Ende der Sommerpause Neue "Tatort"-Episoden starten am Sonntag mit Fall aus Luzern

BONN · Ein Echtzeit-Krimi aus Luzern beendet am Sonntag die Sommerpause der "Tatort"-Reihe. Der Fall mit den Kommissaren Liz Ritschard und Reto Flückiger ist in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht.

 90 Minuten durchgespielt: Die Luzerner „Tatort“-Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser).

90 Minuten durchgespielt: Die Luzerner „Tatort“-Ermittler Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser).

Foto: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

In der langen „Tatort“-Geschichte fristen die Beiträge aus der Schweiz nur ein Schattendasein. Dabei waren die Eidgenossen schon immer für Überraschungen gut. So präsentierten sie gleich zu ihrem Einstieg 1990 einen Fall, in dem sich am Ende der Kommissar als Täter entpuppt. Auch die neue Folge, mit der am Sonntag die „Tatort“-Sommerpause endet, ist innerhalb der Reihe einmalig. Regisseur Dani Levy hat den Luzerner Beitrag „Die Musik stirbt zuletzt“ in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht. Der anderthalbstündige Film kommt ohne Schnitt aus.

Diese One-Take-Technik wurde vor allem durch den Kinofilm „Victoria“ (2015) bekannt. Doch anders als in Sebastian Schippers nächtlicher Berlin-Studie klebt die Kamera im „Tatort“ nicht nur an den Protagonisten. Sie wechselt rasant Schauplätze und Perspektiven. Und wenn mal ein längerer Weg zurückzulegen ist, springt einer der Darsteller (Andri Schenardi) in die Rolle des Conférenciers, der die Übergänge mit launigen Kommentaren überspielt.

Der Großteil der Handlung ist im Kultur- und Kongresszentrum Luzern angesiedelt, wo sich eines Abends die feine Gesellschaft trifft. Dort feiert sich der greise Milliardär Walter Loving (Hans Hollmann) mit einem Benefiz-Konzert des argentinischen „Jewish Chamber Orchestra“ (dargestellt vom Orchester Jakobsplatz München). Die Musiker spielen Werke jüdischer Komponisten, die während der Schoah ermordet wurden. Loving hat im Zweiten Weltkrieg Juden vor den Nazis gerettet – gegen viel Geld. Er gilt als Lichtgestalt, doch auf seiner Vergangenheit liegen dunkle Schatten.

Theatralik und Situationskomik

Die Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) will Loving während des Konzerts demaskieren. Sie erhält vor dem Auftritt Morddrohungen. Doch dann wird ihr Bruder Vincent (Patrick Elias), der im Orchester die Klarinette spielt, Opfer eines Giftanschlags. Die Luzerner Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) wird als Besucherin zufällig in den Fall hereingezogen. Bald eilt ihr Kollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) zur Seite, sichtlich betrübt darüber, dass man ihn von einem Fußballspiel weggeholt hat. Das Orchester spielt weiter, und hinter den Kulissen kommt es zu dramatischen Zuspitzungen und bald auch zu weiteren Opfern.

Dani Levy hat eine gehörige Portion Theatralik beigemischt, aber auch etwas Situationskomik – etwa dann, wenn Flückiger einen Flüchtigen in Flip-Flops durch einen Bahnhof verfolgt. Als Krimi folgt dieser neue „Tatort“ ganz klassischen Whodunnit-Regeln. Das Aufregende ist hier vielmehr die Machart, durch die der Zuschauer unmittelbar in die Atemlosigkeit des Geschehens gezogen wird. Dem Filmemacher Levy („Alles auf Zucker“) gelingt in technischer und logistischer Hinsicht eine Meisterleistung. Allein deshalb lohnt sich dieser „Tatort“.

Neue „Tatort“-Saison mit neuen Gesichtern

Eigentlicher Star des Films ist Kameramann Filip Zumbrunn, der punktgenau die Darsteller an ihren Positionen erwischt. Dynamisch bewegt er sich durch Foyers, Säle, Flure und Treppenhäuser, über Straßen und Bahnsteige. Neben den Hauptakteuren wirken Hunderte Komparsen mit. Gewöhnlich werden die Schweizer „Tatorte“ auf Schwizerdütsch gedreht und für die deutsche Publikum synchronisiert. Dadurch wirken die Schweiz-„Tatorte“ bisweilen hölzern. Für den Echtzeit-Film hat Levy jedoch auf Synchronisation verzichtet. Er drehte nach wochenlangen Proben zwei Fassungen: eine schweizer- und eine hochdeutsche.

Mit dem Beitrag aus Luzern startet der „Tatort“ in die neue Saison. Teilweise mit neuen Gesichtern: Am Kieler „Tatort“ tritt Almila Bagriacik die Nachfolge von Sibel Kikelli an, in Dortmund ersetzt Rick Okon Stefan Konarske. 2019 geben dann die Teams aus Bremen, Saarbrücken und Luzern ihren Abschied. Erhalten bleibt dem „Tatort“ hingegen Til Schweiger, trotz mieser Quoten. Im Gespräch ist ein neuer Fall, der von den Machern des Rostocker „Polizeirufs“ verantwortet wird.

Für Experimente bleibt die Reihe weiterhin offen: Aus Stuttgart kommt im Herbst ein Fall, der aus Verdächtigen-Perspektive erzählt ist („Der Mann, der lügt“). Und auch der schillerndste Ermittler kommt Ende des Jahres wieder auf den Bildschirm. Ulrich Tukur durchlebt in „Murot und das Murmeltier“ den selben Tag sieben Mal – eine Anspielung auf den Klassiker „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr. Mehr zum Thema Tatort: ga.de/tatort

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