Grammys: Die Show geht einfach weiter

WASHINGTON/LOS ANGELES · Die Frage stellt sich jedem, der unerwartet einen Trauerfall in der Familie hat: Wie Abschied nehmen, ohne dass es peinlich und verlogen wird? Amerikas Populärmusikschaffende hatten sich nach dem tragischen Ende von Whitney Houston der delikaten Aufgabe ausgerechnet an ihrem höchsten Branchen-Feiertag zu stellen: der Verleihung der Grammys.

 Zwei Arme reichen kaum, um alle Grammophönchen zu halten: die britische Sängerin Adele.

Zwei Arme reichen kaum, um alle Grammophönchen zu halten: die britische Sängerin Adele.

Foto: dpa

Die 54. Auflage der weltweit beachteten Leistungs- und Nabelschau in Los Angeles sollte auf kühl kalkulierte Weise bestätigen, was im Grundgesetz dieses Industriezweigs für solche Zwischenfälle vorgesehen ist: The Show must go on. Egal, was passiert - der Zug fährt weiter.

LL Cool J, Hip-Hopper und Moderator der Zeremonie, gab am Anfang den Pastor und hielt die versammelte Gemeinde zu einem schnellen Pflichtgebet für "die Stimme ihrer Generation" an. Es folgte ein Video-Ausschnitt mit Houston. Dann Applaus im Stehen. Zehn Sekunden Betroffenheit. Weiter ging's auch schon im Programm.

Zu diesem Zeitpunkt war der Fauxpas nicht mehr rückholbar, dass die Organisatoren Bruce Springsteen mit seinem politischen Kraftmeiersong "We Take Care Of Our Own" als Eisbrecher auf die Bühne beordert hatten. Und der Boss, gewiss nicht böswillig, aber abseitig ins Hallenrund schrie: "Amerika, lebt ihr noch da draußen?" Ein Glück, dass da draußen eine mit wunderbarem Brit-Akzent schnoddernde junge Frau wartete, deren Siegeszug - sechs goldene Grammophönchen in allen wesentlichen der insgesamt 78 Kategorien - der Veranstaltung Würde, Klasse und Hoffnung verlieh: Adele Adkins.

Würde, weil die 23-Jährige in Auftritt und Stil die Essenz großer Kunst verkörpert. Klasse, weil ihre wichtigsten Auszeichnungen für die beste Solo-Darbietung ("Someone Like You"), das beste Lied ("Rolling Into Deep") und die beste Aufnahme wie die Platte des Jahres ("21") unterstreichen, dass in atemberaubendem Gesang verpackter Liebeskummer noch immer die größte Wirkung samt Kaufanreiz entfaltet.

Hoffnung, weil bei der unaffektierten Wuchtbrumme erkennbar keine Gefahr besteht, dass sie wie Whitney Houston oder Amy Winehouse finalen Raubbau an ihrem Talent verüben könnte. In Los Angeles sang Adele nach überstandener Zwangspause so beseelt, dass dem unbekannten Chirurgen ein Grammy für die beste Stimmband-Operation zustünde.

Und sonst? Seit der Premiere 1959 ist die Show meist so vorhersehbar wie der blaue Himmel in Kalifornien. Geehrt wurde wieder nur, was man so kennt. Passend, dass der als bester Newcomer ausgezeichnete Folk-Rocker Justin Vernon von "Bon Iver" ironisch die vielen Nicht-Nominierten in Erinnerung rief.

Weil die Grammy-Verleihung im Grunde eine üppig ausfallende Betriebsfeier darstellt, kommt der buckligen Belegschaft gesteigerte Bedeutung zu. Alles subjektiv, aber: Unter bezaubernd darf abgebucht werden, wie Alicia Keys und Bonnie Raitt mit "Sunday Kind of Love" der verstorbenen Blues-Heldin Etta James die letzte Ehre erwiesen.

Auch den wuchtigen Arbeitsnachweisen der fünffach ausgezeichneten "Foo Fighters" (bestes Rock-Album etc.) war Kraft und Können zu entnehmen. Von Ober-Foo-Fighter Dave Grohl stammte der Satz des Abends: "In ein Mikrofon zu singen und sein Instrument zu beherrschen, mit Kopf und Herz bei der Sache zu sein", sagte der frühere Nirvana-Gitarrist, "das ist das Wichtigste."

Dass die "Beach Boys", die zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder Bühnensand unter die Füße bekamen, einen steifen Eindruck und weniger "Good Vibrations" hinterließen - geschenkt. Gewöhnungsbedürftig auch, wie Paul McCartney im weißen Gigolo-Blazer auf dem Barhocker eine unterphilosophierte Version von "My Valentine" zu Gehör brachte. Nix zum Verlieben.

Diesen Job übernahm mit größtem Respekt vor dem Original Jennifer Hudson. Die stimmgewaltige R&B-Sängerin verneigte sich mit ihrer eine Oktave tiefer angesiedelten Version von "I Will Always Love You" vor dem heimlichen Star des Abends: Whitney Houston.

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