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Liedermacher Konstantin Wecker: „Wir tun alles dafür, unglücklich zu sein“

Liedermacher Konstantin Wecker : „Wir tun alles dafür, unglücklich zu sein“

Der Liedermacher Konstantin Wecker spricht im Interview über seine Sehnsucht nach der Bühne, politische Machtspielchen und die hohe Kunst des Scheiterns. Welche Zwischenbilanz zieht er nach den langen Jahren seines Künsterlebens?

Utopia“ heißt das neue Album des ewigen Träumers und selbsternannten Anarchos aus München: Konstantin Wecker. Es ist das erste Werk mit komplett neuen Liedern und Gedichten seit sechs Jahren, und wie gewohnt steckt es voller kluger Gedanken und zeitloser, mal üppig und mal spärlich instrumentierter Melodien. Steffen Rüth hat Konstantin Wecker (74) in seinem Refugium in der Toskana angerufen.

Herr Wecker, bis auf wenige Ausnahmen haben Sie seit bald anderthalb Jahren keine Konzerte spielen können. Halten Sie den Stillstand noch aus?

Nur schwer. Ich merke mehr und mehr, wie schrecklich ein Leben ohne die Bühne ist. Fünfzig Jahre lang, selbst in den Phasen, in denen es mir nicht gut ging, war ich praktisch immer auf der Bühne. Man hat das für selbstverständlich genommen. Die Wärme der Menschen, die Umarmungen – das fehlt mir alles sehr. Es ist schon furchtbar. Kultur kann doch auch so viel Mut machen. 2019 schrieb mir ein älterer Herr so schön „Herr Wecker, ich war bei Ihnen im Konzert, und ich verspreche Ihnen, ich werde mich weiter engagieren“. Diese Zuschrift ist sinnbildlich für so viele.

Haben Sie die fehlende Wärme ersetzen können?

Ich hatte die Zeit und die Muße, mein Album „Utopia“ fertigzustellen. Die „Utopia“-Tour sollte ursprünglich im Herbst 2020 stattfinden, doch da hätte ich die Lieder noch gar nicht alle gehabt. Aber es gab auch Phasen, in denen ich wirklich mutlos war. Ich bin fast 74 und definitiv ein älterer Herr. Die Bühne ist ja auch ein Jungbrunnen. Jetzt kommen plötzlich Malaisen, die ich vorher gar nicht gespürt hatte, weil ich sie immer wegsingen konnte.

Im Stück „An Die Musen“ singen Sie, dem Alter trotzen und vergessen zu wollen, dass der Zahn nun auch an Ihrer Zeit nagt.

Die neuen Lieder haben tatsächlich sehr viel mit dem Alter zu tun und wie man mit dem Älterwerden umgeht. Mich macht es sehr froh, dass ich nicht zwanghaft versuche, 20 Jahre jünger zu sein, sondern dass ich mich in meinen Texten der Tatsache stelle, wie alt ich bin. Ich denke, es ist besser und gesünder, sich darauf einzulassen. Und darum bitte ich die Musen, dass sie mich küssen und noch einmal ihr Wunder an mir bewirken.

Entstehen Ihre Lieder ungeplant?

Eigentlich ist jeder Text, den ich schreibe, eine Überraschung für mich. Einmal, in meiner wilden Drogenzeit, habe ich ein Lied geschrieben, „Manchmal weine ich sehr“. Dieses Lied handelt davon, dass ich in einer Psychiatrie bin, und da hätte ich eigentlich auch hingehört. Ich hatte mir damals gar nicht zugestanden, dass ich schon in so einem schrecklichen Zustand war, da helfen einem die Drogen ja auch drüber hinweg. Meine Texte jedenfalls waren meistens sehr viel klüger als ich selbst. Man erkennt sich in der Poesie besser als mit der Ratio – das habe ich von meinen Meistern gelernt. Ein Rainer Maria Rilke hat in seinen Gedichten manchmal Dinge gesagt, die man nur der Poesie ausdrücken kann.

„Dieses wilde Tier konnte ich nur selten zügeln, denn es hauste tief in mir“, sagen Sie im Stück „Bin ich endlich angekommen?“ Schlummert es dort noch immer?

Ja, aber in dem Moment, wo man es erkennt, ist schon viel gewonnen. Kurz vor meinem 60. Lebensjahr habe ich mich in einem Buch mit dem Titel „Die Kunst des Scheiterns“ ausschließlich mit meinen Niederlagen auseinandergesetzt. Für mich besteht diese Kunst darin, dass man sein Scheitern anerkennt und es nicht jemand anderem, wie dem bösen Staat oder den Eltern, in die Schuhe schiebt.

Ist „Utopia“ insgesamt ein Plädoyer für ein Leben mit weniger Druck? Sie singen ja auch „Anstatt zu siegen, bleib‘ ich lieber liegen“.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir alles dafür tun, unglücklich zu sein. Man redet uns ein, wir müssten die Besten und die Reichsten sein, die meisten Likes bekommen. Wenn ich mit Schülerinnen und Studenten rede, etwa im Rahmen der Initiative „Schule gegen Rassismus“, sage ich immer „Führt ein Tagebuch, nur für euch allein. Denn beim Schreiben entdeckt ihr euch selbst“.

Das Album würde wohl nicht „Utopia“ heißen, wenn Sie nicht daran glauben würden, oder?

Absolut. Mein Traum ist eine Welt ohne Herrschaft, Machtstreben, Unterdrückung und Gehorsam.

Was hält diesen Traum lebendig?

