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Karl Lauterbach bei Markus Lanz: Testzentren waren Einladung zum Betrug

Markus Lanz : Karl Lauterbach: „Wir impfen gegen die Zeit“

Was lässt sich aus dem überraschendem Pandemie-Ausbruch von Taiwan lernen? Markus Lanz und seine Gäste diskutieren auch über Impfpriorisierung, Kinder und den Betrug in deutschen Testzentren.

Darum ging es

Impftempo, Priorisierung, Taiwans neue Corona-Situation und die Vorgänge in deutschen Testzentren – Karl Lauterbach spricht bei Markus Lanz im ZDF am Abend von Betrug in einer Größenordnung von 70 Millionen Euro.

Die Gäste

  • Matthias Sander, Journalist für die „Neue Zürcher Zeitung“ in Taiwan
  • Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte
  • Anke Richter-Scheer, Fachärztin für Innere Medizin, Leiterin des Impfzentrums Minden-Lübbecke
  • Christina Schmidt, Redakteurin der „Zeit“ 

Der Talkverlauf

Als „Insel der Glückseligen“ bezeichnet Markus Lanz Taiwan, das 253 Tage ohne neue Infektion hinter sich hat und lange Vorbild war, ehe es vor drei Wochen mehrere hunderte neue Fälle gab. Matthias Sander, der aus Taipeh für die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, bestätigt, dass sein Berichtsgebiet lange eine Art „Corona-Weltmeister“ war, unterstützt durch Disziplin und strenge Einreiseverbote. Der neue Ausbruch werde unter anderem zu Quarantäne-Lücken bei Piloten zurückverfolgt.

Problematisch sei jetzt aber vor allem, dass nicht genug Impfstoff zur Verfügung stehe. Taiwans Staatspräsidentin zufolge liege das auch daran, dass sich China in die Impfstoffkäufe des Landes eingemischt habe, sagt Sander. Gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung des Inselstaates ist geimpft.

Impfen sei aber das wichtigste Gebot, weiß Karl Lauterbach, der sich auch in Asien gut auskennt und weiß: „Die Pandemie ist erst vorbei, wenn sie überall vorbei ist.“ Sonst müsse sich Taiwan weiter komplett abschotten wie bisher. Wenn neue Varianten ins Land käme, werde „das wie ein Lauffeuer gehen“, warnt der SPD-Politiker. Dann werde es für Taiwan und ähnlich operierende Länder immer schwerer, die Bevölkerung zu schützen.

Ohne Impfung sei die Abschottungsstrategie über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt. Auch die rasche Ausbreitung der indischen Variante zeige, wie sich das Mutationsgeschehen beschleunige. Es komme dann auch viel mehr Bewegung in das Infektionsgeschehen. „Wir impfen gegen die Zeit“, so Lauterbach.

Deutschland habe den derzeitigen, exponentiellen Rückgang neuer Fälle außer dem Impfen und gutem Wetter auch den Schnelltests zu verdanken: „Das Testen hat eine riesige Rolle gespielt“, sagt der Gesundheitsexperte. „Schnelltests sind nicht so super dabei, jede Infektion zu finden, aber das Gold der Tests liegt darin, dass Superspreader zuverlässig entdeckt werden.“

Deutschland wäre gut beraten gewesen, diesen Weg früher einzuschlagen, kritisiert Lauterbach. Das sieht Ärztin Anke Richter-Scheer, die selbst viele Tests durchgeführt hat, ähnlich. Zugleich aber räumt sie ein, viel mehr hätte ihre Praxis nicht schaffen können.

Markus Lanz empört sich über die betrügerischen Machenschaften, bei denen Impfzentren offenbar Tests abrechneten, die sie gar nicht durchgeführt hatten. Lauterbach schätzt: Wenn bei einem Testpreis von 18 Euro die Zentren zehn Prozent Tests abgerechnet hätten, die sie nicht gemacht hätten, läge der Betrug bei einer „Größenordnung in Höhe von 70 Millionen Euro“ oder mehr. Seiner Ansicht nach war die Struktur der Zentren extrem betrugsanfällig, sogar Friseure und Bars seien in einer Art Goldgräberstimmung ja plötzlich zu Testorten geworden.

Es sei „auf Tempo gearbeitet worden, und man hat sich drauf verlassen, dass das gut geht“, sagt Lauterbach und ergänzt: „Das war eine Einladung zum Betrug.“ Richter-Scheer stimmt ihm zu: „Die Kontrolle hat gefehlt.“

Große Fragezeichen sieht Markus Lanz in der Ansage der Regierung, dass sich nun 12- bis 15-Jährige um Impftermine „bemühen“ sollten, obgleich die Ständige Impfkommission noch keine klare Empfehlung für das Impfen von Kindern ausgesprochen hat. Werde dafür nun „zusätzlich“ Impfstoff bereitgestellt, oder kämen andere zu kurz? Richter-Scheer erklärt, sie arbeite immer noch in einer Situation, in der nicht genügend Impfstoff vorhanden sei.

Werde nächste Woche die Priorisierung aufgehoben, ändere sich die Erwartungshaltung der Leute. Sie aber müsse trotzdem weiter entscheiden, wen sie mit dem vorhandenen Impfstoff zuerst versorge – Ein chronisch krankes Kind würde sie dann beispielsweise vor einem gesunden 29-Jährigen impfen.

Lauterbach sähe es gerne, wenn die Kinder vor dem Schulstart im Herbst geimpft seien, wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) kürzlich vorgeschlagen hat. Seien Kinder bis dahin nicht geimpft, werde man angesichts neuer Varianten „riesige Ausbrüche auch in den Schulen sehen“, prophezeit Lauterbach. Aus Staaten mit niedriger Impfleistung wisse man: „Bei Ungeimpften gehen die neuen Varianten ab wie Schmidts Katze“.

Lanz bemängelt, es „hapert immer wieder an der Kommunikation“, nicht nur bei Empfehlungen zu den Abständen zwischen den Impfungen, sondern auch bei dem, was Regierung einerseits und Mediziner andererseits zu Risiken und Prioritäten für Kinder sagten.

Journalistin Christina Schmidt erklärt, das spannende am Politikbetrieb sei, dass er eigenen Logiken und Dynamiken folge. Corona sei eines der wenigen Themen, das wirklich alle Menschen betroffen habe. Da bleibe derzeit aber „viel Unruhe und Unzufriedenheit“ zurück. Sie wünscht sich eine „neue Form von Politik und Rückkoppelung“, die viele Vorgänge vielleicht besser erklären könnte. Ist das nun Wahlkampf, der da schon die Politiker und ihre Ansagen beeinflusst, fragt sich Lanz – und Lauterbach gibt ihm die Antwort: „Vorwahlkampf.“