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"Ohjaaa! - Sex lieben": WDR-Magazin - Annabell Neuhof und Yared Dibaba im Interview

WDR-Podcast „Ohjaaa! - Sex lieben“ : „Tatsächlich ist es Übungssache, über Sex zu sprechen“

Als WDR-Podcast gibt es „Ohjaaa! - Sex lieben“ schon seit ein paar Monaten. Nun startet das Magazin mit Annabell Neuhof und Yared Dibaba auch als sechsteilige TV-Staffel. Im Interview erzählen die beiden von intimen Workshops, Schamgrenzen und geben Tipps, wie Kommunikation über Sex unverkrampft gelingen kann.

Das Magazin „Ohjaaa! – Sex lieben“ startet jetzt in eine sechsteilige TV-Staffel. Wie kam es zum Formatwechsel von Podcast ins Fernsehen?

Annabell Neuhof: Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen habe ich mir das Format überlegt. Es war grundsätzlich immer schon als TV-Magazin und Podcast gedacht. Neue Formate brauchen in der Entwicklung im Fernsehen aber oft länger als im Hörfunk. Deswegen haben wir erstmal mit dem Podcast begonnen, nachdem wir im letzten Winter die Pilotfolge zum Thema Solosex gedreht hatten. Den Podcast haben wir auch dazu genutzt, uns warmzulaufen. Denn tatsächlich ist es Übungssache, über Sex zu sprechen.

Yared Dibaba: Je öfter ich über Sex spreche, desto leichter fällt es mir. Der Podcast war ein gutes Testgelände für mich, um auszuprobieren, wie ich eigentlich öffentlich über Sex rede. Gerade bei der ersten Folge habe ich gemerkt, wo ich Scham empfinde, wo meine Grenzen sind. Es ist wichtig zu wissen, wie offen ich sprechen kann, wie viel ich von mir preisgebe. Es geht ja auch um Intimität. Ich hoffe, das macht auch vielen anderen Menschen Mut. Dabei muss es gar nicht ins Detail gehen. Je mehr, je öfter wir über Sex sprechen können, desto besser. Nur, wenn wir offen über Probleme reden, können wir diese Probleme beheben.

Ihr redet nicht nur miteinander über Sex, sondern sucht auch das Gespräch mit Experten und probiert verschiedene Dinge selbst aus. Du, Annabell, warst zum Beispiel bei einer intimen Massage oder hast Erfahrungen mit dem Zervix-Orgasmus gesammelt.

Neuhof: Ich will nicht nur reden, sondern suche diese persönliche Herausforderung ganz bewusst. Wir wollen auch Erfahrungen machen und nehmen dazu an Workshops teil, bekommen Coachings. Vor manchen Terminen war ich wahnsinnig aufgeregt, habe in der Nacht nicht geschlafen und mich gefragt: Wie wird das? Wie wird über mich geurteilt, wenn ich so etwas mache?

Und?

Neuhof: Bisher war das Feedback sehr positiv - auch von Menschen, die schon älter sind. Wenn ich höre, dass ich jemanden motivieren konnte, sich mit seiner oder ihrer Sexualität auseinanderzusetzen, bewegt mich das sehr. Insbesondere bei Frauen, für die es noch ein bisschen schwieriger ist, sich bewusst damit zu beschäftigen. In unserer Gesellschaft hat eine Frau, die zu ihrer Lust steht, ja schnell dieses Schlampenstigma. Dadurch, dass ich in meinen persönlichen Erfahrungen diese Prozesse stark reflektiere, lerne ich, wie viel ich vorher nicht wusste, wie sehr es mir hilft, mich auf diese Wege zu begeben. Das mache ich gern auch stellvertretend für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer.

Dibaba: Ja, so etwas kostet Überwindung. Es verjüngt aber auch. Wir gehen neugierig an die Sache heran, das hat auch etwas Prickelndes und Belebendes. Außerdem sind wir ja zu zweit, können uns also austauschen. Und wenn ich mich nicht traue, kann ich Annabell vorschicken (lacht).

Annabell wirkt in den ersten Folgen der Staffel etwas offener als du, Yared. Sie probiert verschiedene Kurse aus, während du dich eher theoretisch mit Themen wie der Prostatamassage beschäftigst.

