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Apotheken und Ärzte öffnen wieder: So läuft die medizinische Versorgung in den Flutregionen

Apotheken und Ärzte öffnen wieder : So läuft die medizinische Versorgung in den Flutregionen

In rund 130 Arztpraxen an Ahr, Rur, Swist und Erft können derzeit keine Patienten behandelt werden. Laut Gerda Hasselfeldt vom Deutschen Roten Kreuz ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung im Ahrtal in ausreichendem Maße vorhanden.

Manchmal ist es vielleicht nur eine kleine Schnittverletzung oder ein hartnäckiger Husten, manchmal aber auch etwas Ernsteres. Zu normalen Zeiten ist klar, was zu tun ist. Entweder geht es zur Apotheke oder zum Hausarzt. Doch in den Flutgebieten sind die Zeiten nicht normal. Laut Ärzteorganisation Marburger Bund können in rund 130 Arztpraxen an Ahr, Rur, Swist und Erft keine Patienten behandelt werden. Und auch etwa 70 Apotheken bleiben geschlossen. Allein in Bad Neuenahr-Ahrweiler und in Altenahr sind laut Landesapothekerkammer Rheinland-Pfalz neun von elf Apotheken noch nicht wieder regulär am Start.

Eine von ihnen ist die Maxmo-Apotheke von Daniel Reuschel in Bad Neuenahr direkt an der Ahr, von der kaum etwas übrig geblieben ist. 2015 hat er sie gekauft. Ob er sie jemals wieder öffnen könne, wisse er nicht. Die Kredite seien längst nicht abbezahlt. Das Wasser habe seine wirtschaftliche Existenz zerstört, zumal auch sein zweites Standbein, die Apotheke im Bonner Maximiliancenter, seit Wochen geschlossen sei. „Im Moment sehe ich keine Zukunft“, sagt er. Auch seinen fünf Mitarbeitern habe die Flut das Zuhause und die Arbeit geraubt. Seine Frau, mit der er einen sieben Monate alten Sohn hat, sammelt derweil Spenden. „Jetzt warten wir auf das, was die Politik bereitstellt und hoffen, dass die Versicherung uns unterstützt“, so Reuschel. 

Mehr Glück hatte Gustaw Reimer,  Besitzer der Vitahris-Apotheke an der Bergstraße. Seit Donnerstag hat er wieder geöffnet, „und die Kunden sind sehr dankbar“, sagt er dem GA. Im Keller habe das Wasser zwar 1,70 Meter hoch gestanden, aber die Verkaufsräume seien weitgehend unversehrt geblieben.

Alles laufe sehr unkompliziert, sagt Reimer. Er selbst vermittle Patienten, die wegen Zahn- oder anderer Schmerzen Hilfe suchen an die Mediziner, die noch oder schon wieder praktizieren. Am Donnerstagmorgen sei ein Arzt auf ihn zugekommen, der interimsmäßig für ein Pflegeheim zuständig sei, und habe ihn gebeten, Medikamente zusammenzustellen. Die Rezepte kämen später. „Das läuft alles auf Vertrauensbasis.“ Weil seine drei Boten ausgefallen seien, hätten die Johanniter die Fahrt zum Heim übernommen. „Es entsteht hier gerade eine provisorische Gesundheits-Infrastruktur“, berichtet der Apotheker.

Drei ambulante Praxen

Dazu gehört, dass Doris Wettmann von der Apothekerkammer täglich neue Notdienstpläne erstellt und an Ärzte, Gesundheitsämter und Hilfsorganisationen im Ahrtal verschickt. Von einer kommt an diesem Tag eine wichtige Ansage: „Wir bleiben auf jeden Fall, solange die Menschen die Hilfe nötig haben“, sagt die Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Gerda Hasselfeldt bei einem Besuch. Und sie sagt auch, die medizinische Versorgung der Bevölkerung sei wieder in ausreichendem Maße vorhanden. Dazu tragen auch drei ambulante Arztpraxen bei. Eine steht auf dem Bahnhofsvorplatz in Ahrweiler. Dort bieten zwölf Ärzte aus dem Krankenhaus Maria Hilf in zwei Schichten von 8 bis 18­ Uhr ambulanzärztliche Leistungen aller Art an.

Für zunächst zwei Wochen übernehme die Klinik die Besetzung der ambulanten Praxis, sagte der ärztliche Leiter Peter Maas. „Von Stunde zu Stunde verbessert sich hier die medizinische Infrastruktur, sodass wir uns langsam einer ganz normalen Arztpraxis annähern.“ Wobei er zugibt, dass die äußeren Verletzungen bei den Patienten, die in der ambulanten Arztpraxis vorstellig werden, eher gering seien. „Aber wenn sie sich zum ersten Mal nicht mehr um sich selbst kümmern müssen und die Erfahrungen aus der Extremsituation des Hochwassers plötzlich mit aller Macht hochkommen, brechen bei manchen Patienten alle Dämme.“ Dann sei eine einfühlsame psychologische Betreuung wichtig, die vom Psychosozialen Dienst übernommen werde.

Krankenhaus wieder fast vollständig im Einsatz

Auch das Krankenhaus selbst, dessen stationärer Teil vorübergehend stillgelegt wurde, ist wieder fast vollständig im Einsatz. „Wir haben die Ambulanzen in den Bereichen Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie und Urologie geöffnet und sind sieben Tage die Woche jeweils 24 Stunden für die Patienten einsatzbereit“, sagt Chefarzt Professor Jörg Heller. Das Krankenhaus in Bad Neuenahr sei wieder erste Anlaufstelle für alle akuten Notfälle, die Computertomografie sei ebenso wie die Röntgenabteilung betriebsbereit. Sogar die Wundversorgung und das Eingipsen von Brüchen sei problemlos möglich.

In absoluten Notfällen könne sogar vor Ort operiert werden, doch im Allgemeinen werden Patienten, bei denen ein chirurgischer Eingriff nötig ist, in das nächstgelegene Krankenhaus weiterverlegt. Wenn alles nach Plan laufe, werde man das Krankenhaus Maria Hilf am 2. August auch stationär wieder eröffnen. Derzeit werde mit Hochdruck an der Reparatur des Abwasserkanals gearbeitet.

Michael Berbig, Vorsitzender des Ärztenetzes Kreis Ahrweiler, freut sich zudem, dass auch eine Reihe von niedergelassenen Ärzten entlang der Ahr ihre zwischenzeitlich geschlossenen Praxen wieder geöffnet haben. Es handelt sich in Ahrweiler um die Praxen Berbig/Konrads, Jerusalem, Thomas Gies sowie die Gemeinschaftspraxis Friedel im Seniorenheim Sankt Anna. In Bad Neuenahr sind es die Praxen Meinke, Amberger, Wahisi und Bauer. In Bad Bodendorf ist auch das Medizinische Versorgungszentrum Ahrtal wieder in Betrieb.