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Tresen der Erinnerung: 60er-Jahre-Kneipe im Seniorenheim hilft Dementen

Tresen der Erinnerung : 60er-Jahre-Kneipe im Seniorenheim hilft Dementen

Die Zahl der Demenzkranken nimmt rasant zu - auch in Altenheimen. Die Häuser brauchen neue Konzepte für ein würdiges und aktives Zusammenleben. Die kann man sich im einstigen Alltag abgucken und ihn nachbauen - etwa mit einer Kneipe im Heim wie aus den 60ern.

Die Theke war früher der Verkaufstresen eines Blumengeschäfts, die alten Bierfässer und der Spielautomat an der Wand kommen vom Flohmarkt. Die Schlagzeile auf dem alten NRZ-Zeitungsausschnitt hinter Glas lautet: „Kennedy: Ich bin Berliner“. Im Malteserstift St. Nikolaus in Duisburg haben Mitarbeiter eine Kneipe im Originalstil der 1960er Jahre aufgebaut. Das Angebot soll die Bewohner, von denen heute viele dement sind, in ihren Alltag mit 20 oder 30 zurückversetzen. Schlagermusik, das Köpi-Schild an der Wand, durcheinanderschwirrende Stimmen am Tresen - all das soll die versinkenden Erinnerungen der Menschen wiedererwecken - mit erstaunlicher Wirkung.

„Wir erreichen bei fast allen Bewohnern positive Wirkungen“, sagt Pflegedienstleiterin Heike Petzold. Die Menschen werden ruhiger, die Mitarbeiter müssen deutlich seltener zu Medikamenten greifen. „Psychobiografisches Pflegemodell“ heißt das Konzept im Haus: Alte Menschen sollen nicht einem Heimablauf zwangsangepasst werden, sondern die Pfleger beschäftigen sich intensiv mit der Biografie der Bewohner und sprechen sie mit Angeboten an, die zu ihrem einstigen Alltag passen und ihnen Sicherheit geben.

Dazu zählen die 60er-Jahre-Kneipe, eine nachgebaute „Waschküche“ im Altersheim mit Waschmaschine, Wäschekörben und Leine zum Aufhängen oder eine „Mädelsecke“ mit Schminkpalette und Nähzeug. „Natürlich haben wir einen professionellen Wäscheservice und die Wäsche, die in der „Waschküche“ aufgehängt wird, ist manchmal gar nicht nass“, sagt Petzold - aber die altbekannte Tätigkeit hilft.

Demenz-Angebote gehen auf Forschungen von Erwin Böhm zurück

Nach langen Biografie-Gesprächen können die Mitarbeiter nun etwa besser verstehen, wieso ein einstiger Rheinschifffahrtskapitän nachts partout wachbleiben wollte - das war früher seine Arbeitszeit. Und eine alte Dame, die immer mit vielen Geschwistern und Kindern gelebt hat, und im Heimalltag schlecht zurecht kam, bekam eine Großpuppe zum Wickeln - und ist nun viel zufriedener. Eine andere Dame ist zur Mittagessenszeit auf dem Flur eingeschlafen. Sie wird nicht geweckt. „Das Essen machen wir später warm“, sagt Petzold.

Bis 2024 wollen die Malteser in allen 35 Häusern des Anbieters solche Angebote schaffen, die auf Forschungen des österreichischen Pflegewissenschaftlers Prof. Erwin Böhm zurückgehen, sagt der Malteser-Pflegefachmann Raphael Käsch.

Eine bundesweite Weiterentwicklung der Pflegepraxis ist dringend nötig, denn auf die Altenheime kommt allein wegen der Alterung der Gesellschaft ein erheblicher Anstieg von Demenzkranken zu. Nach Schätzungen leben derzeit rund 300.000 Menschen in NRW und 1,5 Millionen deutschlandweit mit dem Befund. Experten schätzen, dass sich ihre Zahl bis 2050 verdoppeln wird.

„Morgens immer zur gleichen Zeit waschen und Tee aus Kannen ausschenken beim Abendbrot, das reicht nicht mehr, das macht nicht fröhlich und glücklich“, sagt Petzold. Am Tresen der Altenheim-Kneipe gibt es stattdessen Bier - für die, die es vertragen, auch mit Alkohol. Die Stimmung steigt schnell. Der einst aktive Duisburger Sportler Wilhelm Mühlenberg (85) geht auf Tuchfühlung mit Mathilde Rottau (93). Sie legt den Arm um ihn, sie summen und dann singen sie „Die kleine Kneipe in unserer Straße“.

(dpa)