Streit um symbolträchtiges Wrack Was wird aus der „Landshut“?

Friedrichshafen · Groß war der Empfang, als die „Landshut“ 2017 nach Deutschland zurückkehrte. Seitdem lagert das Symbol des Terror-Herbstes 1977 in einem Hangar. Eigentlich sollte das Flugzeug-Wrack längst für Besucher geöffnet sein. Doch der Weg dahin ist nicht leicht.

Der Rumpf der im Jahr 1977 entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ steht in einem Hangar des Bodensee-Airports.

Der Rumpf der im Jahr 1977 entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ steht in einem Hangar des Bodensee-Airports.

Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Das Flugzeug, in dem sie entführt und fünf Tage gefangen gehalten wurde, ist für Gabriele von Lutzau „eine Herzensangelegenheit“. Als die „Landshut“ zurück nach Deutschland kam, habe sie sich „mit 40 Grad Fieber hingeschleppt“, sagt die ehemalige Lufthansa-Stewardess. Vier Jahre später schlummert das Wrack unverändert in einem Hangar in Friedrichshafen, obwohl es längst restauriert und Teil einer Ausstellung sein sollte. „Ich bin jetzt 67“, sagt von Lutzau. „Wie lange soll ich denn noch warten?“

Nicht nur die als „Engel von Mogadischu“ bekannt gewordene ehemalige Geisel wünscht sich, dass die 1977 von palästinensischen Terroristen entführte Maschine für Besucher geöffnet wird. Nach seiner Rückholaktion des Flugzeugs aus Brasilien im September 2017 hatte der damalige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) dazu schon konkrete Pläne: Die zuletzt für Transportflüge eingesetzte Boeing 737 sollte restauriert und im Dornier-Museum in Friedrichshafen ausgestellt werden - ab Herbst 2019. Doch fast alles kam anders als angedacht.

Statt zum Mahnmal im Kampf gegen den Terror wurde die „Landshut“ zum Zankapfel der Politik. Die für das Ausstellungskonzept zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hielt Gabriels Plan mit dem Dornier-Museum für „hochproblematisch“ und prüfte andere Standorte unter anderem in Berlin und im nordrhein-westfälischen Sankt Augustin-Hangelar - ergebnislos. Zwischendurch versuchte die Münchner CSU, die „Landshut“ in die bayerische Landeshauptstadt zu holen, wo das Flugzeug 1970 getauft worden war - ebenfalls erfolglos. Sogar eine Zerlegung des Flugzeugs wurde diskutiert, aber wieder verworfen.

Zeitgeschichtliche Bedeutung der „Landshut“ hervorheben

Jahre vergingen, das Flugzeug-Wrack in Friedrichshafen schlummerte weiter vor sich hin. Erst Ende vergangenen Jahres kam wieder Bewegung in die Debatte: Der Haushaltsausschuss des Bundestages stellte dem Bundesinnenministerium 15 Millionen Euro für eine Ausstellung rund um die „Landshut“ in Friedrichshafen zur Verfügung, zuständig dafür ist seitdem die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB). Sie soll ein Bildungs- und Dokumentationszentrum rund um das Flugzeug konzipieren.

Denn die „Landshut“ steht symbolisch für die größte Staatskrise der deutschen Nachkriegsgeschichte: den „Deutschen Herbst“. Im Jahr 1977 verübte die terroristische Rote Armee Fraktion eine Serie von Anschlägen in Deutschland. Um inhaftierte RAF-Leute freizupressen, brachten palästinensische Terroristen am 13. Oktober 1977 die „Landshut“ mit 82 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord in ihre Gewalt. Flugkapitän Jürgen Schumann wurde erschossen. In der somalischen Stadt Mogadischu stürmte schließlich die Spezialeinheit GSG9 die Maschine und befreite die übrigen Geiseln unversehrt.

Statt den „Horror des Ereignisses“ in den Mittelpunkt zu stellen, solle der geplante Lernort vor allem diese zeitgeschichtliche Bedeutung der „Landshut“ hervorheben, sagt BPB-Präsident Thomas Krüger. Deshalb sei keine vollständige Restaurierung oder Rekonstruktion des Flugzeugs geplant. „Dazu fehlen auch viel zu viele Teile“, sagt Krüger. Stattdessen werde erwägt, den Zustand der Maschine im Jahr 1977 mit Hilfe von Augmented Reality sichtbar zu machen. Ein virtueller Lernraum im Internet zum „Deutschen Herbst“ und der „Landshut“ sei bereits in Arbeit.

Wo das Flugzeug ausgestellt werden soll, ist unklar

Bei ehemaligen Geiseln und GSG9-Angehörigen stößt das auf Kritik. „Geschichte zum Anfassen ist doch das Allerbeste“, sagt Gabriele von Lutzau. „Es gibt die Sitze sogar noch. Man könnte das Ganze recht gut wieder herstellen.“ Auch der Ex-GSG9-Angehörige Dieter Fox, der an der Befreiung der Geiseln beteiligt war, wünscht sich zumindest eine teilweise Restaurierung. „Die nachfolgenden Generationen können sich doch gar nicht vorstellen, wie das damals aussah“, sagt er. „Es wäre fatal, wenn die Leute dann einfach in einen hohlen Raum kommen.“

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung will man das Flugzeug dennoch nicht komplett restaurieren und den Zustand von 1977 rekonstruieren. Damit könne man auch eine politische Instrumentalisierung der „Landshut“ in jegliche Richtungen vermeiden, betont Präsident Krüger. Eine Projektgruppe für die „Landshut“ werde sich künftig damit beschäftigen, auch ehemalige Geiseln und Befreier sollten bei der Planung einbezogen werden.

Die Landshut - Bilder von heute und damals
32 Bilder

Die Landshut - Bilder von heute und damals

32 Bilder

Wo genau das Flugzeug ausgestellt werden soll, ist bislang weiter unklar. Es würden Gespräche zu mehreren Optionen in Friedrichshafen geführt, sagt Krüger. Neben dem Flughafen würden auch Orte im Stadtzentrum diskutiert, weil diese zum Beispiel für Schülergruppen vom Bahnhof aus besser erreichbar seien. Sollte sich bald eine Lösung finden, könne das Bildungszentrum um die „Landshut“ Ende 2023 oder Anfang 2024 öffnen. „Das ist eine Zielstellung“, sagt Krüger.

Gabriele von Lutzau hofft derweil, dass sich bald ein neues Zuhause für die „Landshut“ findet, „ein Museum, das zeigt, wie der Deutsche Herbst damals war“. Die Erlebnisse im Oktober 1977 hätten ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, sagt sie. „Aber ich liebe die Maschine. Sie ist ein Symbol des Staates, der sich zur Wehr setzt. Wir haben damals gegen den Terrorismus gesiegt.“

(dpa)