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Neuer Roman: Spannend: Stephen Kings Thriller „Später“

Neuer Roman : Spannend: Stephen Kings Thriller „Später“

Stephen King greift in seinem neuen Thriller „Später“ zu einem bekannten Motiv. Spannend ist er dennoch.

Das Ganze hier ist wohl eine Horrorstory. Also dann mal los.“ Jamie Conklin schreibt seine Erlebnisse mit 22 nieder, doch der Albtraum beginnt viel früher. Als sechsjähriger Knirps trifft er seinen New Yorker Nachbarn Mr. Burkett im Treppenhaus. Der Professor ist untröstlich über den Tod seiner Frau vor wenigen Stunden. Doch eben diese Mona sieht Jamie neben dem Witwer stehen und sich sorgen, wie der ohne sie künftig seine Gürtel durch alle Hosenschlaufen ziehen wird.

Jamie Conklin kann Tote sehen, und bevor sie auch für ihn nach einer gewissen Zeit verblassen, müssen sie ihm jede Frage wahrheitsgemäß beantworten. Welches Thrillerpotenzial diese Gabe birgt, wird der Knabe noch erfahren, „Später“, wie Stephen Kings aktueller Roman vielsagend heißt. Doch er ahnt schon: „Wenn der flatterhafte Finger des Schicksals auf einen zeigt, führen alle Wege zum selben Ort.“

Klassisches Gruselmotiv

Das Janusköpfige übernatürlicher Talente ist ein klassisches Gruselmotiv, das der Autor aus Maine schon in seinem US-Debüt „Carrie“ von 1974 beschwor. Doch während das telekinetisch begabte Mädchen aus Rache fast eine ganze Kleinstadt auslöschte, will Jamie aus seiner gespenstischen Fähigkeit am liebsten gar kein Kapital schlagen. Wenn ihn die anderen nur ließen. Seine allein­erziehende Mutter Tia, eine erfolgreiche Literatur-Agentin, verbrennt ihr Vermögen in einem betrügerischen Anlagefonds. Und als dann auch noch ihr Zugpferd Regis Thomas vor Vollendung seines lang erwarteten Bestsellers stirbt, schlägt Jamies Stunde: Er muss dem Toten die Handlung des Romans entlocken, den Tia dann ganz im seichten Softporno-Stil von Regis niederschreibt. Urheberschaft, eine fromme Lüge. Der 73-jährige Bestsellerautor hat sichtlich Spaß daran, den Literaturbetrieb als abgekartetes Spiel zu karikieren, in dem Agenten die Regeln machen und dabei allein ihrem Kommerzkompass folgen. Das liest sich als satirischer Schlenker amüsant, würde aber als Hauptthema an Kings horrender Kernkompetenz vorbeigehen. So muss sich Tia in die dubiose Polizistin Liz verlieben, die kurz vor ihrer Verbannung aus dem Dienst steht. Dann aber bringt sich der Bombenleger Kerry Therriault vor seinem letzten Coup um, und so soll Jamie vom herumspukenden Leichnam die Orte der arrangierten Detonationen erfahren. Was Liz als eigenen Fahndungserfolg verkaufen will.

Stalker aus dem Totenreich

Dramaturgisch wirkt das ein wenig schematisch, doch nun tritt Stephen King das Spannungspedal fast ins Bodenblech. Denn Therriault ist anders als die anderen Zombies – verweigert zwar nicht die Aussage, aber das Verblassen und Verschwinden. Ein Stalker aus dem Totenreich, der Jamie zum Duell zwingt. In dieser dämonischen Zwischenwelt schlägt das Herz des Romans, der gleichwohl nie ganz die beängstigende Dichte von „Shining“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“ erreicht.