Das Russenkind

Kriegsende. Das Leben muss weitergehen. Nichts zu essen, nichts zu heizen. Manchmal helfen die fremden Soldaten. Manche verlieben sich. Die Tochter eines sowjetischen Soldaten erzählt ihre bittere Lebensgeschichte.

Diese Augen. Fröhlich wirkt die junge Frau unten auf dem Foto. Selbstbewusst. Ihrer selbst und ihrer Liebe bewusst, neben dem blonden Mann im gestreiften Sakko, im Jahre zwei nach dem fürchterlichen Weltkrieg. Kraft und Zuversicht strahlt sie aus. Noch weiß sie nicht, dass ihre Liebe im Berlin des Jahres 1947 tragisch enden wird.

Das andere Foto zeigt dieselbe Frau. Sie trägt ihr Baby auf dem Arm. Der junge Mann, der Vater der Kleinen, ist nicht mehr da. Wieder lacht der Mund der Frau. Aber ihre Augen lachen für die Kamera.

"Geboren am 22. Juni 1947, sechs Jahre nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion, sehe ich mich heute als Geschenk des Friedens", beginnt 2015 das kleine Mädchen von damals ihren Lebensrückblick. Wir nennen sie auf ihren Wunsch Nawi. "Meinen wirklichen Namen möchte ich mit Rücksicht auf meine Geschwister und deren Familien nicht preisgeben", sagt sie dem General-Anzeiger.

Nawi hat sich im Internet auf der Website www.russenkinder.de getraut, ihr Leben öffentlich zu bilanzieren. "Mein Vater Kostian stammte aus Tschernihiv in der Ukraine, und er war beim sowjetischen Geheimdienst KGB. Mehr ist über ihn nicht bekannt, weder Familienname noch Geburtsdatum." Für ihre Mutter sei dieser blonde Ukrainer die große Liebe, der Sieger und Retter gewesen, erinnert sich Nawi.

Von der Großmutter habe sie gehört, dass dieser Kostian ein "guter Mensch" gewesen sei. "Er rettete ihre Familie mit Lebensmitteln und Heizmaterial über die erste schwere Zeit des Friedens hinweg." Sogar für einen schwer kranken Nachbarn habe er lebensrettende Medikamente besorgt.

Auch ihre Tante habe damals eine Beziehung zu einem Besatzer gehabt, zu einem US-Soldaten namens William, erinnert sich Nawi. Kostian und William seien in der Wohnung ein und aus gegangen, hätten Nahrungsmittel und Luxusartikel besorgt, fast wie im Wettstreit. "William war immer in Uniform und mein Vater immer in Zivil. Nie wurde er in Uniform gesehen, nur die Metallschnalle seines Ledergürtels wies einen Sowjetstern auf."

Der Vater habe fließend Deutsch und Englisch gesprochen, daher sei es William erst ziemlich spät aufgefallen, dass sein Freund Kostian aus der Sowjetunion war. "Im Dezember 1946 verschwand Kostian spurlos, und es kam das Gerücht auf, dass er verraten wurde." Engere Beziehungen zu Deutschen waren Sowjetsoldaten nicht erlaubt.

Die schwangere Mutter habe sich dann zur russischen Kommandantur gewagt, erzählt Nawi. Aber sie habe dort lediglich erfahren, dass auch Kostians Freunde verschwunden waren. Was nun? Das Kind abtreiben? Dazu sei es bereits zu spät gewesen. "Auch meine Tante war schwanger, von William, und so sahen beide Frauen ihrer Niederkunft mit recht unterschiedlich gemischten Gefühlen entgegen."

[info]Was mag in ihr vorgehen, wenn sie so etwas schreibt? Das "amerikanische Baby" sei am plötzlichen Kindstod verstorben. "Und ich kam gesund und fast zehn Pfund schwer zur Welt." Vorwiegend sei sie von ihrer Tante gestillt worden, weil ihre Mutter kaum Milch gehabt habe. Tragödie und Freude lagen in dieser Familie eng beisammen. Die Tochter, die ihr Baby verlor, heiratete ihren William und wird mit ihm nach Amerika gehen. Und die Schwester, deren Freund in die Sowjetunion zurückgebracht wurde, hält ein munteres Kind in den Armen, das die Schwester stillen muss.

Das Baby soll eigentlich dann auch dieser Schwester nach West Virginia mitgegeben werden. Ein Vertrag ist schon aufgesetzt. "Allerdings bekam meine Mutter Bedenken und verschwand mit mir zu Verwandten aufs Land, bis ihre Schwester abgereist war", berichtet Nawi. Und lässt sich nicht anmerken, dass es sie freut: Die Mutter hielt an ihr fest und riskierte dafür den Bruch mit der Schwester.

Und sie setzte dann sogar eine Annonce auf: "Junge ledige Mutter mit Kind sucht einen lieben Vater und Mann." Worauf sich "ein an Körper und Seele recht unversehrter junger Mann, der aus englischer Gefangenschaft kam", gemeldet habe. Im Juli 1948 wurde geheiratet. "Es gibt kein Bild, auf dem ich dabei bin. Obwohl doch eigentlich nur meinetwegen geheiratet wurde." Wie viel Mut gehört dazu, dies öffentlich zu machen, auch wenn seither 66 Jahre vergangen sind?

