Ein streitbarer Moralist Zum Tod des Schriftstellers Rolf Hochhuth

Berlin · Er war der erfolgreichste deutschsprachige Theaterautor der Nachkriegszeit. Mit dem Stück „Der Stellvertreter“ wurde er über Nacht berühmt. Jetzt ist der Autor mit 89 Jahren gestorben.

 Im Kreuzfeuer: Rolf Hochhuth (links) im Oktober 1967 im Bundeshaus Berlin während einer Pressekonferenz zu seiner Tragödie „Soldaten“.

Im Kreuzfeuer: Rolf Hochhuth (links) im Oktober 1967 im Bundeshaus Berlin während einer Pressekonferenz zu seiner Tragödie „Soldaten“.

Foto: dpa/Konrad Giehr

Der junge, 31-jährige Autor, dessen Stück am 20. Februar 1963 von Regisseur Erwin Piscator auf die Bühne des Berliner Theaters am Kurfürstendamm gebracht wird, ist weithin unbekannt. Er kommt aus dem nordhessischen Eschwege, hat eine Buchhandelslehre durchgemacht und arbeitet als Lektor für den Bertelsmann Lesering. Nach der Premiere sieht alles anders aus: Mit seinem „christlichen Trauerspiel“ (so der Untertitel) „Der Stellvertreter“ wird Rolf Hochhuth schlagartig berühmt. Kaum ein Theaterstück löst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so viele Diskussionen, so viele Proteste, so viele diplomatische Aktivitäten aus wie dieses Schauspiel, das nach der Mitverantwortung und nach der Mitschuld der katholischen Kirche und ihres Papstes Pius XII. an der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ forscht.

Der gedruckte „Stellvertreter“-Text wird zum Bestseller, das Schauspiel weltweit nachgespielt, von Stockholm bis New York, von Montevideo bis Tel Aviv. Wo auch immer es aufgeführt wird, provoziert es erregte Debatten und Skandale. Hochhuth, dem vor allem Theaterkritiker später immer wieder vorwerfen werden, allzu holzschnittartige Figuren zu ersinnen, hat zumindest mit dem jungen Jesuitenpater Riccardo in seinem Trauerspiel einen glühenden Idealisten entworfen. Riccardo erfährt von den Morden an den Juden, versucht vergeblich, den Papst zu einer öffentlichen Verurteilung zu bewegen. Im letzten Akt wird Riccardo zum eigentlichen „Stellvertreter Christi“: Er heftet sich den Judenstern an die Soutane und geht in die Todeskammern von Auschwitz.

Moralist, Aufklärer, Zwischenrufer und Provokateur

Am Donnerstag ist Rolf Hochhuth 89-jährig in Berlin gestorben. In den letzten Jahren ist es ein wenig stiller geworden um den leidenschaftlichen Moralisten, den unermüdlichen Aufklärer, den Zwischenrufer und Provokateur, der gegen Behördenignoranz und politische Willkür anging, gegen Geschichtsvergessenheit und die Arroganz der Mächtigen.

In seinem vermutlich letzten Interview, dass Hochhuth vor wenigen Wochen dem  Journalisten Harald Biskup gegeben hat, wurde der Schriftsteller noch einmal deutlich: „Meine Überzeugung ist und war stets, dass Pius, wenn er den Mut gehabt hätte, für die Juden einzutreten, statt diplomatisch zu taktieren, dem millionenfachen Mord am auserwählten Volk Gottes kraftvoll hätte entgegenwirken können. Zu schweigen, war in meinen Augen total amoralisch.“

„Du sollst nicht schweigen“

Wie weit kann der Einzelne Geschichte beeinflussen? Das ist die Frage, die Hochhuth auch in vielen seiner weiteren Stücke, Novellen, Essays und selbst in seinen Gedichten stellt. Ihr politisches Gewicht ist beträchtlich. Hochhuths Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ und sein Schauspiel „Die Juristen“ beispielsweise führen 1978 zum Rücktritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger. „Schriftsteller“, sagt Hochhuth, „müssen das schlechte Gewissen ihrer Nation artikulieren, weil die Politiker ein so gutes haben.“ Im Schauspiel „Judith“ geht es um den Einsatz von chemischen Waffen und um die moralische Rechtfertigung des Tyrannenmords, in „Wessis in Weimar“ um den „Ausverkauf“ der DDR durch die Treuhandanstalt.

„Du sollst nicht schweigen“ – das war für Rolf Hochhuth das elfte Gebot. Er hat sich eingemischt, manchmal auch verrannt, wie in einem bizarren Streit mit dem Berliner Ensemble, dessen Theater am Schiffbauerdamm er durch eine eigene Stiftung kaufte, um dort mindestens einmal im Jahr ein Hochhuth-Stück aufführen zu lassen. Merkwürdig ungeklärt blieben auch die Hintergründe seiner zeitweiligen, später revidierten Parteinahme für den britischen Holocaust-Leugner David Irving.

Seinen Aufsätzen „Krieg und Klassenkrieg“ hat Hochhuth ein Motto von Frank Wedekind vorangestellt: „Ein Schriftsteller, wo er politisch auch schreibt, / in Deutschland ein Schuft unter Schurken bleibt.“ So muss er sich manchmal gefühlt haben. Vor allem Hochhuth war gemeint, als sich Bundeskanzler Ludwig Erhard 1965 von den Schriftstellern eine Einmischung in politische Diskussionen verbat: „Die sprechen von Dingen, von denen sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben… Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.“

Liebenswürdig und charmant

Hochhuth freilich hatte Ahnung, hatte überaus großes historisches Wissen. Seine Stücke waren daher oft eine Qual für Regisseure. Den Texten waren Anmerkungen, Kommentierungen, Notizen ohne Ende beigefügt. So schneidend und schrill, so spöttisch und zornig der Schriftsteller in seinen kurzen Einwürfen zur Tagespolitik sein konnte, so ausschweifend und ausufernd geriet oft seine Aufklärungsarbeit. Und so laut er den Zeitungsredaktionen im Lande auch ungefragt seine Meinung kundtat, so liebenswürdig, höflich und charmant konnte er im privaten Umgang sein.

Rolf Hochhuth war ein Querdenker, ein Einzelkämpfer, einer, der mit seiner Ungeduld und Hartnäckigkeit durchaus etwas erreicht hat. 2011 wurde in Berlin in der Wilhelmstraße, nicht weit weg von Hochhuths Wohnung, ein Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser eingeweiht. Jahrelang hatte Hochhuth für diesen in der deutschen Geschichtsschreibung fast Vergessenen gekämpft, dessen Attentat im November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller um wenige Minuten scheiterte. Eines der Hochhuth-Gedichte ist dem von den Nazis ermordeten Elser gewidmet und greift exemplarisch Hochhuths großes Thema der Geschichtsverweigerung auf: „Dies Volk liebt zwar die Freiheit­ – doch nicht jene, die starben, um es zu befreien.“

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