Dibaba: So, wie wir im Magazin zu sehen sind, so sind wir wirklich. Das ist alles echt und authentisch. Ich bin 52 Jahre alt, ich bin anders aufgewachsen, anders sozialisiert als Annabell. Ich habe da ein anderes Tempo. Das Format lebt auch davon, dass wir beide unterschiedlich sind.

Neuhof: Die Idee für das Magazin habe ich entwickelt, ich hatte daher schon einen gewissen Vorsprung. Das war uns von Anfang an klar. Das Format soll keinesfalls künstlich oder konstruiert wirken, sondern voll aus uns herauskommen. Deshalb ist uns auch wichtig, niemanden zu überfordern. Vieles entwickelt sich aber auch im Laufe der Staffel. Wir haben zum Beispiel vor Kurzem zusammen an einem Workshop zum Thema Lust teilgenommen. Ich weiß nicht, ob du das Anfang des Jahres schon gemacht hättest, Yared.

Dibaba: Wenn wir sehen, dass es Schamgrenzen gibt, ist das okay. Es geht ja nicht darum, olympische Rekorde aufzustellen.

Neuhof: Schamgrenzen erzählen etwas über uns persönlich, aber auch über unsere Gesellschaft. Wie wird Sexualität behandelt? Es gibt versteckte Glaubenssätze in unseren Köpfen, die es schwer machen, uns dem Thema mit Leichtigkeit zu widmen. Wir wollen zeigen: Hey, du musst dich nicht für deine Scham schämen. Es hat Gründe, dass du die hast.

Was dürfen Zuschauerinnen und Zuschauer von der Staffel erwarten?

Dibaba: Wir haben zum Beispiel eine Folge zum Thema Lust. Ich kann jedem empfehlen, sich auf das Thema einzulassen – nicht nur im Bereich Sexualität, sondern in vielen Bereichen des Lebens.

Neuhof: Die Folge ist wirklich amüsant, anschauen lohnt sich. Ende des Jahres erscheint dann eine Folge zum Thema Pornos. Da hatten wir ein großes Aha-Erlebnis, als Yared und ich am Set eines feministischen Pornodrehs waren. Vorher konnte ich mit Pornos nicht viel anfangen, habe das eher kritisch gesehen. Vor Ort haben wir gelernt, wie ein Porno gedreht werden kann, so dass bereits der Dreh inspirierend ist. Da wurden persönliche Wünsche verhandelt und persönliche Grenzen. Diese unglaublich respektvolle Atmosphäre hat mich sehr beeindruckt und meinen Blick auf Pornos verändert.

Dibaba: Das war wirklich ein Moment, in dem ich viel gelernt habe. Vorher hatte ich ein komplett anderes Bild. Beim Dreh eines Hardcore-Pornos mit echten Menschen am Set zu sein und dort so eine wertschätzende Atmosphäre zu erleben, war mir völlig neu. Das hat noch viele Tage nachgewirkt.

Teils sind im Magazin sehr explizite Bilder von anderen Menschen zu sehen. Wenn du, Annabell, an einem Workshop teilnimmst, bleibt die Kamera aber außen vor. Warum?

Neuhof: Das ist eine bewusste Entscheidung, da ich in so einem Workshop sehr Persönliches erlebe. Oft sind es auch die Workshop-Leiterinnen, die keine Kamera dabei haben wollen. Sie und ich brauchen einen geschützten Raum, da in ihren Workshops sehr intime Dinge passieren. Das würde nicht funktionieren, wenn eine Kamera dabei ist, dann kannst du nicht abschalten. Ich möchte das auch nicht. Es ist ein so persönlicher Teil meiner Sexualität, den ich für die Sendung erlebe. Bilder von solchen Situationen sind mir zu privat. Andere Menschen entscheiden das anders und ich respektiere das, aber für mich persönlich kommt das zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Frage. Ich spreche aber in der Sendung und im Podcast über meine Erfahrungen und lasse das Publikum auf diese Weise daran teilhaben.

Ihr habt beide Kinder. Was sagen die dazu, dass Mama und Papa im Fernsehen über Sex reden?

Neuhof: Meine Kinder sind noch kleiner, sie verstehen das noch nicht richtig. Die wissen, Mama ist im Fernsehen, aber das Thema spielt für sie noch nicht so eine Rolle. Sie sind gerade in einem Alter, in dem die Aufklärung langsam beginnt.

Dibaba: Für meine Kinder ist das ganz normal, was ich sehr gut finde. Der Größere ist schon volljährig, ihm gefällt die Sendung.

