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Verhüllungskünstler Christo ist mit 84 Jahren gestorben

Nachruf zum Verhüllungskünstler : Christo war der Mann, der die Welt verpackte

Mit monumentalen Installationen gab Christo der Welt einen neuen Anstrich. Mit seiner Frau Jeanne-Claude rang er jahrelang gegen Widerstand und begeisterte dann Millionen. Jetzt ist Christo im Alter von 84 Jahren gestorben.

Corona-Krise hin, Corona-Krise her, die Zeit lief ihm davon: „Ich arbeite ohne Pause, aber ich habe auch vorher schon ohne Pause gearbeitet“, sagte Christo unlängst. Dabei war die für September dieses Jahres geplante Verhüllung des Pariser Arc de Triomphe auf 2021 verschoben worden. Aber er hatte zu tun: „Wir müssen all diese Zeichnungen machen, um das Projekt bezahlen zu können.“ Der in Bulgarien geborene Verpackungskünstler, der am Sonntag im Alter von 84 Jahren in seiner Wohnung in New York gestorben ist, finanzierte seine Großprojekte hauptsächlich durch den Verkauf der dazugehörigen Skizzen und Zeichnungen.

Paris war ein bedeutender Ort seiner Karriere. In der Stadt kam er 1957 als Migrant im Westen an. 1962 verrammelte Christo die Rue de Visconti mit 89 Ölfässern – das erste Ausrufezeichen des Künstlers, der mit Jeanne-Claude in Deutschland durch die Verpackung des Berliner Reichstagsgebäudes im Jahr 1995 bekannt wurde.

Das Pariser Centre Pompidou will Christo eine Hommage widmen. Die wegen der Corona-Krise verschobene Ausstellung „Christo et Jeanne-Claude, Paris!“ solle nun am 1. Juli öffnen, teilte das Centre Pompidou gestern mit. Ursprünglich war die Vernissage der großen Schau schon im März geplant. Ein Termin für die Hommage, die mit der Familie abgestimmt sei, wurde nicht mitgeteilt.

Christo und Jeanne-Claude in „The Gates“, Central Park, New York City, 2005. Foto: Wolfgang Volz

1985 hatte Christo zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau und kongenialen Kunstpartnerin bereits die berühmte Brücke der Liebenden, den Pariser Pont Neuf, mit sandfarbenem Stoff verhüllt. Bei der documenta 4 hat das Paar eine 83 Meter hohe Luftsäule zu einer Riesenwurst aus Kunststoff verpackt.

Am 13. Juni 1935 wurden Christo und Jeanne Claude geboren, er in Bulgarien, sie in Marokko. Vor ziemlich genau zehn Jahren, Jeanne Claude war Monate zuvor unerwartet gestorben, sprach Christo im Brühler Max-Ernst-Museum über Paris, wo sich beide Künstler in den 1960er Jahren ineinander verliebt hatten, und das gemeinsame Werk: „Wir kommen in Dimensionen, die die Kunst nicht erreicht, wir leihen uns öffentliche Räume aus und bringen einige Wochen Unruhe hinein.“

Verhüllter Reichstag

Ob er denn den Mond verhüllen würde, wurde er gefragt? Christo: „Wenn wir genug Leute zusammenbringen, schaffen wir das!“ Und er sprach über seine „poetische Kolonisierung der Umwelt“ und den Kampf gegen den „bürokratischen Horror“ in Japan und in den USA oder in Berlin, wo Christo und Jeanne-Claude mehr als 600 Abgeordnete und unzählige Entscheidungsträger über Jahrzehnte bearbeiten mussten. Ein sieben Kilo schwerer opulenter Bildband des Taschen-Verlages – er dokumentiert alle Projekte in schöner Ausführlichkeit – ist Ende 2019 erschienen.

Am Reichstagsprojekt lässt sich exemplarisch ablesen, wie die Mega-Installationen funktionieren. Die Projekte waren privat und ohne Sponsorengelder oder öffentliche Mittel finanzierte Langzeitunternehmen, geprägt von zähen Verhandlungen mit Vertretern der Politik, mit kommunalen Entscheidungsträgern und Anrainern. Der verhüllte Reichstag gilt als eines der langwierigsten Projekte des Paares. Von 1971 bis zur Realisierung im Jahr 1995 arbeiteten beide daran, weckten Willy Brandts Interesse und mussten Helmut Kohls Missbilligung verkraften.

