Verrat im Kanzleramt Spannende Dokuserie über die Affäre Guillaume und den Rücktritt Willy Brandts

Berlin · ARD-Dokuserie beleuchtet die Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume, die vor 50 Jahren zum Rücktritt des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt führte.

Willy Brandt und sein Referent Günter Guillaume, hier auf Wahlkampfreise in Bamberg.

Willy Brandt und sein Referent Günter Guillaume, hier auf Wahlkampfreise in Bamberg.

Foto: rbb/Friedrich-Ebert-Stiftung/J.H/© rbb/Friedrich-Ebert-Stiftung/J.H. Darchinger

Eine verschlüsselte Radiobotschaft wurde ihnen letztendlich zum Verhängnis: Aus Ost-Berlin gratulierte 1957 die Stasi ihrem in der Bundesrepublik spionierenden Mitarbeitern Günter Guillaume und dessen Frau Christel auf Kurzwelle zur Geburt ihres Sohnes Pierre. Die in einem Zahlencode versteckte Stasi-Botschaft „Glückwunsch zum zweiten Mann“ wurde auch vom Bundesnachrichtendienst registriert, konnte aber erst Jahre später entschlüsselt werden: Der BND hatte inzwischen den Zahlencode geknackt, mit dessen Hilfe die DDR-Staatssicherheit via Radio mit ihren Auslandsagenten kommunizierte, und wusste nun, dass mit dem Ehepaar Guillaume etwas ganz und gar nicht stimmte.

Doch die Geheimdienstler ließen den 1956 in den Westen gekommenen Ost-Spion Günter Guillaume, der in der SPD eine steile Karriere machte und 1972 sogar persönlicher Referent von Bundeskanzler Willy Brandt geworden war, erst mal gewähren. Daran änderte sich auch nichts, als Brandt persönlich über den schweren Verdacht gegen seinen Mitarbeiter informiert wurde, der Kanzler nahm Guillaume und dessen Familie 1973 sogar mit in den Sommerurlaub in Norwegen – ein in der ARD-Dokumentation „Willy – Verrat am Kanzler“ geschildertes Detail, das nicht neu ist, aber immer wieder verwundert.

Mit Archivbildern und Interviews schildert die vierteilige Dokuserie, wie es genau vor 50 Jahren zur Guillaume-Affäre und dem Rücktritt Willy Brandts kam: Am 24. April 1974 wurden die Spione Günter Guillaume und seine Frau Christel festgenommen, wobei der Ost-Spion seine wahre Identität mit dem berühmt gewordenen Satz: „Ich bin Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ schon an der Wohnungstür offenbarte. Knapp zwei Wochen später trat Willy Brandt (1913-1992) vom Amt des Bundeskanzlers zurück und beendete damit eine politische Ära, die bis heute unvergessen ist – mit dem charismatischen SPD-Politiker, der von 1969 bis 1974 in Bonn eine sozialliberale Koalition anführte, verbinden viele Westdeutsche immer noch eine Phase des demokratischen Aufbruchs und der außenpolitischen Entspannung, die in der Dokumentation ausführlich gewürdigt wird. „Er war für uns wie ein Popstar“, erinnert sich die Schlagersängerin Katja Ebstein („Wunder gibt es immer wieder“) in der Doku an die damalige Stimmung unter seinen vielen Anhängern.

Aus der Sicht von Frauen

Mit Archivbildern und neuen Interviews erzählt der Vierteiler, was damals auch hinter den Kulissen passiert ist – und das erstmals aus Frauensicht, wie die ARD betont. So kommen in den eigens für die Dokumentation geführten Gesprächen keine Männer, sondern ausschließlich Expertinnen und Zeitzeuginnen wie die Journalistin und damalige Brandt-Vertraute Heli Ihlefeld, die frühere DDR-Spionin Lilli Pöttrich, die Journalistin Eva-Maria Lemke oder die Historikerin und Bestsellerautorin Katja Hoyer zu Wort.

Dazu gibt es O-Töne aus alten Interviews mit Günter und Christel Guillaume. Das Agentenpaar wurde 1975 wegen schweren Landesverrats zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, kehrte aber schon 1981 im Rahmen eines Agentenaustauschs in die DDR zurück, wo die beiden als Helden und als „Kundschafter des Friedens“ gefeiert wurden. Doch die Ehe ging bald in die Brüche, Günter Guillaume starb 1995, seine Ex-Frau Christel 2004.

„Willy – Verrat am Kanzler“ ab Donnerstag, 24. April, ARD-Mediathek

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