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Karl Lauterbach bei "Lanz": „Man darf sich jetzt nicht dumm stellen“

Karl Lauterbach bei „Lanz“ : „Man darf sich jetzt nicht dumm stellen“

Frotzelnde Politiker, fehlende Zahlen und professionelle Gelassenheit: Angesichts konkreter Vorschläge zur Pandemiebekämpfung tritt die Kanzlerfrage in der Talkshow in den Hintergrund.

Am Donnerstagabend ging es bei „Markus Lanz“ wieder einmal um das Coronavirus, verwoben mit parteipolitischen Fragen.

Die Gäste:

  • Paul Ziemiak, CDU-Generalsekretär
  • Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte
  • Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrats
  • Gregor Peter Schmitz, Journalist

Darum ging’s:

Um einen vernünftigen Kurs in der Corona-Politik. Und um die Kanzlerkandidatur.

Der Talkverlauf:

Moderator Markus Lanz steigt mit einer Nabelschau in die Diskussion ein: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder habe neulich verraten, dass CDU-Chef Armin Laschet ihm vor Beginn der Sendung eine SMS geschickt habe. An den CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak gewandt fragt Lanz: „Hat Ihnen Armin Laschet auch eine SMS geschickt – und was hat er geschrieben?“ Ziemiak erwidert, er telefoniere fast täglich mit Laschet, aber um Lanz‘ Talkshow sei es dabei nicht gegangen. „Aber es ist doch wichtig heute!“, ruft Lanz und spricht von einem „beinharten Zweikampf“ in der Union.

Ziemiak bezeichnet das Rennen um den Kanzlerposten hingegen als normalen Prozess. „Ein bisschen frotzeln, ein bisschen Spaß gehört dazu“, sagt der CDU-Generalsekretär. Im Übrigen sei es nicht seine Aufgabe, jede Äußerung der Politiker zu interpretieren. „Die Frage, ob die Bundestagswahl gewonnen wird oder nicht, hängt nicht von diesen kleinteiligen Diskussionen ab.“ Am Sonntag träfe sich der geschäftsführende Vorstand mit Söder und Laschet, auch die Kanzlerin und die Generalsekretäre der CDU und CSU seien zugegen. Lanz will dies unbedingt als Kanzlerentscheidungsgipfel lesen, doch Ziemiak entgegnet, das Thema des Treffens sei die dritte Welle der Pandemie. „Da geht es, wie es so schön heißt, um Inhalte.“

Der Journalist Gregor Peter Schmitz bewundert Ziemiaks „professionelle Gelassenheit“. Er sieht die Union in einer „Dreifachkrise“: eine Kompetenzkrise in Anbetracht der Pandemiebekämpfung, eine durch die Maskenaffäre verursachte Glaubwürdigkeitskrise und große Schwierigkeiten bei der Merkel-Nachfolge.

Schließlich wendet sich Lanz einer anderen Frage zu, die er ebenfalls hartnäckig verfolgt: Wie denn eine Entscheidung zur Corona-Politik fallen soll, wenn wegen der Osterfeiertage die verlässlichen Daten über das Infektionsgeschehen fehlten. Die beiden Gesundheitsfachleute in der Runde scheinen kaum mit ihren Erläuterungen dafür durchzudringen, warum die fehlenden Daten nicht der Punkt sind. „Man darf sich jetzt nicht dumm stellen“, sagt Karl Lauterbach. Selbst wenn die Infektionsdaten etwas gesunken sein sollten, seien sie immer noch zu hoch, befindet auch Christiane Woopen. „Die Erwartung an die Politik ist, mit einer Stimme zu sprechen, sich um unsere Zukunft zu kümmern und verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen“, sagt Woopen.

Als Ziemiak berichtet, Laschet und Söder seien jetzt einer Meinung, winkt Karl Lauterbach ab. „Total ermüdend“, sagt er. „Wir reden darüber, wer die Entscheidungen zu treffen hätte, statt sie zu treffen.“ Lauterbach hält einen Lockdown für die richtige Entscheidung, allerdings nicht in Verbindung mit der Hoffnung auf Impferfolge, die Armin Laschet zuletzt schürte. „Bei der Menge an Impfstoff, die wir haben, ist die Impfstrategie völlig unerheblich“, sagt der SPD-Gesundheitsexperte. Er empfiehlt, die zweite Impfdosis zu verschieben, damit mehr Menschen überhaupt geimpft werden können. Auf diese Weise könnte seiner Rechnung zufolge jeder Erwachsene bis zum 1. Juli ein Impfangebot bekommen. Ein Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen würde dabei einen Vorsprung beim Infektionsgeschehen und Schutz vor der Virusvariante B.1.1.7 gewähren, von der Lauterbach zufolge die 30- bis 60-Jährigen „dramatisch gefährdet“ seien.

Die Vorsitzende des Europäischen Ethikrats fasst zusammen: „Das Problem ist ja eben, dass tagesaktuell entschieden wird, statt vorauszuschauen.“ Woopens Eindruck nach wurde nach der ersten Welle aufgehört, mittel- und langfristig zu denken. Sie fordert den raschen Aufbau eines Sicherheitsnetzes aus einer flächendeckenden digitalen Infektionskettennachverfolgung und Testmöglichkeiten überall. Dazu kann sie sich Öffnungen nach einem Prinzip vorstellen, das der Expertenrat in NRW bereits seit Anfang März empfehle: nicht nach Branchen, sondern danach, wo diese Sicherheitsmaßnahmen implementiert seien. Zudem empfiehlt Woopen den Politikern, gleich noch zwei oder drei Monate weiterzudenken – und mit einer Außenministerkonferenz Regeln für Reiseländer zu koordinieren.

Dieser Beitrag ist zuerst bei RP Online erschienen.