Ein unglaublich zäher Prozess, bis der Bundestag in Bonn am 25. Februar 1994 über ein brisantes Thema beriet: Kunst. Genauer: über eines der kühnsten Kunstprojekte der Republik, die Verhüllung des Reichstags. 292 Abgeordnete stimmten dafür, 223 dagegen. „Natürlich waren wir glücklich, dass wir Herrn Kohl 77 seiner eigenen Leute gestohlen haben“, sagte Christo später im „Zeit“-Interview. 1994 entschied der Bund, 1995 übertraf das Projekt alle Erwartungen, als der verhüllte Reichstag wie eine Fata Morgana unweit des ehemaligen Todesstreifens in Berlin aufschien und fünf Millionen begeisterte Menschen anlockte.

Christo und Jeanne-Claude: Surrounded Islands, Biscayne Bay,  Miami, Florida, 1980-83. Foto: Wolfgang Volz

Auch „Valley Curtain“ in Colorado, ein verhängter Canyon (1972), die umsäumten Inseln („Surrounded Islands“, 1983) vor Florida, die Schirme, synchron in Japan und den USA aufgespannt („The Umbrellas“, 1991), oder die mit Stoff bespannten Stege („Floating Piers“, 2016) auf dem Iseo-See waren logistische Meisterleistungen.

Die sich aber deutlich von Christos Riesenprojekten unterscheiden. „The Mastaba“ etwa war seit 1977 in Planung: Höher als die Cheops-Pyramide sollen sich in der Wüste von Dubai 410 000 Fässer stapeln. Der Krieg zwischen dem Iran und dem Irak, die explosive politische Situation im Nahen Osten zwangen Christo und Jeanne-Claude immer wieder zu Unterbrechungen. 2016 liefen die Verhandlungen über die Realisierung wieder an. Die Kosten wurden auf eine halbe Milliarde US-Dollar geschätzt. Christo realisierte 2018 eine kleinere Version im Londoner Hyde Park.

Jeanne-Claude war die Logistikzentrale

„Over the River“, die seit 1992 geplante Überspannung des Arkansas River in Colorado war auch eine der ganz großen Aktionen der Christo-Factory. Rund 50 Millionen Dollar hat das 1992 gestartete, von der Reichstagsverhüllung in Berlin und den orangenen Toren im New Yorker Central Park, „The Gates“, unterbrochene Projekt verschlungen. Im Juli 2012 gab Christo bekannt, das Projekt aufgrund laufender Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit verschieben zu müssen. 2017 veröffentlichte Christo eine Stellungnahme, dass er nunmehr nicht länger auf eine Entscheidung warten wolle, sondern sich auf das Projekts „The Mastaba“ konzentrieren werde.

Seit 2009 war das perfekt eingespielte Tandem Christo & Jeanne-Claude Geschichte. „Jeanne-Claude zu ersetzen, das ist sehr schwierig“, sagte er 2010 in Brühl, „sie konnte mit drei Telefonen gleichzeitig hantieren, ich hasse telefonieren, kann schlecht Englisch, musste jetzt erst lernen, mit Leuten zu verhandeln, die ich nicht sehe – und habe mir gleich Skype besorgt.“ Jeanne-Claude war die Logistikzentrale der Christo-Factory. „Wir sind immer in getrennten Flugzeugen gereist, der Sache zuliebe, falls etwas passiert.“

„Jeanne-Claude hatte drei sehr gute Assistenten, die habe ich geerbt“, sagte Christo, der in dem Fotografen Wolfgang Volz seit 1971 einen engen Vertrauten hatte. Und dann war da noch Christos nervenstarker Neffe Vladimir Javacheff, mit dem er 2016 „The Floating Piers“ auf dem Iseo-See realisierte und eine nicht enden wollende Völkerwanderung zur Kunst auf Zeit ermöglichte. Und unvergessliche Bilder einer vergänglichen, poetischen Kolonisierung der Umwelt.