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Coronavirus in Spanien: Kanarischen Inseln droht eine Reisewarnung

Nach Party auf Gran Canaria : Kanarischen Inseln droht offizielle Reisewarnung

Die Corona-Fallzahlen steigen dramatisch. Die offizielle Reisewarnung droht. Das macht den Urlaub auf den Kanarischen Inseln problematisch - und auch Hotels, Restaurants und Geschäfte geraten in Not.

Eine lange Partynacht löste eine neue Corona-Welle auf den Kanarischen Inseln aus. Sie sind nun ebenfalls auf dem Weg, als Virus-Risikogebiet eingeordnet zu werden. Das Unheil begann an einem lauen Sommerabend im August, als eine Gruppe junger Leute durch die Diskotheken der spanischen Urlaubsinsel Gran Canaria zog. Nach steigendem Alkoholkonsum waren alle Vorsichtsmaßnahmen in der Vergnügungszone der Inselhauptstadt Las Palmas vergessen: Masken fielen, Flaschen machten die Runde, es wurde Körper an Körper getanzt.

Superspreader nach Fiesta auf Gran Canaria

Die Zechtour hatte fatale Folgen: Die nächtliche Fiesta wurde zur Viren-Schleuder auf der Insel, die bis dahin noch sehr gut durch diesen Corona-Sommer gekommen war. Die Partyteilnehmer verwandelten sich in „Superspreader“ – in Personen, welche mit dem Virus viele andere Menschen ansteckten. Seitdem explodieren die Corona-Erkrankungen auf Gran Canaria, einer der beliebtesten spanischen Ferieninseln deutschsprachiger Urlauber.

Auf dem Eiland im Atlantik leben 850 000 Menschen, die sich bis dahin relativ sicher vor dem Virus Sars-CoV-2 fühlten. Im vergangenen Jahr kamen 3,6 Millionen ausländische Urlauber nach Gran Canaria – jeder Vierte davon aus Deutschland. Die „Alemanes“ stellen traditionell das größte Touristenkontingent. Sie lieben diese Insel, weil dort auch im Winter frühlingshafte Temperaturen herrschen.

Nahezu 150 Fälle auf 100 000 Einwohner

Doch plötzlich ist Gran Canaria zum Corona-Brennpunkt geworden. Den örtlichen Gesundheitsbehörden zufolge kletterte die wöchentliche Fallhäufigkeit pro 100 000 Einwohner zuletzt auf nahezu 150. Das ist das Dreifache des Schwellenwertes von 50, ab dem Berlin und andere europäische Regierungen üblicherweise Reisewarnungen aussprechen.

Für die gesamten Kanarischen Inseln stieg dieser Risikowert mittlerweile auf 96. Zum Vergleich: In Deutschland lag diese Zahl Anfang der Woche bei etwas über neun. Anfang August registrierte Gran Canaria nicht einmal 30 aktive Fälle, nun sind es bereits 3000 Infizierte. Die nach Teneriffa zweitgrößte Kanareninsel vereint derzeit mehr als zwei Drittel aller neuen Infektionen auf dem Archipel, zu dem auch die Urlaubsinseln Fuerteventura und Lanzarote gehören

Auf einem Krisentreffen zwischen Insel-Regierungschef Ángel Víctor Torres und dem größten europäischen Reiseveranstalter Tui war die Stimmung entsprechend gedämpft. Torres stimmte die Urlaubsbranche auf eine Reisewarnung der deutschen Regierung ein, die „absehbar“ sei. Auch in der Tui-Delegation, die von Vorstand Sebastian Ebel angeführt wurde, ging man davon aus, dass die Kanaren nun ebenfalls auf der schwarzen Liste Berlins der Risikogebiete landen werden.

