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Corona auf Mallorca: Wie geht es nach einem Jahr weiter?

Nach einem Jahr Corona : Mallorca steht vor einer ungewissen Zukunft

Anfang Februar 2020 wurde auf Mallorca der erste Coronafall registriert. Seither ist der Tourismus auf der beliebten Ferieninsel komplett eingebrochen, jeder dritte Bewohner ist arbeitslos. Ob im Sommer die Urlauber zurückkehren können, ist mehr als fraglich.

Eigentlich ist Michael Bohrmann eine rheinische Frohnatur. Doch seine 16. Saison auf Mallorca gibt auch dem aus Düsseldorf stammenden Wirt nur wenig Grund zur Freude. Denn seit Beginn der Corona-Pandemie erlebt der 51-Jährige mit seinem Restaurant „Deutsches Eck“ an der Bierstraße in Arenal derzeit bereits den dritten Lockdown. Schon während der Ausgangssperre im März und April 2020 hatte das öffentliche Leben in ganz Spanien stillgestanden. Nachdem im Juli nach einer vorsichtigen Wiederbelebung des Tourismus auf Mallorca dann mehrere hundert deutsche Partyurlauber an der Bierstraße ohne Abstand und ohne Masken feierten und sogar in Deutschland für Entsetzen sorgten, machte die Balearenregierung als Reaktion sämtliche Partymeilen auf Mallorca bis zum Herbst dicht – und schickte Bohrmann und seine Kollegen in den zweiten Lockdown.

Seit dem 15. Dezember dürfen er und sämtliche Bar-, Restaurant- und Café-Betreiber Spaniens nun wegen steigender Infektionszahlen erneut keine Gäste mehr bedienen. Lediglich der Take-away-Betrieb ist noch gestattet, der aber nur wenige Einnahmen in die ohnehin schon leeren Kassen der Gastronomen spült. Etliche mussten deshalb in den vergangenen Wochen bereits das Handtuch werfen. Der balearische Unternehmerverband Pimem Restauración schätzt, dass bereits 40 Prozent aller gastronomischer Einrichtungen auf den Balearen wegen der Corona-Krise für immer dichtmachen mussten – und es dürften noch etliche folgen.

Jeder dritte Einwohner auf Mallorca ist arbeitslos

Wie Michael Bohrmann fehlen auch den anderen Gastronomen, Hoteliers und sonstigen Tourismusbetrieben vor allem die Urlauber. Statt zwölf Millionen im Vorjahr kamen im ersten Corona-Jahr nur noch rund 1,8 Millionen Touristen. Nach Angaben des spanischen Statistikinstituts INE brach der Tourismus auf den Balearen insgesamt um mehr als 80 Prozent ein, die Betriebe verdienten rund 90 Prozent weniger. Im spanischen Vergleich traf der wirtschaftliche Einbruch die Inselgruppe am härtesten. Die Folge: Jeder dritte Einwohner ist inzwischen arbeitslos, jeder vierte gilt als arm. Viele müssen mittlerweile bei Hilfsorganisationen um Spenden bitten, die Schlangen vor Essensausgabestellen in der Hauptstadt Palma werden täglich länger.

„Es ist nichts mehr so, wie es einmal war“, sagt Bohrmann. „Es sind ja nicht nur die Restaurant-Betreiber betroffen, sondern auch Fensterputzer, Kellner, Steuerberater, die Banken, der Kerzenlieferant, der T-Shirt-Fabrikant, der uns unsere Shirts für die Touristen gemacht hat, der Bäcker, der Gemüsemann, der Bierlieferant.“ Jeder müsse nun zusehen, wie es weitergeht. „Rücklagen schaffen konnte letztes Jahr niemand, auch wir nicht.“

Deutschland stuft Spanien und Mallorca auf der Risikoskala herunter

Einen kleinen Hoffnungsschimmer wecken derweil die aktuellen Corona-Zahlen: So haben sich die Covid-19-Neuinfektionen auf Mallorca in den vergangenen Tagen weiter nach unten entwickelt. Der 7-Tage-Inzidenzwert lag zuletzt nur noch knapp über dem kritischen Wert von 50. Als Mallorca im vergangenen Sommer über diesen Richtwert schnellte und Deutschland die Insel entsprechend als Risikogebiet deklarierte, brach der gerade erst aus dem langen Winterschlaf erwachte Tourismus in kürzester Zeit wieder komplett ein.

Vor dem Hintergrund der positiven Entwicklung erreichte die Insel am Freitagabend dann auch ein hoffnungsvolles Zeichen aus Deutschland: Das Robert-Koch-Institut und die Bundesregierung stufen ganz Spanien - und damit auch Mallorca, seine Nachbarinseln sowie die Kanaren - nicht mehr als Hochinzidenzgebiet, sondern nur noch als Risikogebiet ein. Damit entfällt die Verpflichtung, schon vor der Abreise 48 Stunden vor Ankunft einen negativen Corona-Test vorzulegen.

