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Nachruf auf Chick Corea: Wodurch die Welt sich dreht

Nachruf auf Chick Corea : Wodurch die Welt sich dreht

Trauer um den großen Ausnahmepianisten des Jazz Chick Corea, der 79-jährig an Krebs gestorben ist. Umjubelte Konzerte in Bonn und Köln.

Es genügt vorab eigentlich, sich zu Chick Coreas  Ehren und Erinnerung dessen berühmtestes, populärstes Stück „Spain“ von 1971 anzuhören, um diesen Musiker, der so schwerelos zwischen Klassik, Jazz und Rock oszillierte, zu begreifen. Elegisch schwelgt der Pianist, träumt sich gewissermaßen durch die ersten Takte des Adagios aus dem „Concierto de Aranjuez“ von Joaquín Rodrigo, dieser so typisch spanischen, romantischen Ballade, die 1971 vielleicht so abgedroschen war wie heute. Dem Pianisten juckt es in den Fingern, er bringt ein paar Blue Notes ins Spiel, dehnt und verzögert das Tempo, wechselt zu einem schnellen Samba-Rhythmus. Joe Farrells Flöte übernimmt impulsiv. Corea reagiert. Und dann geben alle Musiker Gas, je nach Version mit dem Flamenco-Star Paco de Lucía, eher in Richtung Bluegrass mit Béla Fleck. Al Jarreau war ebenso auf „Spain“-Kurs wie Stevie Wonder. Eine ungeheuer vielseitige, offene Jazz-Nummer, die bei aller Freiheit stets zu Rodrigo zurückkehrt.

Klassik und Jazz

Mehr als hundert Alben hat Corea veröffentlicht, 23 Grammys nach Hause getragen (nominiert war er für 65). Die Grammy-Academy befand: „Chick hat das Handbuch für Jazz in seiner mehr als fünf Jahrzehnte dauernden Karriere neu geschrieben.“ Er hat dabei nicht nur mit fast allen Jazzern von Rang und Namen  zusammengespielt, sondern auch mit Vertretern der klassischen Musik wie dem ungeheuer Jazz-affinen Friedrich Gulda oder dem London Philharmonic Orchestra, das „Spain“ orchestral dreisätzig aufführte. Damals, das war 2000, wurde auch sein erstes Klavierkonzert aufgenommen. Das zweite, „Two Continents“, folgte 2006 in der Wiener Staatsoper. Als er 2020 sein Doppelalbum „Plays“ veröffentlichte, sagte er: „Wie ein Läufer es liebt, zu laufen, weil es sich einfach gut anfühlt, mag ich es, Klavier zu spielen.“ Klavierspielen sei ein „ständiges Experiment“.

Die Freiheit und der Spaß

Am Dienstag ist der 79-jährige  Jazz-Pianist Chick Corea an einer Krebserkrankung gestorben, wie am Donnerstagnacht auf seiner Web­site kommuniziert wurde.  „Während seines Lebens und seiner Karriere genoss Chick die Freiheit und den Spaß, etwas Neues zu schaffen, und die Spiele zu spielen, die Künstler machen“, hieß es dort. Am 22. Februar hätte er einen Auftritt im Konzerthaus Wien gehabt.

Armando Anthony „Chick“ Corea wurde 1941 in Chelsea, Massachusetts geboren. Schon als Vierjähriger begann er mit dem Klavierspiel, zunächst klassisch, später kam der Soul-Jazz hinzu. Gegen eine klassische Ausbildung sträubte er sich aber, die Columbia University sowie die Juilliard School brach er ab. Seine Karriere begann er als Sideman. Gefragt nach seinen Inspirationsmomenten, nannte er sowohl die Jazzer Horace Silber und Bud Powell als auch  Mozart und Beethoven.

Engagement bei Miles Davis

1968 war so etwas wie sein Schicksalsjahr. Corea setzte mit seinem zweiten Soloalbum „Now He Sings, Now He Sobs“ ein Ausrufezeichen und Miles Davis nahm ihn für Herbie Hancock in seine Band auf. Corea war dabei an wichtigen Alben wie „Filles de Kilimanjaro“ und „In a Silent Way“ beteiligt, ging mit einen Dutzend Klassemusikern rund um Davis und dem revolutionären Album „Bitches Brew“ hinein ins Abenteuer Fusion- und Rock-Jazz.

Etwa zur gleichen Zeit gründete Corea mit Stanley Clarke (Bass), Farrell (Saxofon), Airto Moreira (Schlagzeug) und Flora Purim (Vocal) die Fusion-Formation Return to Forever. Auf dem zweiten Album „Light as a Feather“ der bis 1978 existierenden Band, findet sich der Megahit „Spain“.

Mitglied von Scientology

Corea ging nach dem Ende von „Return to Forever“ mit Hancock auf Tour (eine wunderbare Platte erinnert daran), hatte mehrere Soloprojekte, hat mit Michael Brecker und  Joe Henderson zusammengespielt, bevor er die Elektric Band gründete. 2004 brachte die Gruppe das Album  „To The Stars“ heraus, das von Ron Hubbard, dem Gründer der Scientology-Sekte,  inspiriert war. Seit den 1970er war Corea Mitglied von Scientology und hat kaum eine Gelegenheit ausgelassen, für die Sekte zu werben.

Ein späteres Projekt von Corea war Online-Unterricht, den er selbst in seiner Chick Corea Academy gab. Über seine Studierenden sagte er: „Muss jeder mögen, was ich mag? Nein. Und das ist, was die Welt zum Drehen bringt, dass wir alle Unterschiedliches mögen.“

Konzerte in Bonn und Köln

Corea war oft in Köln in wechselnden Formationen zu hören, sein letzter Auftritt in Bonn datiert von 2014, da spielte der Pianist vor nur 700 Zuschauern mit Clarke ein bejubeltes Konzert auf dem Kunst!Rasen. Drei Jahre später glänzte er in einem seiner letzten Konzerte in der Kölner Philharmonie mit seinem Schlagzeuger aus Return-to-Forever-Zeiten, Steve Gadd. Ein fulminanter, faszinierender, funkiger Abend, der einen Bogen von „Return To Forever“ bis zum Album „Quartet No. 1“ schlug. Das Album „My Spanish Heart“ und der Titelsong waren auch dabei.

In der Kritik dieser Zeitung stand: „Da ist kein Tastendonner, da werden keine pathetischen Akkorde ins Piano gehämmert: Corea liebt das leichte, flüchtige Spiel, entwickelt liebevoll seine zauberhaften Motive, liebt die Schnelligkeit und rhythmische Präzision.“ Natürlich gab es nach so viel Hispanität „Spain“ als Zugabe mit Carlito Del Puertos gestrichenem Bass, herrlich.