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Corona-Urlaubs-Talk bei “Hart aber Fair”: “Vielen Kunden bleiben auf Balkonien”

Corona-Urlaubs-Talk bei “Hart aber Fair” : “Vielen Kunden bleiben auf Balkonien”

Dieser Sommerurlaub wird anders - wenn er denn überhaupt stattfindet. Darüber sind sich auch Frank Plasbergs Gäste einig. Trotzdem gibt es bei „Hart aber Fair“ nicht nur schlechte Nachrichten.

Darum ging es

Können wir bald die Koffer packen? Oder haben wir uns zu früh gefreut? Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat sich zwar optimistisch gezeigt, dass die weltweite Reisewarnung für Deutsche Mitte Juni aufgehoben wird. Ein Starttermin für die Urlaubsplanung ist das allerdings nicht, denn die Unsicherheit bleibt groß. Frank Plasberg spricht mit seinen Gästen über den Spaßfaktor von Sommerferien mit Mundschutz und die schwierige Situation für Hotels und Reisebüros.

Die Gäste

  • Thomas Bareiß, CDU, Regierungsbeauftragter für Tourismus
  • Alexander Kekulé, Virologe
  • Uwe Ochsenknecht, Schauspieler
  • Meike Mouchtouris, Reiseverkehrskauffrau
  • Rolf Seelige-Steinhoff, Hotelier
  • Annabel Oelmann, Verbraucherzentrale Bremen

Der Talkverlauf

Für die erste Überraschung des Abends sorgt der Virologe Alexander Kekulé. Er will in den Ferien zum Windsurfen nach Ägypten und hat die Hoffnung, das es klappen könnte auch noch nicht aufgegeben. “Das ist weniger eine Entscheidung der Virologen als der Politiker”, sagt der Professor. Er selbst fühle sich auf dem Wasser sicher. Später merkt er an, die Gefahr durch das Virus werde durchaus unterschiedlich beurteilt, er habe schon von Hotels gehört, “die jeden Gast von Kopf bis Fuß mit Desinfektionsmittel einsprühen.” Kekulé hält davon wenig und seinen Aufenthalt am Meer für sicher, solange er am Strand zwei Meter Abstand halte. Der Hauptinfektionsweg verlaufe in schlecht gelüfteten Räumen, das gelte für den Urlaub genauso wie zuhause.

Frank Plasberg hatte zuvor Corona-Strandmodelle mit verschiedenen Zonen für bestimmte Bevölkerungsgruppen, mit 8-Meter-Parzellen oder Ticket-Buchungen für einen Platz an der Sonne ausgemalt. Der Moderator will aber vor allem herausfinden: Bleiben beim Urlaub mit Mundschutz und Vorsichtsmaßnahmen nicht Genuss, Unbeschwertheit und Erholung ohnehin auf der Strecke?

Uwe Ochsenknecht, zugeschaltet aus Mallorca, kann den Strandzonen-Szenarien wenig abgewinnen. “Ich war nie ein Fan vom Popo an Popo am Strand liegen”, sagt der Schauspieler, der auf der Insel auch eine Bar betreibt. Er erinnert daran, dass die Balearen durchaus auch andere Arten bieten, sich zu erholen: “Man kann ja trotzdem ins Meer, man kann spazierengehen, man hat das mediterrane Feeling.” Viel Schönes bleibe, findet er und hofft, “dass die Meckerei jetzt nicht überhand nimmt”, schließlich sei die Situation für alle neu. Jeder versuche, das Beste aus der Situation zu machen, vor allem gehe es ja darum Leben zu retten. “Der Spaß kommt dann an zweiter Stelle.”

Vielen Mitarbeitern in den Reisebüros ist der Spaß schon länger gründlich vergangen. Meike Mouchtouris verbringt in diesen Tagen 99 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Stornierungen, seit 15. März hat sie keine Einnahmen. “Man reißt uns den Boden weg”, sagt die Reiseverkehrskauffrau aus Lohmar. An stornierten Reisen verdient ein Reisebüro nicht. Wenn sie ihren Job verliere, verspricht sie, “dann gehe ich in die Politik!”. Dass sich in den nächsten Monaten viel ändern wird, kann sie sich nicht vorstellen, die Unsicherheit sei für viele zu groß, auch was die Unklarheit zu Stornierungen angeht. “Vielen Kunden bleiben auf Balkonien”, fürchtet sie.

Thomas Bareiß (CDU) sieht das Problem der Branche klar: “Die Lawine tritt da jetzt los”. Er erinnert daran, dass nicht nur große Unternehmen Hilfspakete bekommen haben, sondern auch kleinere Filmen und Selbständige in den ersten Monaten mit 8.000 bis 15.000 Euro unterstützt wurden. Er wisse allerdings, dass das nicht genüge. “Ich kämpfe für ein umfassendes Paket”, sagt der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung. “Wenn wir nicht schnell reagieren, bleibt von den 11.000 Reisebüros nicht viel übrig.”

Viele Zuschauer haben Plasberg Fragen zu unklaren Stornierungen, Gutscheinen und Rückerstattungen geschickt, denen Verbraucherberaterin Annabel Oelmann nur sagen kann: Jede Buchung sei anders, mögliche Rückerstattungen oder Stornos seien daher von Fall zu Fall verschieden, zudem stritten die Experten über viele Detailfragen noch. Tendenziell seien Pauschalreisende besser abgesichert als Individualtouristen, die mehrere einzelne Leistungen gebucht hätten.

Einer in der Runde strahlt vorwiegend Optimismus und fast ansteckend gute Laune aus: Hotelier Rolf Seelige-Steinhoff, der am gleichen Tag sein Vier-Sterne-Haus in Usedom für die ersten Gäste geöffnet hat. “Es gibt einen geänderten Urlaub”, sagt er, hält das aber ganz offenkundig nicht für eine Katastrophe. “Wir wollen am Anfang etwas vorsichtiger sein.” Zu 60 Prozent kann er sein hygienisch sorgsam präpariertes Haus belegen, im umgestalteten Frühstücksraum wird statt Buffet der Kaffee am Tisch serviert, und wer mag, kann ausschlafen und sich bis 12 Uhr mit Croissant und Räucherlachs verwöhnen lassen. Er hat detaillierte Abläufe für den Fall einer Infektion vorbereitet und hofft, noch mehr zu tun: Er würde gerne alle Mitarbeiter wöchentlich testen, um mögliche Infektionsketten zu bremsen.

Das ist eine Lösung, für auch Kekulé wirbt: “Testen, testen, testen!” rät der Virologe. Vor allem Schnelltests könnten das Risiko von Einschleppungen aber auch von Infektionen erheblich reduzieren. “Ich hätte mir sehr gewünscht, dass das ein größeres Thema in der Vorbereitung dieses Sommers ist”, sagt er. Da seien nicht alle Kapazitäten genutzt worden. Auf Plasbergs Frage: “Wann kann man mit gutem Gewissen sagen, man macht ganz normalen Urlaub?” hat auch Kekulé keine Antwort: “Ich bin kein Orakel”, so der Virologe. “Aber wir können lernen, damit umzugehen.”

Zum Abschied erinnert Plasberg daran, dass während für einige Urlauber die Erholung dieses Jahr zu kurz kommt, die Natur sich um so besser erholt: Bilder von kristallklarem Wasser in Venedig, Delfinen vor Istanbuls Küste, sauberen Strände in Mallorca könnten immerhin ökologisch ein Trost sein.

Dieser Text ist zuerst bei RP Online erschienen.