Paradiesvögel erobern den Bildschirm Wie queer ist das deutsche Fernsehen?

Berlin · Schillernde Entertainer wie Tanz-Juror Jorge Gonzalez und Moderator Riccardo Simonetti machen sich für Diversität stark.

Der schwule „Let‘s Dance“-Juror Jorge Gonzalez ist fester Bestandteil der RTL-Show.

Der schwule „Let‘s Dance“-Juror Jorge Gonzalez ist fester Bestandteil der RTL-Show.

Foto: picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd

Er macht aus jeder Sendung einen Laufsteg: Mal betritt Jorge Gonzalez das Studio der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“ in einer hautengen lila Lackhose, dann wieder mit gelben Federn geschmückt, und seine manchmal turmhohen Frisuren würden selbst Marie Antoinette neidisch machen. Der schwule Choreograph und Fernsehstar ist ein echter Paradiesvogel – und einer von etlichen queeren Entertainern, die in den vergangenen Jahren den Bildschirm erobert haben.

Zu den prominentesten Vertretern queerer Kultur in den Medien zählt der österreichische Sänger Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, der 2014 den ESC gewann – eine Diva mit Vollbart. „Was ich mir wünsche, wäre, dass sich die Leute ausgehend von meiner ungewöhnlichen Erscheinung Gedanken machen – über sexuelle Orientierung, aber genauso über das Anderssein an sich“, sagte der Künstler nach seinem Sieg. Längst ist Neuwirth eine der Ikonen der internationalen LGBT-Szene und als Fernsehmoderator gefragt: Zuletzt war er Juror in der Castingshow „Ich will zum ESC“ in der ARD-Mediathek.

Er glaube, „dass Diversität und gesellschaftskritische Themen durchaus unverkrampft in einer Prime-Time-Show stattfinden können“, sagt der 31-jährige Riccardo Simonetti aus Bayern. Der Autor des autobiographischen Bestsellers „Mama, ich bin schwul“ moderiert die Make-up-Show „Glow Up“ (ZDFneo) und hatte an Ostern eine Gastrolle auf dem „Traumschiff“. Im Nischenprogramm zu später Stunde war allerdings seine WDR-Talkshow „Salon Simonetti“ versteckt, in der er mit seinen Gästen über Toleranz und vielfältige Lebensentwürfe plauderte – unter anderem mit dem Entertainer Thomas Herrmanns, der schon mit 17 sein Coming-out hatte und 1993 den „Quatsch Comedy Club“ ins Fernsehen brachte.

Von Lilo Wanders bis zu Julian F.M. Stoeckel

Die Paradiesvögel von heute haben prominente Vorläufer, Menschen wie die lesbische Hella von Sinnen oder die Dragqueen Lilo Wanders, die 1994 als Moderatorin der Erotiksendung „Wa(h)re Liebe“ (Vox) bekannt wurde. Zu den queeren Stars der neuen Generation zählt Modedesigner Julian F.M. Stoeckel. Der bisexuelle Entertainer wurde 2014 mit der Dschungelshow „Ich bin ein Star“ bekannt und sagte in einem Gespräch mit dem Podcast „Queerkram“: Natürlich sei er von RTL damals bewusst als „laute, schrille Tunte“ gecastet worden, letztlich habe er aber einfach er selbst sein dürfen. Er glaube, dass die Reality-Show, in der unter anderem auch Travestiekünstler Olivia Jones mitmachte, zu mehr LGBT-Akzeptanz beigetragen habe. Zuletzt wirbelte der 37-Jährige – Markenzeichen bunter Turban – die brave Kuchensendung „Das große Promibacken“ durcheinander und moderierte die Kuppelshow „Naked Attraction“.

LGBT-Themen sind weiterhin unterrepräsentiert

Aber wie divers ist das deutsche Fernsehen tatsächlich? Experten sind sich einig, dass sich zuletzt viel getan hat. In der Daily Soap „Alles was zählt“ heiratete neulich eine lesbisches Paar, die nächste „Bachelorette“ Stella Stegmann bei RTL ist offen für Männer und Frauen, und im Ersten ist Schauspieler André Kaczmarczyk seit 2022 als genderfluider „Polizeiruf 110“-Kommissar Vincent Ross mit Rock und Kajalstift zu sehen. Eine Auswertung der queeren Mediendatenbank „QUEERmdb“ kam zu dem Schluss, dass LGBT-Themen im TV zwar weiterhin unterrepräsentiert seien, doch mit steigender Tendenz: „2023 war ein erfreuliches Jahr für queere Präsenz in deutschen Medien“. Queere Nachrichtenmoderatoren wie der nicht-binäre Janboris Rätz von „SWR Aktuell“, der sich weder als Mann noch als Frau definiert, oder die transgeschlechtliche „Newstime“-Sprecherin Kira Alin (Pro Sieben), sind allerdings noch die Ausnahme.

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