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„Abstand heißt Einsamkeit“: Pflegerinnen wehren sich gegen Abstandsgebot in Altenheimen

„Abstand heißt Einsamkeit“ : Pflegerinnen wehren sich gegen Abstandsgebot in Altenheimen

„Es ist jederzeit und von jeder Person in der Einrichtung grundsätzlich ein Abstand zu weiteren Personen von mindestens 1,5 m einzuhalten“, heißt es in den Corona-Schutzverordnungen. Altenpflegerinnen finden diesen Zustand gerade bei der Arbeit „untragbar“ - und haben nun eine Petition gestartet.

Früher verbrachten sie jeden Tag miteinander. Die beiden Damen, jeweils fast 100 Jahre alt, lernten sich im Pflegeheim kennen und wurden enge Freundinnen. Bekam die eine Besuch von Angehörigen, kam die andere mit. Die Fittere schob den Rollstuhl der Schwächeren. So konnten sie sich treffen und die Rollstuhlfahrerin etwas Freiheit und Mobilität zurückgewinnen. Dann kam die Corona-Pandemie.

Mit Corona kam die Abstandsregel - und diese schränkt die Freundschaft über die Maßen ein. Das sehen jedenfalls drei Pflegekräfte eines Seniorenheimes im fränkischen Coburg so. Deshalb haben sie eine Petition an den bayerischen Landtag gestartet, die genau solche Freundschaften in Pflegeheimen wieder ermöglichen soll. Ihr Ziel: Die Heimbewohnerinnen und -bewohner sollen unter sich nicht mehr den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten müssen.

In der Allgemeinverfügung der bayerischen Staatsregierung zum Vollzug des Infektionsschutzgesetzes vom 22. Mai 2020 heißt es zu Pflegeheimen: „Es ist jederzeit und von jeder Person in der Einrichtung grundsätzlich ein Abstand zu weiteren Personen von mindestens 1,5 m einzuhalten.“ Die Altenpflegerin Gabriele Schier findet diesen Zustand „untragbar“ und hat deshalb mit zwei weiteren Altenpflegerinnen an den Landtag die Eingabe unter dem Titel „Abstand heißt Einsamkeit“ auf den Weg gebracht.

In der Petition gehen die drei Pflegekräfte auch genauer darauf ein, wie das Abstandsgebot zum Beispiel die beiden befreundeten Seniorinnen belastet. Auf 1,5 Meter Distanz seien Gespräche durchs schlechte Hören fast unmöglich, der Rollstuhl könne so nicht geschoben werden. Auch die gesetzmäßige Mindestfläche eines Bewohnerzimmers gebe den gebotenen Abstand nicht her.

Meist leben die Senioren in Altenheimen in bestimmten Wohnbereichen, kommen wie in einer Wohngemeinschaft zum Essen zusammen. „Das sind doch familienähnliche Strukturen“, argumentiert Altenpflegerin Schier, und Familien müssten ja in ihren Wohnungen auch keinen Mindestabstand einhalten oder Masken tragen. Die Demenzkranken verstünden erst recht nicht, was geschieht: „Sie wollen sich unterhalten und Händchen halten und wir müssen sie trennen, das ist unhaltbar.“

Die Petition richtet sich nicht grundsätzlich gegen Corona-Schutzmaßnahmen. Aber: „Ohne Kontakt fehlen Spaß und Motivation“, wird darin beklagt. Das hinterlasse Spuren: Der kognitive, körperliche und gesundheitliche Abbau der Senioren schreite voran. Gemeinsame Aktivitäten seien kaum mehr möglich - der Abstand schaffe unüberwindbare Hürden, „die nicht vereinbar sind mit unseren sozialen Grundbedürfnissen“, sagen die Pflegerinnen.

Das Abstandsgebot in den Heimen sei nicht auf Bayern beschränkt, sondern „quer durch die Bundesrepublik gültig“, erklärt David Kröll von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen e.V. (BIVA) in Bonn. Dort hält man die Forderung der drei Pflegerinnen für „vernünftig“. Die Frage, ob die Abstandsregelung für einen bestimmten Wohnbereich rechtlich angreifbar ist, sei schwierig zu beantworten, prinzipiell aber sei dies denkbar. Kröll: „Wahrscheinlich müsste aber ein Wohnbereich bestimmte Kriterien erfüllen, damit er vergleichbar mit einem Privathaushalt eingeschätzt würde.“

Die Petition geht nach ihrer Einreichung beim bayerischen Landtag in den zuständigen Ausschuss und wird dort beraten. Das Gesundheitsministerium erklärte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Der Bayerischen Staatsregierung ist sehr wohl bewusst, dass gerade für ältere Menschen der Körperkontakt wichtig ist. Aber pflegebedürftige Menschen zählen aufgrund ihres Alters und etwaigen Vorerkrankungen zur besonders vulnerablen Personengruppe, die in besonderem Maße zu schützen ist.“

(epd)