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Amokfahrt in Trier: Der Tag danach - Augenzeugen berichten

Augenzeugen berichten : Der Tag nach der Amokfahrt: In Trier steht die Zeit still

Am Tag nach der Amokfahrt des 51-Jährigen steht ganz Trier unter Schock. Die Menschen trauern. Am Marktkreuz und am Petrusbrunnen leuchtet ein Kerzenmeer. Und alle fragen: Warum?

In Trier steht die Zeit still. Die Menschen sind verstört. Ihre Welt hat sich verändert. Für immer. Es ist in ihren Gesichtern zu lesen, an ihrem Blick, in ihren Augen. Es hätte jeden von ihnen treffen können. Das ist gewiss. Und in ihrem Kummer und ihrer Trauer halten viele inne. Mitten auf dem Hauptmarkt. Dort, wo sonst das Leben pulsiert. Dort, wo am Dienstag Menschen gestorben sind. Nach einer sinnlosen Tat.

Vor dem Marktkreuz steht eine Frau mittleren Alters. Tränen laufen über ihre Wangen. Sie betet. Das Glockenspiel neben dem Roten Haus ertönt: „Süßer die Glocken nie klingen“. Die Melodie wirkt seltsam deplatziert an diesem Tag. Viele Passanten verharren schweigend am Marktkreuz oder dem Petrusbrunnen. Sie zünden Kerzen an, legen Plüschtiere, Rosen oder Briefe ab.

Brigitte Thewalt steht fassungslos vor dem Lichtermeer. „Wir haben einen Schutzengel gehabt“, ist die Inhaberin von Foto Thewalt, Ecke Rindertanzstraße/Glockenstraße, sicher. „Ich wollte gerade aus dem Geschäft gehen, da rief mich eine Bekannte an. Und danach meine Tochter, die mir riet, bloß im Geschäft zu bleiben. Unsere Angestellten wären zu der Uhrzeit auch unterwegs gewesen. Da ihnen aber zu kalt war, blieben sie da.“ Sie seufzt. „So was passiert in unserem schönen Trier. Das ist ein Alptraum.“

Einer, aus dem so mancher an diesem Mittwoch noch nicht wieder erwacht ist. Patrick Sterzenbach, Vorsitzender der City-Initiative Trier, und Inhaber des Bekleidungsgeschäfts Camp David in der Brotstraße, steht noch völlig unter Schock. „Ich habe das Auto vorbeifahren sehen mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit. Ich bin rausgerannt und habe nachgesehen, was los ist. Und da lagen die Opfer. Wir haben das Geschäft dann geschlossen. Auch meine Mitarbeiter sind traumatisiert.“ Dennoch arbeiten er und seine Verkäufer am nächsten Tag wieder, denn: „Das ist der beste Weg, wieder in die Normalität zurückzukehren. Unsere Gedanken sind bei den Familien.“

Mitgefühl empfindet Ralph Schenk (55 Jahre) aus Merzig am Dienstag auch für seine Kollegen vom Rettungsdienst. Der gebürtige Trierer ist erschüttert über die Amokfahrt in seiner einstigen Heimatstadt. „Ich bin froh, dass ich gestern nicht hier war. Das war für meine Kollegen eine Herausforderung. Die vielen Verletzten. Dieses Szenario wird zwar immer geübt, aber so etwas wünscht man sich nicht. Gerade wenn man selbst Enkel in dem Alter der Opfer hat, trifft das einen richtig.“

Andere wiederum macht es sprachlos. Inhaber und Mitarbeiter der Kofferecke Ludwig am Hauptmarkt haben die Amokfahrt live mitangesehen. Noch immer sind sie so aufgewühlt, dass sie nicht darüber sprechen können und wollen. Nicht wenigen steigen Tränen in die Augen. Hilflos fühlen sie sich. Wütend. Traurig.

Seit 7 Uhr morgens hat eine Einsatztruppe der Polizei ihren Posten auf dem Hauptmarkt bezogen. „Die Menschen haben Redebedarf. Viele kommen, um sich zu bedanken. Andere, um sich mitzuteilen“, erzählt eine Polizistin. „Die meisten von ihnen waren gestern auch schon da und haben das alles mitbekommen. Das ist eine sehr belastende Situation für die Menschen. Die Anteilnahme ist groß.“

Nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der das neun Wochen alte Baby starb, schaukelt Steffen Wagner (38 Jahre) aus Saarburg seinen Sohn im Kinderwagen. „Das ist schwer in Worte zu fassen. Ich bin einfach traurig.Das ist Schicksal“, sinniert er. „Wir haben früher in Trier-Süd gewohnt und das hier war unsere Kinderwagen-Strecke. Gestern habe ich gleich meine Mutter angerufen, die in Trier arbeitet und gefragt, ob bei ihr alles in Ordnung ist.“ Der Mutter geht es gut. Und dennoch, ein mulmiges Gefühl bleibt. Wie leicht hätte es genau andersherum sein können?! Zur falschen Zeit am falschen Ort sein – davor ist keiner gefeit.

Bei Eugen Reichert jedenfalls wird sich dieser 1. Dezember für immer in sein Gedächtnis einbrennen. Der 31-jährige Verkäufer im Bekleidungsgeschäft Blaue Hand in der Brotstraße hilft sofort. „Ein Sanitäter kam rein und hat nach Decken und Helfern gefragt“, erzählt er. „Ein Arbeitskollege und ich sind dann sofort mit ihm los. Durch die Stadt. Da konnten wir die Route sehen, die er gefahren ist. Immer im Zick-Zack.“

Was der junge Mann empfindet, ist schwer in Worte zu fassen: „Es war wie im Krieg. Ich bin durch Blut gelaufen. Am Hauptmarkt habe ich einem etwa zwölfjährigen Mädchen geholfen. Sie stand da und hat gezittert. Ich habe sie zugedeckt. Dann habe ich den umgeworfenen Kinderwagen gesehen und eine Decke daneben. Zehn bis 15 Meter weiter lag ein weiterer Mensch auf dem Boden. Zugedeckt. Er war tot. Ein Polizist hat gefragt, ob er eine Decke haben könnte, weil man seine Hand noch sah.“

Reichert sagt, er habe während seines Einsatzes jegliches Zeitgefühl verloren. Zu Hause habe er erst allmählich begriffen, was passiert war. Als er abends mit seiner Freundin und den Eltern sprach. Das habe ihm geholfen. „Die Bilder werde ich jedoch mein Leben lang im Kopf behalten.“

So geht es vielen Trierern. Sie werden lange brauchen, um dieses Trauma zu bewältigen und die Erkenntnis zu verarbeiten, dass auch über ihre Stadt urplötzlich eine Katastrophe hereinbrechen kann.