Ein Bildband über Erika Pluhar Tiefgründig und ernsthaft

Bonn · Zum 85. Geburtstag von Erika Pluhar erscheint der Bildband „Trotzdem“. Er dokumentiert das Leben einer bemerkenswerten Frau, die schon als Studentin am Wiener Burgtheater auftrat.

Eine Aufnahme Erika Pluhars aus dem Film „Moos auf den Steinen“, der 1968 entstand.

Eine Aufnahme Erika Pluhars aus dem Film „Moos auf den Steinen“, der 1968 entstand.

Foto: Erika Pluhar

Wien im Jahr 1957, Max-Reinhardt-Seminar. Senta Berger erinnert sich in ihrer Autobiografie „Ich wusste ja, dass ich fliegen kann“ an ihre damalige Schauspielklasse: „In der ersten Reihe saß immer ein ernstes, junges Mädchen mit einem Schopf dunkler, dicker, kurzer Haare, die mit ihrer tiefen, brüchigen Stimme an jeden unserer Lehrer Fragen stellte, immer Fragen hatte, auf deren Antworten sie bestand, die mit ihrer Dickschädeligkeit den Unterricht vorantrieb und für uns, ihre noch leichtfertigen, kindischen Mitschüler, eine Instanz wurde: Erika Pluhar.“ Bereits in ihrem zweiten Studienjahr (1959) wurde diese außergewöhnliche junge Frau als Elevin an das Wiener Burgtheater geholt. Sie sollte dem Haus vier Jahrzehnte lang als festes Ensemblemitglied erhalten bleiben, bis 1999, dem Jahr, in dem ihre Tochter Anna im Alter von 37 Jahren an den Folgen eines Asthmaanfalls starb.

Leben und Laufbahn einer Künstlerin

Erika Pluhars tiefgründige Ernsthaftigkeit und ihr kritischer Wissensdrang lassen sich auch in einigen Fotografien entdecken, die der neue Bildband „Trotzdem“ enthält. Das Buch ist im Residenz Verlag (Salzburg und Wien, 192 Seiten, 35 Euro) erschienen, in dem Pluhar seit vielen Jahren publiziert. Es ist der erste Bildband über ihr Leben und ihre Laufbahn als Künstlerin, und der Zeitpunkt der Veröffentlichung dürfte nicht zufällig gewählt sein – am 28. Februar wird Erika Pluhar 85 Jahre alt.

Isabella Suppanz, die Herausgeberin des Bildbandes, lernte Erika Pluhar 1979 kennen und wurde rasch zur „Erstleserin“ ihres literarischen Schaffens, das sie bis heute als Lektorin begleitet. Die Fotografien stammen überwiegend aus Erika Pluhars Privatarchiv und von ihren beiden langjährigen fotografischen Weggefährtinnen Christine de Grancy und Evelin Frerk. Sie dokumentieren neben dem Familienleben das Schaffen des Multitalents aus dem Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf: Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin, Regisseurin. 1968 gelingt Pluhar auch in Deutschland der Durchbruch, als geistreich-ironische (und sagenhaft attraktive) „femme de lettres“ Madeleine Forestier in Helmut Käutners Fernsehfassung des Maupassant-Klassikers „Bel Ami“.

Souverän und gereift

Im gleichen Jahr dreht sie das Gesellschaftsdrama „Moos auf den Steinen“ (siehe Foto), ihr Debüt im Kino. Fünf Jahre liegen zwischen der Erinnerung Senta Bergers an das ernste Mädchen mit den dunklen Haaren und der tiefen Stimme und der ungemein intensiven, schwarz-weißen Porträtaufnahme aus der TV-Verfilmung von Tschechows „Die Möwe“ (1962). Es ist das Jahr, in dem sie ihre Tochter Anna zur Welt bringen wird. Erika Pluhar, damals Anfang 20, blickt als Mascha direkt in die Linse der Kamera. Ihr Gesicht ist von seltener Ambivalenz – weich, nachdenklich und zart sowie ebenmäßig schön, souverän und gereift zugleich. In ihren Augen möchte man sich verlieren. Und gefunden werden.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort