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Herzmuskelentzündung nach Biontech-Impfung

Herzmuskelentzündung nach Biontech-Impfung : „An dieser Krankheit stirbt man nur selten“

Weltweit werden Fälle einer Myokarditis nach einer Biontech-Impfung gemeldet. Experten bezweifeln, dass es mehr sind als üblich. Ohnedies werde die Krankheit oft gar nicht erkannt und heile auch problemlos wieder aus. Ein Überblick.

Bei jeder Impfung werden Nebenwirkungen verbucht, die zu anderen Zeiten kaum aufgefallen wären. Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall – derlei zählt zum Hintergrundrauschen des Daseins, manchmal nimmt man sie auch nach neuen Tabletten wahr. Sobald sie indes nach einer neuartigen Impfung registriert werden, schrillen die Alarmglocken. Das ist als Vorsichtsmaßnahme unvermeidlich – und richtig.

Aktuelles Beispiel sind die Fälle von Herzmuskelentzündungen, die weltweit vornehmlich bei jüngeren Leuten nach einer Impfung mit Biontech aufgetreten sind. Auch aus Deutschland meldet das Paul-Ehrlich-Institut bereits Fälle. Belastbare Zahlen gibt es aus Israel: Dort traten unter den mehr als fünf Millionen Geimpften nach Angaben des israelischen Gesundheitsministeriums zwischen Dezember und Mai 275 Fälle von Myokarditis auf. Das liegt im Schnitt: Wie Experten in der „New York Times“ vorrechnen, erkranken jährlich etwa zehn bis 20 von 100.000 Menschen an einer Myokarditis.

Eine akute Entzündung mit einem komplizierten Verlauf ist kein Pappenstiel. Sie kann zu Schädigungen des Herzmuskels führen, zu Rhythmusstörungen, sogar zum plötzlichen Herztod; bei chronischen Verläufen kann sich der Herzmuskel vergrößern, und eine Herzschwäche droht. Die Wahrheit aber ist: In sehr vielen Fällen läuft sie still ab, ist nur mit geringen Symptomen verbunden – und heilt auch komplikationslos aus.

Eine Myokarditis kann bakteriellen oder viralen Ursprungs sein, tritt oft nach einer verschleppten, nicht auskurierten Grippe oder schweren Erkältung auf; auch Parasiten oder Pilze können sie auslösen. „Nur selten stirbt man daran“, sagt Ralf Westenfeld, leitender Kardiologe am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD). „Es gibt zudem etliche unentdeckte Fälle.“ Dass jetzt angeblich so viele Meldungen kommen, liege auch daran, „dass die Menschen momentan nach einer Impfung stärker auf Nebenwirkungen achten, als sie es sonst tun“.

Die US-amerikanische Behörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) hält die Zahl der Myokarditis-Fälle für nicht beunruhigend. Sie vermutet, dass die Herzprobleme auch unabhängig von der Impfung aufgetreten sein könnten, denn die Zahl der Fälle übersteige nicht diejenige, die ohnehin zu erwarten seien. „Es kann ein Zufall sein, dass einige Menschen nach der Impfung eine Myokarditis entwickeln“, sagte Celine Gounder, Infektiologin am Bellevue Hospital Center in New York.

Im NDR-Corona-Podcast erklärte Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission: „Bei jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren ist die Reaktogenität, also die Impfreaktion, höher als bei den älteren Jahrgängen. Die Frage, ob der mRNA-Impfstoff eine Myokarditis auslösen kann, ist nicht abschließend geklärt. Wir bewegen uns da hart an der Grenze zu einem Signal.“ Von einem Signal spricht man, wenn Fälle in einem Zusammenhang zur Impfung gehäuft auftauchen.

Jetzt überlegen die Fachleute, was passiert sein könnte – oder ob überhaupt etwas passiert ist. Möglicherweise kann eine überschießende Immunantwort nach der Impfung auch den Herzmuskel angreifen, das aber muss noch erforscht werden. Fest steht, dass eine Myokarditis nicht so gefährlich ist wie eine Hirnvenenthrombose, die in ebenfalls seltenen Fällen nach einer Astrazeneca-Impfung auftreten kann. Für beide Krankheiten gilt, dass sie gut zu behandeln sind und bei früher Therapie ohne Folgen ausheilen.

Eine Myokarditis zeigt sich übrigens gar nicht so selten auch als Folge einer Sars-CoV-2-Infektion. Manchmal sind das ebenfalls Zufallsbefunde. Westenfeld: „Neulich hatten wir hier am UKD einen Fall, dass sich bei einem Patienten Covid überhaupt nur dadurch äußerte, dass uns die Pathologen anriefen und sagten: Wir haben einen positiven Gewebebefund aus seinem Herzmuskel.“ Westenfeld ist jedenfalls von der Sicherheit des Biontech-Impfstoffs überzeugt: „Alle unsere Herztransplantierten und Patienten auf der Transplantationsliste bekommen eine mRNA-Impfung.“ Die einhellige Meinung vieler Ärzte ist, dass die potenziell seltene Impf-Nebenwirkung einer Myokarditis vor den möglichen Gefahren einer Covid-19-Erkrankung verblasst.