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Studie aus Bonn: Frauen in deutschen Spitzenorchestern auf dem Vormarsch

Studie des Musikinformationszentrums in Bonn : Frauen in deutschen Spitzenorchestern auf dem Vormarsch

Eine neue Studie des Musikinformationszentrums in Bonn zeigt, dass deutsche Spitzenorchester noch immer männerdominiert sind. Doch der Anteil der Frauen wächst

In der Geschichte der Berliner Philharmoniker war der 1. September des Jahres 1982 ein sehr besonderes Datum. Das hatte mit der damals gerade 26-jährigen Geigerin Madeleine Carruzzo zu tun. Die ebenso musikalische wie mutige Schweizerin wurde mit diesem Tag die erste Frau in den Reihen der Berliner. Genau hundert Jahre waren seit der Gründung des Weltklasseklangkörpers vergangen, und genauso lange waren die Herren Philharmoniker unter sich geblieben.

Das Bild hat sich mittlerweile deutlich verändert. Doch auch wenn Frauen bei den Berliner Philharmonikern längst keine Exoten mehr sind, so fällt der Anteil doch immer noch ernüchternd niedrig aus. Dass dies bei bundesdeutschen Spitzenorchestern keineswegs die Ausnahme ist, das geht aus einer Erhebung hervor, die das vom Deutschen Musikrat getragene Deutsche Musikinformationszentrum (MIZ) am Dienstag gemeinsam mit der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) und dem Deutschen Bühnenverein als Partner vorstellte. 

Je besser die Bezahlung, um so geringer der Frauenanteil

Demnach haben gerade die deutschen Spitzenorchester beim Frauenanteil einen Nachholbedarf. Während in den 129 öffentlich finanzierten Orchestern im Durchschnitt vier von zehn Pulten mit einer Frau besetzt sind, zählt die Studie in den Stimmführer- und Solopositionen hoch dotierter Orchester nur halb so viele. Man könnte es auf die Formel bringen: Je besser die Bezahlung, um so geringer der Frauenanteil. Denn die höheren Dienststellungen werden überwiegend von Männern bekleidet. Laut Studie besetzen sie 71,6 Prozent dieser Positionen. Bei den bestdotierten Orchestern, sogar 78,1 Prozent.

Die Studie, die alle 129 öffentlich finanzierten Orchester in Deutschland erfasst, bietet ein sehr differenziertes Bild sowohl der Altersstruktur innerhalb der Klangkörper als auch der Verteilung von Frauen und Männern in den einzelnen Instrumentengruppen und deren hierarchischer Untergliederung. MIZ-Leiter  Stephan Schulmeistrat: „Zugrunde liegt hier keine Hochrechnung. Wir haben erstmals die Personengruppe der Orchestermitglieder vollständig abgebildet.“

Das Geschlechterverhältnis wurde bis in die feinsten Verästelungen hinein beleuchtet. Wie sieht die Situation etwa im Verhältnis von Konzertmeisterinnen und Konzertmeistern aus? Wie ist der Frauenanteil unter den Stimmführern? Sieht es in der Gruppe der Holzbläser anders aus als derjenigen der Blechbläser? Tatsächlich findet sich der höchste Frauenanteil wenig überraschend unter den Harfen (93,7 Prozent), dann folgen schon die Flöten (62,6 Prozent). Schlusslicht bildet die Tuba.

Tuba-Spielerin in Oldenburg

Ruth Ellendorff zum Beispiel ist eine von nur zwei Frauen, die in deutschen Orchestern das schwere Bassinstrument spielen. Mit 24 Jahren trat sie ihre Stelle im Oldenburgischen Staatsorchester an.  „Ich hatte mir selber als Zeil gesetzt, dass ich gerne ich später irgendwo in einem Orchester spielen und damit mein Geld verdienen wollte. Das durfte auch ruhig ein kleines Orchester sein.“ Für sie passte da alles, verriet sie am Dienstag in der Zoom-Konferenz, die Stadt gefällt ihr, die Kollegen sind nett. Ambitionen, in ein größeres Orchester zu wechseln habe sie derzeit nicht. 

In dieser Selbstskizzierung sieht ihre Kollegin Christine Christianus, Geigerin beim Saarländischen Staatsorchester, auch eine Erklärung für den Ist-Zustand. Männer in allen Berufsgruppen legten mehr Augenmerk auf wirtschaftliche Kriterien, sagte sie. Das sei im Musikerberuf nicht anders. „Man dürfe aber auch nicht vergessen, dass die Rolle der Frau in den Orchestern noch sehr jung sei. „Ich denke da ist Dynamik drin“, sagte sie, „und das wird sich auch nicht aufhalten lassen.“ Unter den Diskutanten der Runde war man sich einige, dass es zur Förderung von Frauen in Berufsorchestern weniger einer Quote bedürfe, viel wichtiger sei eine bessere Unterstützung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die als Orchestermusikerin wegen der Abend- und Wochenenddienste besonders schwer umzusetzen sei.

„Die Zukunft der Orchester wird weiblich sein“

DOV-Chef Gerald Mertens erkennt diesen Punkt ebenfalls ein zentrales Anliegen. Gerade auch weil er überzeugt ist: „Die Zukunft der Orchester wird mehrheitlich weiblich sein.“ Die MIZ-Studie scheint ihm da recht zu geben. Denn der Frauenanteil liegt in der jüngeren Musikergeneration deutlich höher als in der Altersgruppe der über 45-Jährigen. Das werde sich mit der Zeit auch in den Führungspositionen niederschlagen, schätzt Mertens.

Ergebnisse der Studie unter www.miz.org/orchestererhebung