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Archäologe forscht auf der Osterinsel: Bonner Forscher spürt verschwundenem Volk nach

Archäologe forscht auf der Osterinsel : Bonner Forscher spürt verschwundenem Volk nach

Lange galt die Osterinsel als Mahnmal ungebremster Naturzerstörung. Bonner Archäologen sind jedoch auf dem abgelegenen Eiland im Pazifik inzwischen einer völlig anderen Geschichte auf der Spur.

Die Insel ist ein karges Fleckchen Welt in den Weiten des Pazifik, mehr als 2000 Kilometer entfernt von der nächsten bewohnten Insel Pitcairn und fast 4000 Kilometer vom Festland, von den Urbewohnern vollständig entwaldet, fast wasserlos und nicht im Ansatz vergleichbar mit den grünen Traumzielen Polynesiens wie Bora Bora oder Moorea. Trotzdem lockt die abgelegene Vulkanspitze jedes Jahr mehr als 100.000 Besucher an, die in viereinhalb Stunden vom chilenischen Festland oder in sechs Stunden aus Tahiti einfliegen.

Es sind die Bilder der monumentalen Steinfiguren mit ihren kantigen Köpfen, die die Osterinsel weltweit berühmt gemacht haben. Diese Moai gelten als schweigende Zeugen einer rätselhaften Gesellschaft, die sich nach landläufiger Meinung selbst zugrunde richtete. 1994 hat Kevin Costner das Untergangsdrama mit seinem Film „Rapa Nui – Rebellion im Paradies“ ins Blickfeld der Welt-öffentlichkeit gerückt. Ein Jahrzehnt später fasste der US-Geograph Jared Diamond die These in seinem Bestseller „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ packend in Buchform zusammen.

„Ich liebe dieses Buch. Es ist ganz hervorragend geschrieben“, sagt der Bonner Archäologe Professor Burkhard Vogt in seinem Büro im stillen Villenviertel von Bad Godesberg. „Aber die Auswahl der Fakten war trotzdem ziemlich selektiv“. Der Direktor der in Bonn ansässigen Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen im Deutschen Archäologischen Institut (DAI) ist seit einem Jahrzehnt vor Ort einer etwas anderen Geschichte auf der Spur, die sich nun allmählich aus seinen Bodenbefunden erzählen lässt.

Feldforschungsprojekt im gesamten pazifischen Raum

Zu Anfang dieses Jahrhunderts untersuchte Vogt in Peru Bewässerungssysteme der Nasca, als ihn eine private Reise auf die Osterinsel führte. „Ich war damals erstaunt, wie viel dort schon geforscht worden war und wie wenig wir dennoch wussten“, berichtet er. 2007 bemühte Vogt sich deshalb für das DAI um eine Grabungslizenz. Er wollte mehr über die Süßwassernutzung auf der Insel erfahren.

„Wasser ist schließlich eine zentrale Bedingung für Kultur“, sagt er. Und im porösen Vulkangestein der Osterinsel versickert das meiste Regenwasser so schnell, dass es nur in den drei Kratern und an Austrittsstellen im Meer nennenswerte Süßwasservorkommen gibt. Er ahnte: Ein Schlüssel für die Geschichte der Insel liegt in der Wassernutzung durch ihre Bewohner. Im Jahr darauf begann – erstmals im gesamten pazifischen Raum – dazu ein Feldforschungsprojekt deutscher Archäologen.

Dabei konnte Vogt ausgerechnet hier, auf diesem Außenposten der Zivilisation, an eine lange Tradition deutscher Forschung anknüpfen. Als erster Europäer überhaupt hatte sich am Ostersonntag 1722 der erst 21 Jahre alte Ro-stocker Carl Friedrich Behrens ein paar Stunden lang die Beine auf der Insel vertreten.

Erste Kunde von den Moai

Behrens war als Chef der Seesoldaten auf einem Schiff des Niederländers Jakob Roggeveen für die Sicherheit an Bord verantwortlich, stieß aber an Land auf keinen Widerstand. 50 Jahre später brachten die deutschen Naturforscher Johann Reinhold Forster und dessen Sohn Johann Georg Forster erste Kunde von den Moai und der Natur der Insel nach Europa. Sie waren mit dem Briten James Cook auf die Insel gereist.

Später folgten deutsche Missionare, das Kanonenboot „SMS Hyäne“ für eine Stippvisite und vor allem in den 1930er-Jahren der Kapuzinerpater Sebastian Englert. Der kümmerte sich nicht nur um die letzten Rapanui (wie die Ureinwohner der Insel sich selbst nennen), sondern sammelte auch erstmals systematisch Artefakte ihrer vergessenen Kultur.

80 Jahre später schickte sich nun Burkhard Vogt an, gemeinsam mit chilenischen Kollegen etwas mehr Licht in die Geschichte der Osterinsel zu bringen. Eine Kollegin vor Ort hatte ihn auf einen Platz aufmerksam gemacht, den die Nachfahren der Ureinwohner Ko Te Ava Ranga A Uka A Toroke Hau nennen, der „Platz, an dem Uka, die Tochter des Toroke Hau, im Fluss trieb“. Er liegt im Zentrum der gerade einmal 24 Kilometer langen und 13 Kilometer breiten Insel – im Bett des einzigen saisonalen Bachlaufs.

