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Nachruf auf Stones-Schlagzeuger Charlie Watts: Das Herz der Band schlägt nicht mehr

Nachruf auf Stones-Schlagzeuger Charlie Watts : Das Herz der Band schlägt nicht mehr

Zum Tod von Charlie Watts. Der Schlagzeuger der Rolling Stones ist mit 80 Jahren gestorben

Charlie Watts ist tot, und das darf nicht sein. Denn mit ihm stirbt der Traum von der Unsterblichkeit, der den Rock and Roll im Allgemeinen und seine beste Band, die Rolling Stones, im Besonderen auszeichnete. Charlie Watts saß im Auge des Orkans, er behielt den Überblick, und wie oft wird er sich seufzend gefragt haben, ob dieser ganze Honky Tonk denn wirklich sein muss, den die Jungs da vorne veranstalten. Er war der soignierte Gentleman, der sich unter göttlichen Rüpeln pudelwohl fühlte. Er sah im T-Shirt besser und eleganter aus als manche im Smoking. Ohne ihn wären die Stones eine buchstäblich taktlose Band.

Natürlich muss man, um zu begreifen, wer dieser Charlie Watts war, gleich diese eine Geschichte erzählen. Die Stones feierten in einem Hotel, es war verdammt spät, und Mick Jagger war verdammt betrunken, als er merkte, dass Charlie schon zu Bett gegangen war. Also rief er in dessen Zimmer an und brüllte diese legendären Sätze in den Hörer: „Wo ist mein Drummer? Ich will meinen Drummer!“. Nachdem er aufgelegt hatte, soll Charlie Watts in aller Ruhe aus dem Bett aufgestanden sein. Er habe sich seinen Anzug angezogen, heißt es, und vor dem Spiegel noch einmal den korrekten Sitz überprüft. Dann sei er mit dem Fahrstuhl runtergefahren. Unten habe er Mick eine gescheuert, ihn schließlich am Schlafittchen gefasst und diese noch viel legendäreren und vor allem viel korrekteren Sätze gesprochen: „Nenn mich nie wieder deinen Drummer. Du bist mein gottverdammter Sänger.“

Und so war es. Die Stones haben den Tod von Brian Jones überlebt, die Abschiede von Mick Taylor und Bill Wyman. Ohne Charlie wird es jedoch schwierig. Er war das Rückgrat der Band. 50 Jahre lang. Er hielt den Takt, darauf konnte man sich verlassen, sein Beat war der rote Faden, an dem sie sich durch ihre wilden Songs hangelten. Während viele Rock-Drummer ihr Schlagzeug immer weiter aufrüsteten, beließ er es, wie es war. „Weniger ist mehr“, lautete sein Motto. Er residierte hinten und genoss die Aussicht. Er war ein Minimalist, ein Virtuose der Langsamkeit, und er sorgte für diese irre Spannung, die die besten Stones-Stücke beherrscht. Dieser besondere Schmelz, der düstere Groove, das typisch Stonesige: Das war er.

Charlie Watts wuchs in Islington auf, einem Londoner Bezirk, der von den Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs stark getroffen worden war. Er ging zur Kunsthochschule, und danach arbeitete er als Werbegrafiker. Sein Ding, das war der Jazz. Charlie Parker und Benny Goodmann waren seine Hausheiligen in der Musik, Fred Astaire in puncto Stil. Trotzdem ließ er sich überreden, bei den Stones mitzumachen. Er ließ sich zu jeder weiteren Tour überreden. Und am Ende jedes Konzerts stand er mit den anderen da, Arm in Arm, und er schaute dabei jedes Mal so voller Liebe für die Kinder neben ihm und so verlegen, dass er in diesen Momenten den größtmöglichen Gegensatz zu Mick Jagger bildete, dem Kolibri, der nur darauf wartete, seine Flügel zu spreizen, um das Publikum sein bunt schillerndes Gefieder bewundern zu lassen.

Als die anderen mit den Drogen weitestgehend durch waren, weil sie inzwischen jede Wirkung jedes Gebräus kannten, fing er an. In den 80ern hatte er eine kritische Heroin- und Alkoholphase, aber er bekam rechtzeitig die Kurve. Er züchtete Pferde, ließ sich Maßanzüge schneidern und zeichnete. Im Studio und auf der Bühne trotzte er der Vergänglichkeit mit der stoischen Allmählichkeit, mit der er Hits wie „Mother’s Little Helper“ oder „Can’t You Hear Me Knocking“ in den Himmel trommelte.

Irgendwann im letztgenannten Song hebt Mick Taylor ab, und Charlie Watts kann endlich tun, war er so liebt: Jazz spielen und den Pop zu einer Kunstform für Erwachsene umwandeln, für Leute wie ihn. Eines seiner heimlichen Meisterwerke ist das vorletzte Stück auf „Voodoo Lounge“ aus dem Jahr 1994: „Thru And Thru“ ist allersprödeste Herrlichkeit. Keith singt, und Charlie hält ihm zunächst die Räume frei, um ihm schließlich ganz staubtrocken den Marschbefehl zu erteilen. Erst nach fast vier Minuten geht es richtig los, und dieser zweite Teil des Songs zeigt, wie wichtig Watts war. „Er ist das Bett, auf dem ich liege“, schrieb Keith Richards in seiner Autobiografie.

Wie lange noch?, wurden die Stones seit den 80ern bei jeder neuen Tour gefragt. Solange wir ihn bei Laune halten können, hieß es dann stets mit Blick auf Charlie. Neulich haben sie eine Tour ohne ihn angekündigt. Er war im Krankenhaus, musste operiert werden, und sie verpflichteten Steve Jordan, der schon auf Soloalben von Keith Richards zu hören ist. Wie es heißt, hatte Charlie seinen Segen gegeben. Vielleicht machen die Stones also tatsächlich weiter. Ohne Charlie. Aber sie werden nicht dieselben sein.

Charlie Watts ist tot. „Sticky Fingers“ auflegen. „Wild Horses“ hören: „Faith has been broken / Tears must be cried / Let’s do some living / After we die.“