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Kommentar zu Deutschland, Türkei und Kultur: Versöhnen statt spalten

Kommentar zu Deutschland, Türkei und Kultur : Versöhnen statt spalten

Das Auswärtige Amt, das zusammen mit der EU das Stück „Aghet“ finanziell gefördert hat, blamiert sich mit der Entscheidung, die geplante Aufführung in Istanbul abzusagen.

Wahrheit gegen Freund und Feind, / Männerstolz vor Königsthronen“ besang Friedrich Schiller in seiner Ode „An die Freude“. Das Auswärtige Amt hat sich mit seiner Entscheidung, die Aufführung des Konzertprojekts „Aghet“ in der deutschen Vertretung in Istanbul abzusagen, von beidem distanziert: von der Wahrheit und vom Stolz darauf, auch vor dem Herrscherthron mutig zu seinen Werten zu stehen.

Das Projekt „Aghet“ der Dresdner Sinfoniker heißt übersetzt Katastrophe – nichts anderes war der von Historikern belegte Genozid an den Armeniern, der während des Ersten Weltkriegs begann und bis zu 1,5 Millionen Menschen das Leben kostete. Die Türkei wendet sich vehement gegen die Einstufung der Massaker als Völkermord. Deshalb hat Ankara seit Monaten gegen „Aghet“, das explizit vom „Völkermord an den Armeniern“ im Osmanischen Reich handelt, polemisiert.

Das Auswärtige Amt, das zusammen mit der EU „Aghet“ finanziell gefördert hat, blamiert sich mit einer Entscheidung, die leichtfertig das hohe Gut der Meinungs- und Kunstfreiheit suspendiert – aus politischem Kalkül. Das komplizierte Verhältnis zur Türkei und ihrem in künstlerischen Angelegenheiten hochsensiblen Staatschef Recep Tayyip Erdogan soll offenbar nicht zusätzlich belastet werden. Das Einknicken schmerzt, denn anders als der Satiriker Jan Böhmermann mit seinem spätpubertären Erdogan-Poem transportieren die Dresdner Sinfoniker mit „Aghet“ ein seriöses Anliegen. Es geht den Künstlern nicht um Provokation, sondern um Versöhnung.