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Jubiläum des TGV: Frankreichs Bahn setzt auf mehr Tempo

Jubiläum des TGV : Frankreichs Bahn setzt auf mehr Tempo

Vor 40 Jahren nahm der TGV den Betrieb auf. Der Start des Hochgeschwindigkeitszuges ermöglichte die Revolutionierung des Reisens und auch des Arbeitens.

Dem TGV wurde kein Erfolg vorausgesagt. Als technologische Spinnerei wurde der „train à grand vitesse“ von vielen Franzosen verspottet. Auto und Flugzeug schienen vor 40 Jahren die Verkehrsmittel der Zukunft, in deren Infrastruktur Milliarden investiert wurden. Doch die Kritiker irrten sich gewaltig, denn in den Jahrzehnen nach der Jungfernfahrt am 22. September 1981, sollte der Zug das Leben vieler Franzosen verändern. Weit entfernte Städte rückten enger zusammen, das Reisen wurde schneller und einfacher, Flugzeuge wurden überflüssig, zwei Milliarden Passagiere haben den Hochgeschwindigkeitszug seit seiner Einführung benutzt. Der Zug ist längst der Stolz einer ganzen Nation, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bezeichnete ihn auf einer Feier zum Jubiläum in diesen Tagen als ein Beispiel für den „französischen Genius“.

Mehr als nur ein Zug

„Der TGV gehört heute zum Alltag“, sagt Olivier Klein vom Institut für Verkehrsplanung an der Universität Lyon. „Er ist eine Marke geworden. Reisende sagen, sie nehmen den TGV, nicht den Zug.“ Guillaume Pépy, ehemaliger Chef der französischen Eisenbahn SNCF geht mit seinem Urteil noch weiter und zählt den TGV zu den fünf wichtigsten Innovationen des 20. Jahrhunderts, in einer Reihe mit dem Smartphone, dem PC oder der Mikrowelle.

Sogar den Arbeitsalltag der Franzosen sollten die Hochgeschwindigkeitsstrecken verändern. Plötzlich war es möglich, aus weiter entfernten Städten nach Paris zu pendeln. Nach SNCF-Angaben fahren jeden Tag rund 1000 Menschen in 45 Minuten vom 150 Kilometer entfernten Reims in die Hauptstadt. Auch die Möglichkeit, für ein Tages-Meeting aus Bordeaux oder Lyon kurz nach Paris zu fahren, wird häufig genutzt. Aber auch die Peripherie profitiert. „Der TGV hat dazu beigetragen, den Geschäftsverkehr zu dezentralisieren, der früher in Paris konzentriert war. Immer mehr Veranstaltungen, Kongresse und Seminare finden mittlerweile in Lyon, Bordeaux und Marseille statt“, betont Michel Durrieu, Sonderberater des Generalsekretärs der Welttourismusorganisation (UNWTO).

Beobachter gehen davon aus, dass nach der Pandemie und der Ausweitung der Homeoffice-Zeit auch der TGV weiter an Bedeutung gewinnen wird. Bisweilen wird sogar behauptet, dass die Immobilienpreise in der Nähe der TGV-Haltestellen schneller steigen würden als im Rest des Landes – statistisch wirklich belegbare Zahlen gibt es für diese Aussage allerdings nicht. Und natürlich hat der Hochgeschwindigkeitszug auch Einfluss auf die Reisegewohnheiten und das Freizeitverhalten. Da sich die Fahrtzeit in beliebte Ferienorte drastisch reduziert hat, fahren inzwischen viele junge Leute selbst für ein kurzes Wochenende quer durchs ganze Land nach Marseille oder Bordeaux.

Stolz, aber nicht immer zufrieden

Über 2700 Kilometer der markanten und meist schnurgeraden Hochgeschwindigkeitstrassen durchziehen inzwischen das Land. Doch nicht alle Franzosen blicken zufrieden auf diese Meisterleistung und selbst bei der staatlichen Eisenbahngesellschaft sind zwar alle stolz, aber nicht jeder ist wirklich zufrieden. „Insgesamt hat die SNCF mehr als 100 Milliarden Euro für den TGV investiert“, sagt deren Chef Jean-Pierre Farandou und versucht im selben Atemzug seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Das ist eine beträchtliche Investition in den Dienst der französischen Wirtschaft.“ Dem wird allerdings entgegengehalten, dass die gigantischen Investitionen in den TGV bei der Instandhaltung des restlichen Schienennetzes fehlen würden und die normalen Züge auf maroden Gleisen fahren müssten oder Strecken ganz stillgelegt würden.

Dem TGV gehört die Zukunft

Aus diesem Grund sollte beim Ausbau des TGV-Netzes eigentlich etwas langsamer vorangegangen werden. Noch bei seinem Amtsantritt im Jahr 2017 hatte Präsident Emmanuel Macron erklärt, keine neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken mehr in Betrieb zu nehmen, um mehr Geld in den Alltagsverkehr fließen zu lassen. Diese Ankündigung hat der Staatschef inzwischen allerdings wieder kassiert und am Wochenende sogar die nächste Generation des Hochgeschwindigkeitszuges präsentiert. Der neue TGV wird nach Angaben der SNCF bequemer und ökologischer, allerdings nicht schneller sein als die heutigen Züge mit 320 Kilometer pro Stunde. Über sechs Milliarden Euro wird Frankreich in den nächsten Jahren in den Ausbau der schnellen Trassen investieren.

Grund für den Meinungswandel des Präsidenten ist vor allem der Wille, angesichts des fortschreitenden Klimawandels die Flugreisen und den Autoverkehr weiter zu reduzieren. Schon jetzt sind in Frankreich jene Flüge per Gesetz verboten, die mit dem Zug in weniger als 2,5 Stunden zurückgelegt werden können. Das bedeutet, dass dem anfangs totgesagten „train à grand vitesse“ offenbar doch die Zukunft gehört.