Immer wieder Russland Warum Estland besorgt in Richtung Ukraine schaut

Bonn · Einst herrschten die Zaren in Estland, dann die Sowjets. Jetzt marschieren die Russen wieder – und in der kleinen Republik im Baltikum gibt es große Unruhe.

  Demonstration in Estlands Hauptstadt Tallinn  nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022, dem estnischen Unabhängigkeitstag.

Demonstration in Estlands Hauptstadt Tallinn nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022, dem estnischen Unabhängigkeitstag.

Foto: picture alliance / AA/Alessandro Rampazzo

Es ist bitterkalt in Estland in diesem Wintertagen. In der Tallinner Innenstadt stapfen die Besucher zeitweise an meterhohen Schneewällen vorbei, mühsam die Balance auf dem rutschigen Kopfsteinpflaster haltend. Ein Geschäft mit dem vertrauenerweckenden Namen „Natural style“ hält gegen den Frost ein riesiges Angebot an Pullovern, Jacken, Socken und Handschuhen bereit. Die Esten lieben Textilien aus Wolle und Leinen, frostige Temperaturen können sie nicht erschüttern.

Im Untergeschoss, das den meisten Kunden kaum auffällt, stehen dagegen Hunderte von Matrjoschkas jeglicher Größe Spalier und warten darauf, gekauft zu werden – offenbar vergeblich. Die russischen Puppen in der Puppe sind im Baltenstaat kein Verkaufsschlager mehr.

Wie in einer Art volkskundlichem Giftschrank versteckt sich direkt daneben ein Schachspiel. Die Bauern auf der einen Seite tragen die Gesichtszüge sowjetischer und russischer Autokraten: von Lenin über Chruschtschow und Breschnew bis Putin. Die Gegenspieler auf der anderen Seite sind als amerikanische Präsidenten zu erkennen.

So viel politische Folklore fristet derzeit in Estland nur ein Leben als Ladenhüter. Und der Autor aus Deutschland, dessen Familie einige Jahrhunderte in der alten Hansestadt lebte und arbeitete, wird sich in diesem Augenblick nicht nur der estnisch-deutschen Beziehungen bewusst, sondern vor allem auch der unseligen Rolle, die bis auf den heutigen Tag Russland dabei spielte.

In der Familie erinnerte man sich an die Russifizierungspolitik des Zarenreiches gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die russische Sprache wurde zur allbeherrschenden. Schulen, in denen die Deutschbalten in ihrer Muttersprache unterrichtet werden konnten, wurden verboten.

Nach 1900 lockerte sich die nationalistische Politik des Zaren. Esten und Deutschbalten atmeten ein wenig auf. Dem Großvater wurden sogar offiziell Lorbeerkränze gewunden. Pest und Feuer waren schon immer die erbittertesten Feinde Revals gewesen, des heutigen Tallinn. Großvater verhalf der im Übergang zum 20. Jahrhundert zur Industriestadt heranwachsenden ehrwürdigen Hansestadt nicht nur zur Gasbeleuchtung, sondern auch zu einer stets einsatzbereiten Feuerwehr. Dem Zaren Nikolaus II. war dieses bürgerliche Engagement sogar einen Ehrenbürgerbrief wert, der mit den Worten beginnt: „Wir Nikolaus der Zweite, Imperator und Selbstherrscher Russlands, Zar von Polen, Großfürst von Finnland“.

1990 konnte Estland das russische Joch abschütteln

Als das Zarenreich sein Leben aushauchte und bolschewistische Revolutionäre das Heft in die Hand nahmen, musste sich Estland wieder russischer Gefahr erwehren. Gemeinsam mit estnischen Truppen kämpfte das deutschbaltische Regiment um Estlands Souveränität. Der gemeinsame Einsatz endete erfolgreich. Estland wurde ein souveräner Staat. Er endete erneut, als sich Stalin und Hitler im August 1939 in verbrecherischer Kumpanei das Baltikum aufteilten. Estland wurde sowjetische Provinz, die Deutschbalten verloren zwangsweise ihre Heimat. Über 50 Jahre sollten verstreichen, bis Estland 1990 erneut das russische Joch abschütteln konnte.

Als ausgerechnet am 24. Februar 2022 russische Soldaten über die Ukraine herfielen, wurden die traumatischen Erinnerungen auf schockartige Weise wieder lebendig. Der 24. Februar ist Estlands Nationalfeiertag, am 24. Februar 1920 wurde es erstmals unabhängig. 102 Jahre später dauerte es nur Stunden, bis sich auf dem Vabaduse Väljak, dem Freiheitsplatz in Tallinn, Hunderte von Esten einfanden, um ihr Entsetzen über die russische Invasion demonstrativ zu äußern. Und mancher von den Demonstranten wird sich an die düsteren Warnungen von Regierungschefin Kaja Kallas erinnert haben. Bei der EU wird Kallas als „Kassandra aus dem Norden“ gehandelt, weil sie schon früh vor allzu großer Abhängigkeit von russischen Rohstoffen und vor Putins Machtstreben gewarnt hatte. Kein Wunder, dass Putins Reich sie am Dienstag zur Kriminellen erklärte. Offizielle Begründung: „feindselige Handlungen gegen Russland“ und „Schändung des historischen Gedächtnisses“ (weil Kallas die sowjetische Annexion Estlands als „Besatzung“ statt „Befreiung“ bezeichnete, und weil sie die Demontage sowjetischer Kriegerdenkmäler in Estland vorantreibt).

