Buchtipp: Neues von T.C. Boyle Zerbrechliche Welt unter Glas

T.C. Boyles verstörender Roman „Die Terranauten“ über ein gewagtes Öko-Experiment erscheint am Montag.

 Kein großer Wurf: Der Autor T.C. Boyle.

Kein großer Wurf: Der Autor T.C. Boyle.

Foto: Geiser

„Nichts rein. Nichts raus.“ Zwei Jahre lang sollen vier Männer und vier Frauen in „Ecosphere 2“ leben, einer 1,3 Hektar großen, acht Stockwerke hohen Glas-Metall-Konstruktion – eine Art Mini-Erde mit fünf Biotopen, in denen 3800 Tiere und Pflanzen angesiedelt worden sind. „Die Terranauten“ sollen Selbstversorger sein – und Hüter dieses fragilen Ökosystems. Einmal mehr nimmt T.C. Boyle eine wahre Begebenheit zum Ausgangspunkt seines neuesten Romans. In den 90ern versuchten zwei Gruppen, finanziert von einem texanischen Millionär, ein solches Experiment in der Wüste Arizonas. Und scheiterten.

Von diesem Kampf erzählen drei der Charaktere abwechselnd: Dawn, die Nutztierwärterin der Truppe, Ramsay, der PR-Koordinator, sowie Dawns beste Freundin Linda, die es im Gegensatz zu den beiden anderen nicht ins Team geschafft hat und in Boyles Konstrukt für die Außensicht zuständig bleibt.

Natürlich geht es immer wieder um den Arbeitsalltag in dieser Welt unter Glas, aber in erster Linie um die – letztlich sehr vorhersehbaren – Konflikte innerhalb der Gruppe. Man landet miteinander im Bett, entzweit sich wieder, neue Paarkonstellationen entstehen. Allianzen werden geschmiedet und aufgelöst. Dieses Wer-mit-wem beschäftigt den Autor fast genauso sehr wie seine Figuren selber, verständlich in einer Umgebung, in der man sich in erster Linie darum kümmern muss, dass genügend Nahrung produziert wird. Und weil das System in sich geschlossen und damit begrenzt ist, gibt es früher oder später nicht genug für alle.

Der 68-jährige US-Autor hat immer wieder Geschichten von Menschen in Extremsituationen erzählt, so im vorletzten Buch über „San Miguel“, diese winzige Insel, auf der mehrmals Familien versuchen, sich selbst versorgend zu überleben. Aber bei aller Wertschätzung seines Werkes: In „Die Terranauten“ geht ihm irgendwann die Puste aus.

Was vor allem daran liegt, dass man im Jahr 2017 doch sehr an „Big Brother“ erinnert wird: Genau wie die „Bewohner“ dort werden auch die „Terranauten“ von außen nicht nur mit Kameras überwacht, sondern zusätzlich durch Befehle gelenkt, um das Zwischenmenschliche zu beeinflussen. Und die Monologe der drei Protagonisten wirken irgendwann nur noch wie selbstgerechte Einschätzungen, wie sie auch am Dschungeltelefon abgelassen werden. Auch wenn der Leser direkt angesprochen wird, bleiben die Figuren seltsam distanziert – und allesamt unsympathisch.

Aber vielleicht ist das ja auch Boyles Absicht, wenn er getriebene, selbstsüchtige Menschen beschreibt, die über ihre Abgründe ein Mäntelchen der Umweltsorge breiten, um so die Grube zu verdecken, die ihnen letztlich selbst zum Verhängnis wird.

T.C. Boyle: Die Terranauten. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Hanser, 608 S., 26 Euro. Hörbuch im Hörverlag. T.C. Boyles Lit.Cologne-Lesung am 20. Februar im Musical Dome ist ausverkauft.