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Neues Werk von Patrik Svenssons: So ist das Buch „Das Evangelium der Aale“

Neues Werk von Patrik Svenssons : So ist das Buch „Das Evangelium der Aale“

Prominente von Aristoteles bis Sigmund Freud haben über den Aal geforscht: Patrik Svenssons hat darüber das spannende Buch „Das Evangelium der Aale“ geschrieben.

Wer weiß, wie das 20. Jahrhundert verlaufen wäre, hätte der später weltberühmte junge Forscher im zarten Alter von 19 Jahren mit seiner Arbeit einen wissenschaftlichen Durchbruch erlebt. Er war zwar für Medizin eingeschrieben, studierte aber auch Philosophie, Physiologie sowie Zoologie bei dem auf Meereszoologie spezialisierten Wiener Professor Carl Claus, der eine Forschungsstation in Triest an der Adria leitete.

Dort reiste der ambitionierte Student hin, um ein Jahrhunderte, Jahrtausende altes Rätsel zu lösen und damit einen eigenen Fußabdruck in der Geschichte der Wissenschaft zu hinterlassen: Der Student wollte die Keimdrüsen der Aale finden, die Sexualität dieser urtümlichen Wesen ergründen. Hunderte Aale schlitzte er auf, legte sie unters Mikroskop, machte sich Notizen, wurde immer frustrierter, korrespondierte mit seinem Freund Eduard Silberstein: „Die Hände befleckt vom weißen und roten Blut der Seetiere und vor den Augen flimmernde Zelltrümmer, die mich noch in den Träumen stören, und in Gedanken nichts als die großen Probleme, die sich an die Namen Hoden und Ovarien – weltbedeutende Namen knüpfen.“

Nach fast einem Monat auf den Spuren der Aal-Frage musste er sein Scheitern eingestehen, die Sexualität des Aals blieb Sigmund Freud verborgen, dem späteren Erfinder der Psychoanalyse, Deuter des Unbewussten, der Triebe und Sehnsüchte. „Er hatte die Sexualität eines Fisches verstehen wollen, stieß jedoch nur auf seine eigene“, schreibt Patrik Svensson in seinem brillanten Buch „Das Evangelium der Aale“. Freud sei bei seiner weiteren Spurensuche im Trüben geblieben, habe nach der verborgenen oder verdrängten Sexualität (des Menschen) geforscht, von der Kastrationsangst bis zum Penisneid. Freud hatte über das frustrierende Scheitern in der Aalfrage zu seinem Lebensthema gefunden. Die Community aber forschte weiter. 1879 schrieb der deutsche Meeresbiologe Leopold Jacoby, es müsse unglaublich und für die Wissenschaft „ein bisschen erniedrigend“ erscheinen, dass es einem Fisch, der so weit verbreitet sei und den man täglich auf dem Markt oder Teller sehe, gelungen sei, „die Art und Weise, wie er sich fortpflanzt, wie er geboren wird und wie er stirbt, vor uns zu verbergen“.

Der Frust der Wissenschaft

Großer Forscherfrust steckt hinter diesen Zeilen, fast so etwas wie eine Kapitulation: „Die Aalfrage besteht, seit es die Naturwissenschaft gibt“, schließt Jacoby und beschreibt ein Problem, das seit der Antike für Kopfzerbrechen sorgt. Dass der Aal keine sichtbaren Geschlechtsorgane hat, bevor er sie benötigt, wussten weder Aristoteles noch Freud noch Jacoby. Svensson: „Ein Aal wird, was er sein muss, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“ Mit Feststellungen wie diesen kreist der Journalist, der von Kindesbeinen an mit seinem Vater an der schwedischen „Aalküste“ fischen ging, das Mysterium ein. Er verknüpft wunderbar eloquent die so hoffnungsvolle und akribische wie letztlich frustrierende Wissenschaftsgeschichte geradezu enzyklopädisch mit der Aalfrage in der Belletristik und im Mythos, mit dem Aberglauben, den kulinarischen Bräuchen aber auch mit der Sinnfrage, die uns alle umtreibt.

Was wissen wir über den Aal? In der fünf Millionen Quadratmeter großen Sargassosee, ein Ökosystem im Atlantik nordöstlich von Kuba und den Bahamas, östlich von Florida, flankiert vom Golfstrom und dem Kanarenstrom, kommen die Aale in tiefster Dunkelheit zur Welt. Sie treiben dann als nur wenige Millimeter langes, durchsichtiges „Weidenblatt“ (Svensson) Tausende Kilometer durch den Atlantik. Bis zu drei Jahre dauert diese Reise. Die Larve wächst zum Glasaal heran. An der europäischen Küste angekommen, passt sich der Fisch dem Süßwasser an, schwimmt die Flussläufe hinauf, mutiert stark und muskulös zum Gelbaal. Hunderte von Kilometer legt er zurück, bis er seinen Platz gefunden hat. Dort bleibt er bis zu 50 Jahre – versteckt oder auf der Jagd. Zu einem bestimmten Zeitpunkt beschließt er, sich fortzupflanzen.

In den Tiefen des Meeres

Er wandelt sich zum schwarz und silbrigen Blankaal und tritt die Reise zur Sargassosee an. Die Augen werden größer und besser, um sich in den Tiefen des Meeres orientieren zu können, sein Magen löst sich auf, er lebt nur noch von seine Fettreserven. Bis zu 50 Kilometer am Tag schwimmt er seinem Ziel entgegen, bildet, dort angekommen, seine Geschlechtsorgane aus, pflanzt sich fort und stirbt.

Gerade der letzte Teil liegt buchstäblich im Dunkeln. Svensson bringt etwas Licht in diesen spannenden Wissenschaftskrimi, stellt uns in liebevollen Porträts die Akteure – die Forscher und den Aal – vor. Einen guten Ruf hat er seit biblischen Zeiten nicht. Schon im Dritten Buch Mose gilt der Aal als Verabscheuungswürdig. Einen schaurigen Auftritt hat er in Günter Grass‘ Blechtrommel, als Dutzende Aale aus einem Pferdekopf kriechen, der aus dem Meer gezogen wird. Agnes, die Mutter von Oskar Matzerath, frisst sich geradezu an Aal zu Tode. Der Aal kündigt quasi die weitgreifende Tragödie an, ist der personifizierte Tod.

Patrik Svensson: Das Evangelium der Aale. Hanser, 253 S., 22 Euro