Vier Inseln sind weniger bedroht

In den vergangenen Wochen hatte Torres noch versucht, die Virusgefahr mit einem Appell an die jüngere Generation aufzuhalten, deren ungestüme Partylust für einen Großteil der neuen Ansteckungen verantwortlich gemacht wird. „Auch die Jungen sind nicht unbesiegbar und können im Krankenhaus landen und sterben“, sagte er. Zu viel Sorglosigkeit könne die touristische Zukunft der Inseln gefährden. Zudem ordnete er die Schließung aller Diskos und Nachtbars an. Auch die Maskenpflicht wurde verschärft. Zu spät: Die Corona-Welle ließ sich nicht mehr aufhalten.

Allerdings sieht die Lage nicht auf allen Inseln schlecht aus. Bisher sind vor allem Gran Canaria, aber auch Lanzarote und das sehr viel kleinere Eiland El Hierro stark betroffen. Dagegen ist die Situation auf Teneriffa, Fuerteventura, La Palma und La Gomera derzeit noch sehr viel besser. Auf diesen vier Inseln wurde der Risikowert von 50 Fällen pro 100 000 Einwohner bisher noch nicht überschritten.

Tui-Vorstand Ebel betonte bei seinem Kanarenbesuch, dass die Virus-Ausbrüche vor allem in den größeren Inselstädten registriert werden, „aber nicht in den touristischen Zonen“. So wurden etwa auf Gran Canaria die allermeisten Fälle in der Inselhauptstadt Las Palmas verzeichnet. Ähnlich sieht es auf Lanzarote aus, wo mit Arrecife ebenfalls vor allem die größte Inselstadt betroffen ist.

Reisemanager Ebel wie auch Inselpräsident Torres waren sich einig, dass die Kanaren alles daran setzen müssen, die Fallzahlen wieder deutlich zu senken. Nur so könne die im November beginnende Hauptsaison auf den „Inseln des ewigen Frühlings“ gerettet werden. Während Mallorca vor allem im Sommer besucht wird, sind die Kanaren Europas populärstes Winterziel. Doch schon jetzt steht fest, dass die kanarische Tourismusbranche Milliardenverluste einfahren wird. Im vergangenen Jahr waren noch 13,1 Millionen internationale Touristen auf die Vulkaninseln gekommen. Davon stammten 2,6 Millionen aus Deutschland und 4,9 Millionen aus Großbritannien. Im laufenden Jahr wird kaum mehr als ein Drittel des gewohnten Umsatzes erwartet.

Mitte August hatte Berlin schon eine Reisewarnung für Mallorca und das gesamte spanische Festland verhängt. Danach hatten noch etliche Touristen von Mallorca nach Gran Canaria umgebucht in der Hoffnung, wenigstens dort einen sorgenfreien Urlaub verbringen zu können.

Nun verlieren also auch die Kanaren als letzte spanische Ferienregion ihre Unschuld und werden zur Risikozone. Auch im restlichen Spanien hat sich die Situation weiter verschärft. Derzeit werden landesweit täglich nahezu 7000 neue Erkrankungen registriert. Die siebentägige Fallinzidenz liegt mittlerweile für ganz Spanien bei 101 pro 100 000 Einwohner.

Tourismus auf den Kanaren in existenzieller Not

Ende Juli war Großbritannien mit einer Reisewarnung für ganz Spanien mitsamt Quarantänepflicht vorgeprescht. Daraufhin war der britische Tourismus Richtung Kanaren abrupt zum Stillstand gekommen. Nun drohen auch aus Deutschland Massenstornierungen.

Der kanarische Hotelverband klagt, dass die Branche vor einer beispiellosen Krise stehe. Ein Hotelier warnt: „Wenn der Tourismus stirbt, dann sterben die Inseln.“ Der Feriensektor erwirtschaftet ein Drittel des gesamten Inselwohlstandes und beschäftigt 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung.

In vielen bekannten Urlaubshochburgen, wie etwa im Gebiet Playa de las Americas im Süden Teneriffas, sind bereits ganze Straßenzüge verwaist. Hotels, Restaurants und Geschäfte haben mangels Kunden die Türen verrammelt. Es herrsche, so beschrieb die Lokalzeitung „El Día“ die Lage, „touristische Trostlosigkeit“.