Es sei keine glückliche Ehe geworden, sondern eine Zweckgemeinschaft, aus der noch drei Geschwister hervorgingen, berichtet Nawi. Trotzdem habe sie zunächst eine unbeschwerte Kindheit verbracht. Bis irgendwann das Wort "Russenbalg" bei der Familie des Stiefvaters fiel - "was mich innerlich nicht erreichte", aber die häusliche Situation schlagartig veränderte, "da unsere Mutter ihr angeblich verpfuschtes Leben nur noch mit Alkohol ertrug."

Ab da durfte Nawi kein Kind mehr sein, musste für ihren hilflosen Stiefvater "die Große" spielen, damit der sein Idealbild von der heilen Familie nach außen hin aufrecht erhalten konnte. Was die Heranwachsende heillos überforderte. Sie schaffte keinen Schulabschluss, zog aus. "Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meiner Kindheit auch nur einen Gedanken an meinem Erzeuger verschwendet zu haben", kommt dann. Sie sagt meist "Erzeuger", selten "Vater". Sie hat diesen Kostian nie in ihrem Leben gesehen.

Erst, als sie selbst verheiratet und Mutter ist, geht sie wegen einer schweren Herzphobie in analytische Behandlung, will ihre Geschichte ergründen. Das Wort "Russenbalg" sitzt tief. Einmal allein mit ihrer Mutter, habe sie das Gespräch über den Vater gesucht. "Aber ich bekam zu hören, das rege sie zu sehr auf, und es sei schon schwer genug für sie, sich meinetwegen in dieser unglücklichen Beziehung zu befinden", habe sie als Reaktion erfahren.

Als sie, die Tochter, sich so nicht habe abspeisen lassen wollen, habe ihr die Mutter vorgehalten, sie sei genauso "egoistisch wie der Mann, der mich damals im Stich ließ". Da habe sie plötzlich ein Gefühl des Stolzes für diesen Vater überkommen, so Nawi. "Ich fühlte mich zum ersten Mal mit ihm verbunden."

Denn nun spürte die Tochter, wie die Beziehung damals verlaufen war. Im Nachhinein könne sie die Verliebtheit der Mutter verstehen, aber deren Naivität angesichts der politischen Verhältnisse sei für sie nicht nachvollziehbar. Die Mutter liebte keinen William, der eine Zukunft in den USA bot, sie liebte einen Kostian, der unter Stalins Knute funktionieren musste.

2003 starb ihre Mutter; nie wieder hätten sie das Thema aufgegriffen. Den langjährigen Ehemann habe die Mutter noch am Sterbebett von sich gestoßen - "was mir einen fürchterlichen Herzschmerz bereitete, und nicht nur mir", so die Tochter. Denn letztlich habe sie zwar einen schwachen, aber guten Stiefvater gehabt. "Es hätte schlimmer kommen können."

[links]Erst der Pfarrer habe sie bei der Beerdigung der Mutter vom Druck befreit, irgendwie schuldig zu sein. Nawi schrieb 2004 an das Moskauer Militärarchiv. Dort konnte man ihren Vater angeblich nicht ausfindig machen. "Ich glaube schon, dass das mit seiner Funktion beim KGB zusammenhängt." Heute aber, mit 67 Jahren, interessiere sie das alles nicht mehr. Es sei die Geschichte ihrer Mutter, und die habe unter ihrer Unfähigkeit, sich der Realität zu stellen, genug gelitten. Nawi sagt: "Ich habe meinen Frieden als Geschenk gefunden."

Anatoly Rothe, der Initiator der Internet-Website www.russenkinder.de, auf der auch Nawi ihre Lebensgeschichte offenbarte, hat 2014 einen Verein gegründet, der dabei hilft, auch heute noch Väter zu finden oder zumindest Licht in die Herkunft zu bringen. "Für uns, die Russenkinder, hat das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren eine ganz besondere Bedeutung. Unsere Väter konnten ihre Waffen niederlegen. Es war gewissermaßen die Voraussetzung für unsere Entstehung", sagt Rothe.

Die Umstände der Erzeugung reichten von Liebesbeziehungen bis zu Vergewaltigungen. Die Lebensumstände, in die die "Russenkinder" hineingeboren wurden, seien ebenfalls sehr unterschiedlich gewesen. "Neben dem Fortwirken der alten Nazi-Ideologie, dass Russen Untermenschen sind, bis zu liebevoller Aufnahme und Fürsorge durch die Familien."

Eines hätten die "Russenkinder" aber alle gemeinsam: "Unsere Väter haben sich bis auf Ausnahmen nicht um uns kümmern können. Denn wenn solche Beziehungen bekannt wurden, verschwanden die Männer, wurden versetzt, in Lager gebracht", so Anatoly Rothe. Das habe das Leben jedes einzelnen Kindes geprägt, bis in die nächsten Generationen hinein.