Hilfseinsatz in Nepal "Die Zerstörung ist furchtbar"

BONN/KATHMANDU · Für die Behandlung durch Michael Brinkmann müssen Patienten in seiner Niederkasseler Praxis in diesen Tagen etwas länger im Wartezimmer ausharren. Die Sprechzeiten haben sich nach seiner Rückkehr deutlich verlängert. Viele Patienten wollen erfahren, was er in Nepal erlebt hat, wie es ihm in den 17 Tagen dort ergangen ist. Brinkmann war für die Hilfsorganisation Humedica als Teil eines medizinischen Einsatzteams kurz nach dem schweren Erdbeben vom 25. April nach Kathmandu gereist. Seit vergangenem Freitag ist er zurück.

"Als wir die Macht der Zerstörung vor Ort gesehen haben, hat mich das schon sehr getroffen", sagt der 56-jährige Bonner. Vier Mal war er zuvor in Nepal, kannte das Land von Urlauben und vorherigen medizinischen Einsätzen. "Wenn man die Bilder im Kopf hat, wie die Stadt vor dem Erdbeben ausgesehen hat, wird einem die Zerstörung so richtig bewusst. Das war furchtbar", sagt der Arzt.

Seine Reise nach Kathmandu beginnt am 29. April, vier Tage nach dem Erdbeben, das mehr als 8700 Tote gefordert hat. Vom Tal geht es zu Fuß zu einem auf 1300 Metern Höhe gelegenen Health Post, einer nepalesischen Gesundheitsstation. "Wir haben nicht gewartet, bis die Straßen freigeräumt wurden. Wir haben unsere Rucksäcke geschnappt und sind losmarschiert." Brinkmann ist gerne in den Bergen, geht regelmäßig Klettern. Das hilft ihm, den durch Geröll und Erdrutsche immer wieder versperrten Weg zu meistern.

Nach drei Stunden erreichen sie den Health Post, der kaum mehr zu benutzen ist. "Das Gebäude stand zwar noch, war aber übersät mit Rissen. Auch das Treppenhaus war komplett eingestürzt", so der 56-Jährige. Zwölf Nächte bleibt Brinkmann hier, ein Bach dient in den ersten Tagen als Waschgelegenheit. Fließendes Wasser gibt es erst nach gut einer Woche. Tagsüber ist Brinkmann meist unterwegs - wandernd zu den entlegenen Dörfern, um dort den Menschen zu helfen.

"Es war beeindruckend zu sehen, wie die Nepalesen schon nach kurzer Zeit wieder aktiv ihr Leben gestalteten. Auch wenn ihre Häuser zerstört waren, war keine Lethargie zu spüren, keine bedrückende Stimmung", sagt er. Am 12. Mai wird dieser Aufbruch jäh unterbrochen. Es ist kurz nach 13 Uhr, Brinkmann und sein Team haben die Versorgung im Health Post wieder an nepalesische Ärzte abgegeben und verlassen den Berg. Es regnet stark, die Fahrt auf der mittlerweile freigeräumten Bergstraße ist schwierig.

In einem Ort im Tal macht das Team eine Pause, trinkt gemeinsam etwas, als ein heftiges Grollen das nächste Nachbeben ankündigt. Es hat viele in den vergangenen Tagen gegeben, doch dieses ist stärker als die anderen. Das merkt das Team schnell. "Wir liefen aus dem Restaurant nach draußen und merkten sofort, dass es eigentlich ein Fehler war."

Gegenüber liegt ein steiler Berghang, riesige Felsbrocken stürzen auf die Gruppe hinab. "Es ist ein Wunder, dass niemandem etwas passiert ist", sagt der zweifache Familienvater. Etwa 20 Sekunden dauert das Beben, danach herrscht für einen Moment Stille. Das Team macht sich sofort an die Arbeit, behandelt Verletzte. "Die Arbeit hat uns die Anspannung genommen", sagt der Arzt. Das Beben trifft auch den Health Post schwer, wo das Team zuvor zwölf Tage lang war.

Doch ein Zurück gibt es nicht mehr, die Straßen sind nun unpassierbar. Die nepalesischen Ärzte sind auf sich allein gestellt. Für Brinkmann hat die Situation im Nachhinein einen faden Beigeschmack. "Ich habe das Gefühl, dass wir den Health Post zwei Stunden zu früh verlassen haben. Wir waren ja eigentlich dort, um den Erdbebenopfern zu helfen. Als dann das Nachbeben kam, waren wir nicht mehr da." Drei Tage später reist er ab.

Etwas Arbeit hat er sich mit nach Hause genommen. "Wir hatten im Health Post einen Dolmetscher, der dort ein eigenes Labor hatte", sagt der Arzt. Das Labor wurde beim Erdbeben vollkommen zerstört. In Zusammenarbeit mit Humedica versucht Brinkmann, Mikroskope und andere Laborausrüstung zusammenzustellen und das Labor neu aufzubauen. Damit das Leben dort weitergehen kann.

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