Die Kunst. Ich glaube, wir Künstler sind vielleicht die letzten, die diesen Traum noch weitertragen können, ja weitertragen müssen. Denn wenn diese Idee stirbt, dann stirbt auch irgendwann die Menschheit aus. Ich fürchte, wenn wir so weitermachen wie seit Jahrtausenden, dann werden wir alles vernichten, was uns am Leben hält.

Was stimmt Sie optimistisch?

Neben den alten Machos, die weiter die Welt beherrschen, wie Putin, Orban oder Bolsonaro, gibt es eine ganz starke Frauenbewegung, eine Antirassismus-Bewegung, und es gibt „Fridays for Future“. Diese jungen Menschen faszinieren mich mit ihrem klugen, angstfreien Engagement. Mich freut auch, dass der Begriff „Anarchie“ gerade auch bei jungen Leuten wieder durchaus im Gespräch ist. Ich bin ja selbst ein bekennender Anarcho, und kaum ein Wort wurde so geschändet wie dieses. Nach dem Sturm aufs Kapitol titelte etwa die Bild-Zeitung „Anarchie in Washington“. Dabei war nichts von Anarchie so weit entfernt wie dieser Mob.

„Fridays for Future“ wird von jungen Frauen geprägt. Wie finden Sie das als älterer, weißer Mann?

Großartig. Ich bin der Meinung, das Hauptproblem der letzten Tausenden von Jahren war das Patriarchat. Männer versuchen immerzu, aggressives, testosterongeschwängertes Denken umzusetzen, um jeden Preis und ohne Rücksicht. Frauen sind in den meisten Gesellschaften, außer einigen indigenen, unterdrückt worden. Selbst die wunderschönen Ideen eines Jesus von Nazareth wurden von der Kirche patriarchalisiert. Plötzlich war es nur noch „der“ Gott, im Islam ganz genauso. Da muss sich was ändert, und das geschieht ja auch gerade.

 Liedermacher, Poet, Schauspieler: Konstantin Wecker 2013 bei Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm am Tegernsee.
Liedermacher, Poet, Schauspieler: Konstantin Wecker 2013 bei Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm am Tegernsee. Foto: picture alliance / dpa/Tobias Hase

Das Buch, das Sie erwähnen, heißt „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten – ein Plädoyer für Kunst und Kultur“ und erscheint zeitgleich mit „Utopia“. Warum ist die Kultur in Deutschland während Corona so kaltschnäuzig ignoriert worden?

Wir haben einige Politiker in Deutschland, die vielleicht nicht unglücklich darüber sind, wenn speziell die Subkultur zum Schweigen kommt, die ja immer auch frech ist und zum Widerstand aufruft. Ein Herr Söder etwa kommt mir nicht wie ein kulturvoller Mensch vor. Leider gibt es viele von dieser Sorte, die nicht von sich aus spüren, dass sie die Kunst in ihrem Herzen brauchen und dass die Kultur Nahrung der Seele ist.

Sind Sie froh, dass Markus Söder wohl nicht Bundeskanzler wird?

Da bin ich sehr froh. Söder ist jemand, den ich nicht unbedingt als Kanzler haben will. Ich bin jetzt auch nicht der Riesenfan von Armin Laschet, aber Söder halte ich für gefährlich. Weil er meines Erachtens ein unglaublicher Machtmensch ist.

Ist Macht für sie immer negativ? Sieht man nicht an den Grünen, deren Kandidatin ins Kanzleramt einziehen will, dass man den Anarcho in sich ein Stück weit zügeln muss, wenn man an die Macht will?

Sie reden mit einem Poeten, nicht mit einem Politiker. Und natürlich betrachtet ein Politiker die Welt aus anderen Augen als ein Künstler. Das Wort „Macht“ fasziniert mich seit jeher. Ich stand der Macht schon als junger Mann sehr skeptisch gegenüber. Ich hoffe, dass sich die Grünen noch ein wenig darauf besinnen, dass sie zu einer Zeit Anfang der 80er, als Petra Kelly mit Heinrich Böll und auch mit mir Sitzblockaden gegen die Aufrüstung organisiert hat, gnadenlos vom Establishment verlacht wurden. Ich habe Petra Kelly sehr bewundert. Eben, weil sie keine typische Politikerin war.

Beruhigt es Sie, dass der Rechtsradikalismus durch die Pandemie etwas in den Hintergrund gerückt ist?

Naja, ist er das? Er kommt nur anders daher. Ich finde es schon sehr gefährlich, was diese ganzen Verschwörungstheorien für einen Zuspruch erfahren. Manche Leute in meinem Publikum haben mich ja heftig angegriffen, dass ich nicht bei den Querdenkern dabei bin. Aber mir war von Anfang an klar, dass ich als gebürtiger Antifaschist niemals an einer sogenannten rechtsoffenen Demo teilnehmen werde. Und ganz davon abgesehen: Ich teile die Sorge kluger Köpfe wie Heribert Prantl von der SZ, die davor warnen, wenn aufgrund der Pandemiemaßnahmen Freiheit und Grundrechte eingeschränkt werden. Einige dieser Maßnahmen kritisiere ich in meinem Buch auch. Aber wie kann man denn nach mehr als einem Jahr eigentlich so blöd sein und noch immer Corona leugnen?

Herr Wecker, würden sie als kleines Zwischenfazit nach 74 Jahren sagen, dass das Dichten Ihnen das Leben gerettet hat?

Ja, sogar oft. Es hat mich immer wieder zurück auf den Weg geführt. Ich habe ja sehr viel Blödsinn in meinem Leben gemacht. Das wäre alles viel früher schiefgegangen, wenn ich nicht die Musik und die Poesie gehabt hätte.