Viel Solidarität mit der Ukraine

Die Solidarität der Esten mit der überfallenen Ukraine zeigte sich in den nächsten Monaten nicht nur in Symbolen. Kaum ein öffentliches Gebäude verzichtete darauf, die Nationalfarben der Ukraine sichtbar zu machen. Flüchtlinge wurden in großer Zahl willkommen geheißen. Zahlreiche Organisationen sammelten Spenden, die unter anderem in den Kauf von Krankenwagen flossen. Für die junge ukrainische Generation wurde ein eigenes Gymnasium ins Leben gerufen.

Die große Unbekannte in dieser Situation war das Verhalten des russischen Bevölkerungsteils. Ein Drittel der 1,3 Millionen Einwohner sind Russen, oft mit russischem Pass (die Karte zeigt die Gemeinden Estlands mit mehr als 50 Prozent russischer Bevölkerung). Beobachter der russischen Szene registrierten zunächst vor allem große Scheu, sich öffentlich zu den Vorgängen in der Ukraine zu Wort zu melden. Im Osten des Landes ist der Anteil an Russen besonders hoch. In Narwa, unmittelbar an der 300 Kilometer langen Grenze zu Russland, fühlt ein Viertel der Menschen pro-russisch und ein Viertel pro-ukrainisch. Der Rest schweigt sich aus.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist russisch

Die vier jungen Frauen, die im Pulla-Café in einer von Narwas kleinen Gassen zwischen Rathausplatz und Pikk-Straße ihren Kakao schlürfen, sprechen miteinander jedenfalls Russisch. Beim Bestellen eines pizzaähnlichen Gebäcks an der Theke sprechen sie die Wirtin aber auf Estnisch an. Anders als sie haben es große Teile der russischen Bevölkerung in 30 Jahren nicht geschafft, die Landessprache zu beherrschen. Der Druck auf die Estnisch-Verweigerer jedoch wächst. Der Anteil des russischsprachigen Unterrichts an den Schulen wird reduziert. Wer nur Russisch kann, hat schon jetzt auf dem Arbeitsmarkt erhebliche Schwierigkeiten.

Estnische Politiker erinnern sich, dass die deutsche Minderheit in den 20er und 30er Jahren keine Probleme hatte, der estnischen Souveränität auch sprachlich Respekt zu erweisen. Englisch- und Deutschunterricht werden gefördert, Russisch soll zurückgedrängt werden. Nicht ohne Stolz und Hintergedanken präsentieren Esten die jüngsten Pisa-Ergebnisse und betonen, dass die ethnisch estnischen Schüler und Schülerinnen sich als den russischen überlegen erwiesen haben.

Das Land hat sich im Lauf der Geschichte oft fremden Mächten beugen oder anpassen müssen: Dänen, Polen, Schweden, Russen, auch Deutschen. Aber keine Erinnerung lastet so schmerzlich auf der Gesellschaft wie die Jahrzehnte der Sowjetdiktatur. Es mutet wie ein Widerspruch dazu an, dass in dieser Zeit viele Russen, auch Pensionäre der Roten Armee, den höheren Lebensstandard und den offeneren Blick nach Westen in der estnischen Sowjetrepublik zu schätzen wussten.

Heute richtet sich der wachsame Blick der estnischen Politik auf dieses russische Drittel der Bevölkerung. Die Regierung will verhindern, dass die Kreml-Propaganda dort wirkt. Die Lügen, die von Russia ­­Today verbreitet werden, können nicht empfangen werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben ein russisches Programm, das staatlich gefördert und von russischen Exilanten seriös gestaltet wird.

Zur Abwehrhaltung der estnischen Gesellschaft gehört auch, dass sich immer mehr junge Leute bei der Bürgerwehr melden: für den Fall der Fälle. Estlands Realpolitiker wissen, dass militärischer Beistand aus Deutschland nur im Ernstfall möglich ist. Trotzdem fühlt sich Estland, wie landeskundige Beobachter versichern, von der Bundesrepublik nicht im Stich gelassen.

Die Trias von Estland, Russland und Deutschland kann sinnfälliger als auf dem Tallinner Domberg nicht illustriert werden. Die Residenz der deutschen Botschafterin war einst Stadtsitz der deutsch-baltischen Adelsfamilie von der Pahlen. Vor 100 Jahren residierte dort Estlands erster Präsident Konstantin Päts. Gleich gegenüber steht die prachtvolle russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale, deren Moskauer Metropolit den Krieg gegen die Ukraine bejubelte (bevor ihn die Regierung zum 6. Februar des Landes verwies). Vor der deutschen Residenz wehen einträchtig nebeneinander die europäische, die deutsche und die ukrainische Flagge.

Unser Gastautor Sten Martenson hat deutsch-baltische Wurzeln, seine Familie stammt aus Estland. Der Historiker und Journalist arbeitete als politischer Korrespondent in Bonn, unter anderem für die Stuttgarter Zeitung. 1990 bis 1995 war Martenson Vorsitzender der Bundespressekonferenz, 1995 bis 2000 leitete er die Pressestelle der SPD-Bundestagsfraktion

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