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Medienkünstlerin: Wie Corona in die Kunst kommt - Hito Steyerl in Düsseldorf

Medienkünstlerin : Wie Corona in die Kunst kommt - Hito Steyerl in Düsseldorf

Sie ist rebellisch und unbequem. Trotzdem oder gerade deshalb ist Hito Steyerl derzeit eine der bedeutendsten Gegenwartskünstlerinnen. Eine große Schau in Düsseldorf zeigt, wie hochaktuell Steyerl ist.

Harte Computer-Beats wummern, eine Stimme spricht aus dem Off, gleichzeitig werden die Zunahme der Corona-Neuinfektionen und Verschwörungstheorien im Internet gemessen, auf Leinwänden tanzen schwerbewaffnete Digital-Polizisten immer schneller, bis sie sich in bunten Strahlen auflösen.

Und der Berliner „Tatort“-Kommissar Mark Waschke ist wegen Corona in Kurzarbeit. Er animiert Polizeiavatare.

Eine Videoinstallation von Hito Steyerl überfordert auf den ersten Blick, so wie auch die hochkomplexe Gegenwart die Menschen überfordert. Erst wenn man sich auf die digitalen Experimente der Medienkünstlerin einlässt, lässt sich ihre Gesellschaftskritik entschlüsseln.

Die 54-jährige Steyerl gehört zu den international einflussreichsten Künstlerinnen und mischt mit ihren politischen Installationen den Kunstbetrieb auf. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K21 Ständehaus) in Düsseldorf widmet der in Berlin lebenden Filmemacherin, Autorin und Medienkunstprofessorin ab Samstag die erste umfassende museale Überblicksschau in Deutschland unter dem Titel „I Will Survive“.

Die tanzenden Polizisten und Schauspieler Waschke sind Teil der neuesten Installation Steyerls namens „SocialSim“. Der Titel hat nichts mit Sozialismus zu tun, sondern mit sozialen Simulationen, in denen per Computer und Datensammlung sogar Aufstände und Revolution berechnet werden sollen. Steyerls hochprofessionelles Team misst live im Internet und in sozialen Netzwerken den Anstieg von Corona-Infektionen, aber auch die Häufigkeit von Todesdrohungen in Polizeicomputern oder nationalistische Tendenzen.

„Konsequent und kompromisslos“ sei Steyerl, sagt Kunstsammlungschefin Susanne Gaensheimer. „Sie richtet ihren analytischen Blick auf die Krisen unserer Zeit.“ Zunehmende nationalistische und antisemitische Tendenzen, globaler Daten-Kapitalismus oder Überwachung spiegelten sich in Steyerls Werk wieder. Auch in ihren frühen, noch stark an ihr Studium der Dokumentarfilmregie angelegten Videos der 1990er Jahre, geht es um Rassismus und Antisemitismus im gerade wiedervereinigten Deutschland.

Steyerls futuristische Filme und Installationen finden weltweit Beachtung. Zur Biennale in Venedig 2015 hatte sie mit einem vermeintlichen Videogame Aufsehen erregt. 2017 setzte die britische Kunstzeitschrift „ArtReview“ Steyerl in der Rangliste der wichtigsten Persönlichkeiten im internationalen Kunstbetrieb („Power 100“) auf Platz eins.

Video und Präsentationsort werden bei Steyerl zu einem Gesamtkunstwerk - oft mit einer guten Portion Sarkasmus. So können sich Ausstellungsbesucher auf gemütlichen Erste-Klasse-Flugzeug-Ledersesseln niederlassen und einen Film über Flugzeugwracks anschauen. Steyerl schürft dabei immer tiefer und stellt neue Zusammenhänge her: Die Wracks stehen symbolhaft für den Börsencrash 2008. Auch 1929 brachen die Börsen zusammen, und in dem Jahr wurden die meisten Flugzeugabstürze verzeichnet.

Die promovierte Philosophin Steyerl bedient sich in der Geschichte, bei Adorno, Hegel, Jean-Luc Godard, der Popkultur, Disco-Hits bis zu Monty Python. Sie beschäftigt sich mit feministischen Ansätzen ebenso wie mit Kolonialismus und Rassismus. Steyerl stellt aber auch den Kunstbetrieb infrage und kritisiert den Einfluss von Unternehmen als Geldgeber für Museen. Mit ihren coolen Video-Installationen trifft sie zugleich den Nerv der Internet- und Gamer-Generation. Dabei bleibt Steyerl immer auf der Höhe der Technologie, um nicht anderen die Macht zu überlassen.

„Steyerl ist immer up to date“, sagt Kuratorin Doris Krystof. So thematisiert Steyerl auch bereits die Auswirkungen der Corona-Pandemie in ihrer neuesten Arbeit. Je höher die Infektionsraten steigen, umso hysterischer tanzen die behelmten Polizisten auf der Leinwand.

Rund acht Stunden würde es dauern, wenn man alle 17 Videoarbeiten der Ausstellung von Anfang bis Ende anschauen würde. Und wahrscheinlich hätte man auch dann noch nicht alle politischen Bezüge erfasst. Steyerl zeichne sich durch ein Denken aus, „das sich strikt der Unterkomplexität verweigert“, fasst Krystof zusammen.

So kann man auch nicht einfach durch die Ausstellung spazieren und sich etwa von Videos farbenprächtiger Computerblumen berieseln lassen. Steyerl fordere immer wieder heraus, sich selber zu reflektieren, sagt Museumschefin Gaensheimer. „In Zeiten der fundamentalen Krise, wie wir sie gerade erleben, brauchen wir mutige und unangepasste Künstlerinnen wie Hito Steyerl mehr denn je, damit sie uns immer wieder vor Augen führen, wie der Zustand unserer Welt ist, und uns den Spiegel vorhalten.“

© dpa-infocom, dpa:200924-99-693648/2