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Drehbuchautor: „Menschen um die Ecke“ - Wolfgang Kohlhaase wird 90

Drehbuchautor : „Menschen um die Ecke“ - Wolfgang Kohlhaase wird 90

Wolfgang Kohlhaase zählt zu den wichtigsten Drehbuchautoren der deutscher Filmgeschichte. „Solo Sunny“ stammt von ihm, genauso wie „Sommer vorm Balkon“. Nun wird Kohlhaase 90 - und sinniert über neuen Filmstoff.

Die „Menschen um die Ecke“ haben es ihm angetan. Geschichten aus dem Leben, erzählt ohne viel Schnörkel, direkt und klar. Auch mal hart, wenn es sein muss. Wolfgang Kohlhaase schreibt sowas in seine Drehbücher.

Daraus werden dann gefeierte Erfolge wie „Solo Sunny“ oder „Sommer vorm Balkon“. Mit fast drei Dutzend solcher Arbeiten hat sich Kohlhaase in der deutsch-deutschen Filmgeschichte zu einem der wichtigsten Drehbuchautoren mit internationaler Reputation geschrieben. An diesem Samstag (13. März) wird er 90 Jahre alt.

Kohlhaase lebt halb in Berlin. Über sein Leben erzählt er lieber in einer kleinen Gemeinde in Brandenburg, wo er seit fünf Jahrzehnten ein Haus mit prächtigem Garten bewohnt. Auf dem Kachelofen steht der Goldene Bär, den er während der Berlinale 2010 für sein Lebenswerk bekam. Direkt daneben hockt die Goldene Henne seiner Frau Emöke Pöstenyi, die als Solotänzerin des DDR-Fernsehballetts und Choreografin Erfolge feierte.

Kohlhaase spricht über Fenster in seinem Haus, es mündet in einer Erinnerung. „Was du in den ersten sechs Jahren deines Lebens aus dem Küchenfenster siehst, das vergisst du nicht. Davon hängt sehr viel ab.“ Eindrücke sammeln, Erinnerungen umsetzen, Gefühle zulassen.

Seine jungen Jahre sind geprägt vom Zweiten Weltkrieg, den er in Berlin-Adlershof erlebt. „Ich habe versucht zu reden, zu schreiben und auch Filme zu machen über den Hintergrund meiner Kindheit. Das war die Nazizeit, das war der Krieg. Das war das vergeudete Leben meiner Eltern.“

Kohlhaase schreibt für „Start“ oder das FDJ-Blatt „Junge Welt“. Weil „der Filmkritiker wieder mal krank war“, fährt er für die Zeitung raus nach Babelsberg zur Defa, dem zentralen Filmunternehmen der DDR. Diese Welt fasziniert ihn. „Die Schauspieler rochen wunderbar nach dem Staub, den das Scheinwerferlicht verbrannte.“

Er hat wenig Ahnung, aber schnell einen Job als dramaturgischer Assistent. „Dramaturgie war ein mir bis dahin unbekannter Begriff.“ Eines habe er sehr schnell verstanden. „Dramaturgen sind Leute, die anderen Leuten in ihre Sachen reinreden. Das fand ich sehr gut und habe mich mit Zuversicht beteiligt.“

Zwei Filme jährlich will die Defa für ein junges Publikum machen. Die müssen geschrieben werden. „So kam eins zum anderen.“ Kohlhaase lernt den Regisseur Gerhard Klein kennen, „auch ein Kino-Verrückter“, wie er mit einem Nerv für die innere Dramaturgie von Situationen.

Aus Italien schwappt der Neorealismus ins Nachkriegsdeutschland. Es wird eine Entdeckungsreise. „Ich hatte Kino für was Nobles gehalten: Das ist zu Pferde, das sind feinere Leute. Und plötzlich kamen diese Nachkriegsitaliener mit diesem wunderbaren Neorealismus und erzählten die Geschichten von der Straßenecke.“ Der junge Drehbuchautor denkt sich: „Mensch, das geht. Ja, das kannst du auch erzählen.“

Mit Klein realisiert Kohlhaase den Krimi „Alarm im Zirkus“ (1954) und den Halbstarken-Film „Berlin – Ecke Schönhauser...“ (1957), einer der wohl wichtigsten und erfolgreichsten Defa-Filme. Mit dem avantgardistisch angelegten „Der Fall Gleiwitz“ (1961) bekommt das Duo internationale Reputation.

Bei „Berlin – Ecke Schönhauser...“ hatten die DDR-Oberen schon ihre Probleme, der Generationenkonflikt in „Berlin um die Ecke“ war 1965 dann zuviel der Kritik am Sozialismus. Der Film blieb in den Schränken, wie fast die gesamte Defa-Produktion dieses Jahres. „Es war töricht. Es war nicht atemberaubend, sondern Atem wegnehmend“, sagt Kohlhaase.

Es seien Leute weggegangen aus der DDR, „was ich nie vorhatte“. Er sei „verabredet mit dem Ort, in dem ich wohne und mit der Gesellschaft, in die ich eingetreten bin, man ist ja auch mit sich selbst verabredet“. Und mit Freunden, Eltern, Nachbarn, Kollegen.

Ein guter Film ist für Kohlhaase, wenn das Resultat am Ende in der Nähe seines Ausgangspunkt ist, „wo die Ambition entstanden ist, die Vision, der Plan, die Verabredung. Wenn das sich wieder trifft, dann scheint das kein schlechter Film zu sein.“

„Natürlich“ ist „Solo Sunny“ (1980) auch für ihn da weit vorne. „Ich war neunzehn“ (1965) sei ein bleibender Film über den Krieg, der seine Positionen behalten werde. Und der gefeierte „Sommer vorm Balkon“, für den er 2005 die existenzialistisch-alltäglichen Sommerabenddialoge von Inka Friedrich und Nadja Uhl schrieb. Noch einen Film nennt Kohlhaase: Die Tragikkomödie „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ um einen lebenskriselnden Künstler. „Das ist ein Film, der allen, die daran gearbeitet haben, nach wie vor im Herzen wohnt.“

Für Volker Schlöndorff schreibt Kohlhaase nach der Wende „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) über eine in der DDR untergetauchte RAF-Terroristin. Wahrlich deutsch-deutscher Stoff. „Im selben Jahr verschwinden zwei Utopien: eine große und beinahe reale namens DDR und eine romantische und eigentlich irreale namens RAF.“

Für Kohlhaase scheint sein Alter keine Grenze zu sein. „Ich würde gerne noch einen Film machen. Er müsste hinten ran passen an alles, was ich gemacht habe, traurig oder komisch, laut oder leise. Es darf nichts Beliebiges sein.“ Also ist noch ein Film zu erwarten? „Es kann Ihnen passieren“, antwortet Kohlhaase schmunzelnd, „wenn Sie gesund bleiben.“

Reihe Filmmuseum Potsdam

Defa-Filme Kohlhaase

Kohlhaase-Buch „Um die Ecke in die Welt“

Kohlhaase-Buch „Erfindung einer Sprache“

© dpa-infocom, dpa:210312-99-791602/3