1. News
  2. Kultur & Medien

Ausstellung auf Burg Lede: Zwischen Traum und Trauma

Ausstellung auf Burg Lede : Zwischen Traum und Trauma

Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“ inspirieren zwei Dutzend Künstler auf Burg Lede zu melancholischen, aber auch ironischen Kommentaren.

„Du arme Muse“, schreibt der Dichter, „was ist dir geschehen? Im hohlen Blick les‘ ich die nächtgen Qualen,/ Und muss den Wahnsinn und den Schreck, den fahlen/ Im stummen, angstgequälten Antlitz sehn…“ Herzzerreißend, hochdramatisch besingt Charles Baudelaire seine „kranke Muse“. Blanke Ironie schwebt bei Pieter Laurens Mol mit, der in der aktuellen Ausstellung von Parrotta Contemporary Art für die Muse eine Spendenbüchse aufgestellt hat: „Pour la Réanimation de la Muse“ (Für die Wiederbelebung der Muse, 1974).

Woanders lässt der Dichter in seiner „Hymne an die Schönheit“ in wahre Abgründe blicken: „Deine Lippen sind leuchtende Schalen, und wenn sie sich neigen,/ haben sie Helden schwach und Kinder zu Helden gemacht…“ Zwei von rund hundert Gedichten, die Baudelaire Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Titel „Les Fleurs du Mal“ herausbrachte. Sie oszillieren zwischen Melancholie und Weltschmerz, spiegeln den Lebensüberdruss der Großstadtmenschen. Der Bonner Galerist Sandro Parrotta hat „Les Fleurs du Mal“ (Die Blumen des Bösen) als Oberbegriff für seine Ausstellungen in Köln und in der Bonner Burg Lede gewählt. In der Burg zeigt er rund zwei Dutzend Künstler, deren Werk teilweise explizit Baudelaire reflektiert – etwa die Holzschnittillustrationen aus dem Jahr 1966 von Pidder Auberger für eine Ausgabe der Gedichte (2007) – oder sich dem großen Thema annähert.

Aus der frivolen Welt Baudelaires

Direkt auf Baudelaires Gedicht „Ein Aas“ beziehen sich die Darstellungen von Körperfragmenten von Lisa Götze wie die ironischen Arbeiten Georg Herolds zum Thema „Les Fleurs du Malle“ in Anspielung auf die Baleareninsel. Auch Beata Prochowskas extra für die Ausstellung entstandene Stoff-Installation „Requiem“ kreist eng um das Werk des Dichters. Kuratorin Birgit Kulmer schreibt dazu: „Wie ein Abgesang der Gewänder am Ende des Konsumrausches erwachsen phallische Blumen mit ihren filigranen Stoffstängeln aus dem amorphen Gewebe des Textilschredders als ein ‚morbides Biotop‘ ganz eigener Schönheit.“

Ein Zeitgenosse der Dichters, Constantin Guys, ist mit einer delikaten Zeichnung einer schönen Frau vertreten, die aus der mondänen, frivolen Welt Baudelaires stammen könnte. Das gilt auch für den guten Freund Baudelaires, Félicien Rops, dessen Druck „Pornocratès“ eine wie auf einem antiken Fries schreitende nackte Kurtisane mit Schwein an der Leine zeigt. Chloe Pienes skizzenhaft hingeworfene Zeichnung eines Centaurs (2007) wirkt wie ein Kommentar jener zwanghaften und provokanten Darstellung der Dekadenz. Eros und Tod schwingen hier mit – ähnlich wie auf dem Druck nach einer Gouache aus dem Jahr 1948, die Hans Bellmer mit dem Titel „La pauvre Ann“ mit einer surrealistischen Maltechnik schuf.

Der Körper als Spiegel seelischer Zustände

Baudelaires „Le Mal“ bedeute nicht nur „Das Böse“, merkt Kuratorin Bettina Haiss an, es spiegle auch den entfremdeten Menschen „und damit einen existenziellen Wesenszug, der sich in Isolation ausdrückt“. In der Ausstellung widmen sich Zeichnungen und etwa die aus Lindenholz geschnitzte Figur „Twin-headed“ von Paloma Varga Weisz diesem Thema. Der Körper erscheine als Spiegel seelischer Zustände zwischen Traum und Trauma. 

Das Flüchtige, Morbide, Vergängliche durchzieht diese Schau: Wir sehen schattenhafte Blumen in den filigranen Fotos von Edmund Clark, Lisa Mühleisens, duftige Gedankenbilder oder die Fotocollagen von Susanne M. Winterling, die eine vorbeihuschende Momentaufnahme der Sängerin Brigitte Fontaine zeigt. Die sang einst: „Je suis syphilitique comme Baudelaire“.

Recht wörtlich und hintergründig nimmt die Bonner Künstlerin Cornelia Genschow das Thema auf und legte vor den Toren des Parks ihren „Dämonengarten“ an, der acht Meter im Durchmesser groß ist und mit Sommerroggen bepflanzt wurde. Eine besonders anfällige Pflanze für den Mutterkornpilz, eine schon im Mittelalter gefürchtete „Blume des Bösen“. Für Genschow bildet der „Dämonengarten“ den Einstieg ins „pandemische Zeitalter“.