna quasi bis zur Erschöpfung ab. Da bekommt der Titel „Oxygen“, Sauerstoff, eine ganz eigene Bedeutung, wie Materna unlängst bemerkte.

Auf dem Album sind die beiden „Oxygen“-Nummern, vor allem die Trance-artige zweite, absolute Spitze. Was unbedingt auch daran liegt, dass alle drei Musiker ähnliche Spielanteile haben und zeigen können, was sie drauf haben. Das ist eine Menge. Erste Eindrücke vom Album gab Materna kürzlich im Nees in drei Konzerten, die in einer anderen Besetzung die Stücke anders interpretierten. Was ja in der Live-Situation leicht passieren kann. Wobei die Spontaneität einer Live-Session durchaus auch auf dem Album zu spüren ist. Zwei Stücke sind tatsächlich Aufnahmen aus dem Nees: Die „Hymne“ und das faszinierende „343“ wurden 2019 dort live aufgenommen und in die CD integriert.

Unbändige Improvisationsfreude

„Place To Be“, das letzte Stück, ist ein echter Rausschmeißer, noch einmal tritt hier gebündelt auf, was dieses Album auszeichnet: tolle Triokultur, ein Ineinandergreifen der drei Parts, Tempo, unbändige Improvisationsfreude. 

„Für mich war diese CD extrem wichtig, sie hat mich persönlich am Leben gehalten, weil ich meine Kernkompetenz ausspielen konnte“, sagte der Bonner Saxofonist und gestand: „Ohne Corona hätte ich die CD nicht gemacht.“ Ein Glück, dass er es getan hat.

Peter Materna, Lisa Wulff, Silvan Strauss: „The Kiss“, Jazzline. Auf CD und Vinyl