Das klingt, als ginge es bei euch zu Hause ganz unverkrampft zu. Habt ihr Tipps, wie das Gespräch über Sexualität mit Kindern gelingen kann?

Neuhof: Wir haben für „Ohjaaa!“ ja das Vergnügen, mit Sexualtherapeutinnen und -therapeuten zu sprechen. Die haben uns geraten, nicht das große Aufklärungsgespräch anzuberaumen. Das ist allen Beteiligten unbehaglich. Erste Fragen kommen automatisch, die sollten Eltern im Tempo der Kinder beantworten. Das hilft schon mal, weil das Thema dann selbstverständlich aufkommt. Ein Experte hat empfohlen, passende Literatur im Haus zu haben. Die liegt dann herum, das ist ein niedrigschwelliges Signal, dass es dieses Thema gibt und wir darüber reden können.

Dibaba: Es hilft auch, vorbereitet zu sein und sich vorab zu informieren, was man sagen und zeigen kann und was nicht. Was man nicht machen sollte, ist sich mit den Kindern an den Computer zu setzen und zu googlen. Da tauchen dann schnell unerwünschte Bilder auf.

Neuhof: Eltern sollten sich klarmachen: Es sind Sachfragen. All das, was bei uns Erwachsenen beim Thema Sexualität mitschwingt, findet bei Kindern noch nicht statt. Für sie macht es keinen Unterschied zu erfahren, wie die Milch aus der Kuh kommt oder wie ein Baby gemacht wird. Sie wollen einfach wissen, wie das funktioniert. Sich das klarzumachen, ist sehr erleichternd.

Und wie kann das Gespräch unter Erwachsenen – beispielsweise mit Freunden oder dem Partner – unverkrampft gelingen?

Neuhof: Ich merke, dass es uns an Kompetenz fehlt, über Sexualität zu reden. Wenn ich das mit Freunden oder dem Partner übe, wird das zu einem Terrain, auf dem ich mich sicherer fühle. Die „Ohjaaa!“-Zuschauerinnen und Zuschauer sehen an uns, dass es nicht immer leicht fällt, darüber zu sprechen, aber durchaus Spaß machen kann. Im besten Falle geht das Gespräch über Sexualität nach der Sendung im Wohnzimmer der Zuschauer und Zuschauerinnen weiter.

Dibaba: Ich glaube, wenn man „Ohjaaa!“ guckt, macht es Gespräche schon einfacher. Wir haben Fakten und Expertinnen dabei. Die bringen Sachen inhaltlich auf den Punkt, da wird nicht drumherum gesprochen. Ich merke an mir selbst, dass ich von Folge zu Folge offener und lockerer werde. Ich spreche jetzt im Freundes- und Jobkreis ganz offen über das Thema, das hätte ich vorher nie gedacht. Was hilft: Sexualität nicht als Pfui sehen, sondern als etwas Schönes, eine Schatztruhe.

Neuhof: Wenn wir privat über Sexualität reden, dann oft erst, wenn wir müssen. Mit „Ohjaaa!“ verfolgen wir den Ansatz, positiv auf das Thema zu blicken und Sexualität noch schöner zu machen. Das heißt auch, ins Gespräch einzusteigen, bevor ein Problem auftritt. Das kann dann viel leichter sein. Ich finde auch hilfreich, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern zu sagen, dass man sich austauschen möchte und zu fragen, ob das für das Gegenüber okay ist.

In der Theorie klingt das alles sehr simpel…

Neuhof: Mir hat es geholfen, den Schalter in meinem Kopf umzulegen. Ich lege moralische Urteile ab, möchte einfach mehr über Sexualität erfahren, mehr wissen. Ich hoffe, dass wir mit der Sendung auch unseren Zuschauern und Zuschauerinnen diesen Perspektivwechsel ermöglichen.

Dibaba: Ich finde, dass die Sendung einen guten Beitrag dazu leistet, dass wir in Partnerschaften – welcher Art auch immer – lernen, mehr aufeinander einzugehen. Das bringt uns mehr zusammen und ist auch eine sehr gute Inspiration für Liebe und Sex.

Neuhof: Das sehen unsere Zuschauerinnen und Zuschauer ja auch: Ab und zu mal lachen wir aus Verlegenheit - meistens aber, weil Sexualität ein Thema ist, das unglaublich viel Freude bereitet.

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