Ob jedoch auch die Reisewarnung schnell wieder aufgehoben wird und vielleicht sogar schon ab Ostern die so dringend benötigten Touristen zurückkehren können, ist fraglich. Spaniens Premier Pedro Sanchez hatte vor einigen Wochen noch angekündigt, dass Urlauber erst wieder ins Land gelassen werden, wenn mindestens 70 Prozent der spanischen Bevölkerung geimpft sei. Als möglichen Zeitpunkt hatte er den Spätsommer angepeilt und damit für Entsetzen auch bei den Mallorquinern gesorgt. Denn wenn es tatsächlich so kommen würde, müsste auch diese Saison abgeschrieben werden.

Hoffnung setzt man auf Mallorca deshalb auch auf Massenimpfungen, die in den kommenden Wochen starten könnten. Laut Maria Antònia Font, Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit in der Balearenregierung, sollen ab Mitte März mindestens 80.000 Impfdosen wöchentlich die Inseln erreichen. Wenn alles rund läuft, könnten dann bis Juni tatsächlich 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein – also noch vor dem Beginn der touristischen Hochsaison. Jedoch gab es zuletzt immer wieder Probleme bei der Impfkampagne und auch die britische Virusmutation sorgt zusätzlich für Unsicherheiten.

Ein Jahr Coronavirus auf Mallorca

Leichtere Einreise nach Mallorca demnächst mit Reise-Impfpass?

Den Tourismus ankurbeln könnte möglicherweise auch ein neues Pilotprojekt: So plant die Balearenregierung sich als erste Region aufzustellen, in die Touristen Dank eines Reise-Impfpasses leichter einreisen können. Die balearische Ministerpräsidentin Francina Armengol hat die Inseln bei der Zentralregierung in Madrid für ein solches Projekt ins Spiel gebracht. „Wir arbeiten darauf hin, dass die Balearen das erste Reiseziel mit dieser Maßnahme sind“, bestätigte Regierungssprecher Iago Negueruela am Wochenende. Geimpfte Personen bräuchten dann keinen negativen Corona-Test mehr nachweisen. Ob dieser Plan jedoch tatsächlich umgesetzt wird und damit der Tourismus wieder in Gang kommt, bleibt abzuwarten.

Nach einem Jahr Corona steht Mallorca jedenfalls weiter vor einer ungewissen Zukunft. Während lange Zeit sowohl Landes- als auch Regionalregierung bei der Corona-Politik die Rückendeckung der Bevölkerung hatten, ist die Stimmung in den vergangenen Wochen gekippt – auch auf Mallorca. Anfang des Jahres hatte unter anderem die rechts-gefärbte Bürgerplattform „Resistencia Balear“ (Balearischer Widerstand) zu mehreren illegalen Groß-Demos in Palma aufgerufen. Dieser Tage hingen zudem Hunderte riesige Banner an den Fassaden von Hotels und Gastrobetrieben mit der Aufschrift „SOS Turismo“. Die Protestaktion wird von Dutzenden Branchenverbänden unterstützt. Gefordert wird eine möglichst schnelle und breitgefächerte Impfkampagne auf den Balearen sowie Hilfen und Programme, um den Tourismus am Leben zu halten.

Stiller Protest: An etlichen Hotels auf Mallorca hängen derzeit die Plakate der Aktion „SOS Turismo“, wie hier in Colònia de Sant Jordi. Foto: Michael Wrobel

Auch finanzielle Unterstützung wünschen sich die Gastronomen, denn bisher ist die staatliche Hilfe in Spanien nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. So erhalten die Betriebe gerade einmal 1.500 Euro von der Landesregierung als Direkthilfe. Viel zu wenig, meint der Branchenverband CAEB, der deshalb auch eine Sammelklage gegen den spanischen Staat vorbereitet. Gefordert werden insgesamt 55 Millionen Euro als Entschädigungen für die Umsatzausfälle im Jahr 2020.

Bierkönig und Megapark bleiben vorerst dicht

Zwar dürfen seit dieser Woche die Einkaufszentren auf Mallorca wieder öffnen und auch die Gastronomen können voraussichtlich ab März zumindest wieder ihre Außenterrassen für Gäste öffnen. Von Normalität ist die Insel jedoch weit entfernt – und wird wohl auch nie wieder so werden wie vor Corona. Die großen Partytempel am Ballermann wie Bierkönig und Megapark werden nach aller Voraussicht auch diese Saison geschlossen bleiben – denn Partys mit Tausenden Urlauber auf engster Fläche werden nicht so schnell wieder erlaubt sein.

Michael Bohrmann hat seine Erwartungen deshalb bereits nach unten geschraubt: „Ich wünsche mir Gesundheit und dass es mich nicht so erwischt wie andere, die alles verloren haben“, sagt der „Deutsches Eck“-Wirt. „Ich hoffe, dass es im Frühjahr wieder ein bisschen Normalität gibt und alle wieder aufmachen können. Wir müssen auf jeden Fall alle umdenken und uns mit weniger zufriedengeben.“