Kam es zur Tragödie?

Einst könnte es hier zu einer Tragödie gekommen sein. Der Überlieferung nach hatte ein gewisser Toroke Hau seine Hütte wohl zu nah ans Wasser gebaut. Als er eines Abends aushäusig feierte, wurde seine Tochter nach einem Sturzregen mit der Hütte fortgespült. Tatsächlich stießen die Archäologen mitten im Bachbett auf Mauerreste menschlicher Bauten, die sie zunächst für zwei Dammanlagen hielten.

Dann traten im Lauf der Jahre jedoch weitere Funde zutage: Kanäle und Wasserbecken, großflächige, gepflasterte Terrassen, Plattformen und Gräber – eine weitläufige komplexe Sakralarchitektur. Heute ist Vogt sicher: „Hier befand sich ein zentraler heiliger Bezirk für einen Wasser- und Fruchtbarkeitskult aus der Zeit des 13. bis 17. Jahrhunderts.“

Genetische Untersuchungen der Nachfahren der Rapanui haben inzwischen zweifelsfrei ihre Herkunft aus dem polynesischen Raum bewiesen. Vermutlich im 10. Jahrhundert – vielleicht aber auch schon früher – segelten sie von der Insel Mangareva aus nach Osten. Die These von Thor Heyerdahl, der die Besiedlung aus Südamerika mit seinem Floß „Kon Tiki“ experimentell beweisen wollte, gilt als überholt. „Was hätten die Inka auch auf dem Meer gewollt – abgesehen von einem gewissen Entdeckergeist?“, fragt Vogt rhetorisch.

Kultplattformen angelegt und Raubbau betrieben

Wenige Jahrhunderte später hatten die ersten Siedler nicht nur Zisternen und Wachtürme gebaut, Hunderte Moai aufgestellt und Kultplattformen angelegt. Sie hatten auch viel Raubbau getrieben. Die Honigpalmen, die ihnen Früchte, einen süßen Sirup, Bauholz und Stämme zum Transport der Moai lieferten, hatten sie weitgehend abgeholzt, die Seevögel bejagt und Ratten aus Polynesien auf die Insel gebracht, vermutlich ganz bewusst als Fleischquelle.

Soweit stimmt Vogt mit der Beschreibung von Jared Diamond überein. „Aber all das brachte der Kultur der Rapanui nicht den Untergang.“ Während der US-Amerikaner beispielsweise von Ratten angenagte Palmnüsse als Beleg für das verheerende Treiben der Nager anführte, fanden Vogt und seine Kollegen in den Kulturschichten am Fluss Hunderte intakte Nüsse. Vogt glaubt inzwischen: „Die Menschen haben ganz im Gegenteil ihre Situation erkannt und darauf reagiert.“

Der beste Beweis dafür sind Pflanzmulden, die in der Kultanlage im Bachbett angelegt wurden. „Dort wurden ganz gezielt Honigpalmen angepflanzt – und womöglich auch an anderen Stellen auf der Insel“. Der Fund ist der erste Beleg für eine Form der Wiederaufforstung der Insel. Und der Kultort wurde noch genutzt, als sich die Kultur der Ureinwohner längst im Niedergang befand. Dabei wurden die Anlagen immer wieder mit Erdschichten regelrecht versiegelt.

Vogt glaubt: „Das Wasser war so kostbar, dass der Platz wie eine abgeweidete Wiese zur Regeneration verlassen und für tabu erklärt wurde.“ Außerdem versuchten die Rapanui, der Erosion und der Aufheizung des ungeschützten Bodens zu begegnen. Sie legten eine Steinschicht als Mulch auf der Bodenkrume aus.

117 von 10.000 Bewohner blieben übrig

Schließlich brach die Population der Rapanui zusammen – bis am Schluss nur noch 117 von einst bis zu 10.000 Bewohnern übrig waren. Grund dafür waren aus Vogts Sicht aber vor allem eingeschleppte Krankheiten, nachdem die Ureinwohner zum Guano-Schaufeln auf dem peruanischen Festland zwangsverpflichtet und erst nach Protesten auf die Osterinsel zurückgebracht worden waren.

Ganz im Gegenteil waren die Polynesier wohl sogar so findig, dass Thor Heyerdahls kühne Thesen sich nun doch noch als wahr erweisen – nur in genau entgegengesetzter Himmelsrichtung: Nicht die Indios Amerikas segelten gen Westen, sondern Besuch kam von Osten. Als kühne Segler und Entdecker dürften die Rapanui nicht regelmäßig, aber doch bisweilen zum Festland gefahren sein. „Es gab auf jeden Fall Kontakte“, sagt Vogt.

Hühnerknochen brachten die Forscher auf diese Fährte: Vor einigen Jahren tauchten die Knochenreste bei einer Grabung in Chile auf, sie sind nachweislich 600 Jahre alt. „Das Huhn ist aber kein Neuwelttier – und die Europäer waren noch nicht gelandet“, fasst Vogt zusammen. Nur Polynesier können mithin das Federvieh an Bord gehabt haben.